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„That Girl“: Warum dieser Social Media Trend ziemlich toxisch ist

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Von: Helena Dimmel

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Bildmontage: Junge Frau mit Gurkenscheiben im Gesicht und Frau macht Meditation
„That Girl“ hat scheinbar die perfekte Morgenroutine. © YAY Images/Cavan Images/Imago/BuzzFeed Austria

Jede:r will „That Girl“ sein: Ein Mädchen mit perfekter Morgenroutine, das immer top gestylt und produktiv ist. Dieser vermeintlich „gesunde“ TikTok Trend hat viele gute Absichten, aber auch problematische Aspekte - Warum, erfahrt ihr hier.

Ja eh, wir wollen alle die „Best Version of Ourselves“ werden. „That Girl“ ist der neueste Selbstoptimierungs-Trend, der sich von den USA wie ein Lauffeuer über die gesamte Social Media Welt ausgebreitet hat. Inzwischen hat der Hashtag #ThatGirl rund zwei Milliarden Views auf TikTok angehäuft.

Unrealistischer Perfektionismus

Die Abs blitzen unter dem Tank Top hervor, die Limetten sinken ins Wasser. Schnell noch ein Buch lesen, dann eine Yoga-Pose machen, am besten mit Aussicht auf die Skyline einer Großstadt. Die idealisierten Bilder reihen sich aneinander, fast schon wie eine Werbekampagne; immer mit anderen Frauen, immer mit anderen Sixpacks und immer mit anderen optimierten Morgenroutinen. Die Message dieser Videos ist immer gleich: Optimiere deinen Alltag nach diesen Schablonen, dann wirst du „That Girl“.

„That Girl“ (zu Deutsch: Dieses eine Mädchen) schläft acht Stunden, steht um 05:30 Uhr auf, macht ihr Bett und beginnt den Tag mit einem Morgen-Workout. Dann trinkt sie einen Green Smoothie, liest ein Buch, schreibt in ihr Dankbarkeits-Tagebuch und geht Vollzeit arbeiten. So oder ähnlich sind die perfekt in Szene gesetzten Abläufe der Videos.

Nicht-Alltagstauglichkeit als Privileg

Dass diese Abläufe für viele von uns im Alltag nicht machbar sind, wird in der Repräsentation meist ausgespart. Menschen haben Kinder, Frühschichten, prekäre Arbeitsverhältnisse, körperliche oder geistige Behinderungen, oder sie sind einfach nur zerknautscht und müde am Morgen. Fakt ist: Für all diese Personen bleibt die perfekt strukturierte, optimierte Onlinewelt von „That Girl“ ein Ideal, das man nicht erreichen kann.

Auffällig ist außerdem, dass die Protagonist:innen der Videos zumeist schon dem Ideal entsprechen, das sie anstreben: Jung, schön und produktiv - Also nicht gerade sehr inklusiv. Auf YouTube, wo die Videos länger dauern und in „That Girl-Vlogs“ mehr Raum für Individualität gegeben ist, zeigen sich Influencer:innen selbstkritisch. Viele betten einen Disclaimer ein, der ungefähr so klingt: „Dieser Trend soll euch persönlich motivieren und von euch individuell gestaltet werden. Jede:r kann für sich selbst entscheiden, was „That Girl“ bedeutet und welche Teile der Morgenroutine relevant sind.“

„That girl has her shit together.“

Frei übersetzt auf Deutsch: „Dieses Mädchen hat ihr Leben im Griff“. Dieser Satz fällt oft, wenn in Videos über „That Girl“ gesprochen wird. Problematisch daran ist, dass Kontrolle über das eigene Leben erstens mit Erfolg gleichgesetzt wird. Wer sich kontrollieren kann, gewinnt, ist kein Loser. Zweitens suggerieren uns die Bilder in den Videos, dass diese Kontrolle auf eine ganz bestimmte Art und Weise ausgelebt werden muss. Und: Sie muss so aussehen, wie es die Visuals vorgeben. Sport ja, aber bitte ohne durchgeschwitzte T-Shirts und roten Kopf. Gesunde Ernährung ist ein Muss, aber wenn dann ästhetisch ansprechend, in Form von Instagram-worthy Acai-Bowls und fein dekorierten Avocado-Toasts.

Auch die sprachliche Komponente von „That Girl“ ist relevant: Es ist nicht nur „dieses“ Mädchen, sondern umgangssprachlich im Englischen „das eine, das besondere Mädchen“. Der Ausdruck wird oft verwendet, um Highschool Prom Queens und It-Girls vom Rest der anderen „normalen“ Mädchen abzuheben. „That Girl“ als Konzept entsteht also erst in Relation zu anderen Frauen, die nicht so produktiv, schön, populär, gebildet und erfolgreich sind.

Ab wann spricht man von „toxischer Produktivität“?

Wann Produktivität toxisch wird, ist nicht immer klar definierbar. Viele der Selbstoptimierungs-Methoden von „That Girl“ wie früh aufstehen, Sport, Yoga und gesunde Ernährung haben einen positiven Einfluss auf unsere Lebensqualität, das ist allgemein bekannt. Auch das Konzept von „Self Care“, also sich Zeit zu nehmen für sich selbst, Körper und Haut zu pflegen und sich weiterzubilden, scheint auf den ersten Blick unproblematisch. Dennoch stellt sich die Frage nach Maß und Ziel.

Selbstoptimierung und Produktivität können schädlich für uns sein, wenn sie zwanghaft werden - ähnlich wie bei Orthorexie (die Sucht nach gesundem Essen). Der Konsum von dem dazugehörigen Content auf Social Media ist davon nicht ausgenommen. In einer Umfrage der University of London zu Social Media aus dem Jahre 2020 gaben 70 Prozent aller befragten Frauen und Non-binary Personen zwischen 18 und 30 an, den Druck zu empfinden, ein perfektes Leben präsentieren zu müssen. Mehr als 75 Prozent gaben an, sie hätten das Gefühl „niemals den Bildern gerecht werden zu können, die sie auf Social Media sehen“. Rund 60 Prozent fühlten sich deswegen manchmal depressiv.

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