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Mein erstes Mal ... alleine im Kino

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Von: Johannes Pressler

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Ein Selfie von meinem Popcorn und mir bei meinem ersten alleinigen Gang ins Kino.
Die Minuten vor dem Start des Films. Noch bin ich alles andere als entspannt bei meinem ersten alleinigen Kinobesuch. © Johannes Pressler/BuzzFeed Austria

Warum der Kinobesuch ohne Begleitung für mich so eine Überwindung war - und warum es uns allen gut tun würde, mehr alleine zu unternehmen.

Heute fühlt sich alles etwas komisch an. Der Weg durch den Eingang, das Bezahlen der Eintrittskarte, und ganz besonders der Moment danach, wenn man nach einem Blick auf die Uhr realisiert, wie viel Zeit noch bis zum Einlass in den Saal ist. Normalerweise wäre jetzt der perfekte Moment, um mit Freund oder Freundin, Familie oder Arbeitskolleg:innen, Gspusi oder Tinder-Date ein bisschen darüber zu plaudern, was sich in unseren Leben gerade so tut. Gar nicht richtig in die Tiefe gehen, einfach nur ein paar Minuten Smalltalk, bevor der Film losgeht. Doch heute geht das alles nicht. Denn heute ist alles anders. Heute bin ich erstmals alleine im Kino.

Mein erstes Mal ... alleine im Kino

Ich gehe sehr gerne ins Kino. Die Vorfreude auf den neuen Film, der eingehende Geruch von Popcorn und die Analyse beim Bier danach, wie gut uns der Film gefallen hat. So ein Kinoabend hat schon was. Was ich mich bisher aber noch nie getraut habe, ist alleine ins Kino zu gehen. Ins Kino zu gehen habe ich bisher immer als eine Art soziale Aktivität gesehen. Erst durch eine Begleitung wird es zu einem sinnvollen Erlebnis, das auch Spaß machen würde. Ohne Begleitung keine soziale Aktivität. Ist der alleinige Kinobesuch daher etwas Unsoziales?

Die Klinische und Gesundheitspsychologin Caroline Erb sieht das gar nicht so: „Es ist natürlich stark von der Persönlichkeit abhängig, aber je öfter man etwas Neues ausprobiert, desto weniger bedrohlich scheint es.“ Es sei wichtig, sich nicht in eine Warteposition zu begeben, wo man davon abhängig sei, wer Zeit hat und mit wem man etwas gemeinsam unternehmen könnte. „Tendenziell geht man aus solchen Situationen eher gestärkt hervor und verbessert seine eigene Widerstandsfähigkeit“, sagt die Psychologin. Es komme aber ganz stark auf die aktuelle Lebenssituation an. Wenn man gerade starken Kummer oder eine Traurigkeit verspürt, sei es besser, den Kontakt zu vertrauten Menschen zu suchen. Solche „Mutproben“ im Alleingang könnten da einen eher runterziehen.

Die Klinische und Gesundheitspsychologin Caroline Erb im Porträt.
Auch die Klinische und Gesundheitspsychologin Caroline Erb ist schon alleine ins Kino gegangen. © Alex Gotter/parship.at

Studie zu alleine im Kino: „Bereicherndes Erlebnis“

Auf ein ähnliches Ergebnis wie die Psychologin sind zwei Forscherinnen aus den USA gekommen. Veröffentlicht in dem wissenschaftlichen Magazin „Journal of Consumer Research“ kam ihre Studie zu der Erkenntnis, dass der alleinige Kinobesuch eines neuen Films ein bereicherndes und lohnendes Erlebnis sein kann. So könne man den Kopf freibekommen und sogar depressive Gedanken verdrängen. „Menschen denken zu viel darüber nach, ob eine Aktivität alleine oder nur in Begleitung Spaß machen kann“, heißt es in der Studie. Wenige Minuten bevor der Film losgeht, ist mein Kopf aber alles andere als frei. Am Tisch neben mir in der Kantine sitzt eine ältere Frau. Ich bin also nicht der einzige hier, der alleine da ist. „Ein bisschen Smalltalk könnte ja nicht schaden“, denke ich mir. Doch gerade, als ich die Dame fragen möchte, welchen Film sie sich anseht, kommt ein jüngerer Mann zu ihr, wahrscheinlich ihr Sohn. Ich bin also doch der einzige hier, der alleine da ist.

Im Saal angekommen wird meine Stimmung auch nicht besser. Links und rechts von mir sind die Plätze im Saal noch leer. Bei jeder neuen Person, die in den Saal kommt, werde ich nervöser und nervöser. Hoffentlich setzt sich niemand neben mich, sonst müsste ich vielleicht sogar noch erklären, warum ich alleine im Kino bin. Erst im Nachhinein wird einem klar, wie unnötig solche Gedanken sind. Oder hast du schon mal jemandem alleine im Kino gesehen und dir dann gedacht, was das für ein Loser ist? Genau, ich auch nicht.

Jetzt ist es aber geschafft, es geht los. Der eigentliche Grund, warum ich heute hier bin. Der Saal wird dunkel und der Film beginnt. Spätestens ab jetzt sind auch meine letzten Sorgen verschwunden. „Man ist abgelenkt, lässt sich berieseln und wird wieder neu inspiriert“, sagt die Psychologin Caroline Erb, die während ihrer Studienzeit auch selbst hin und wieder alleine ins Kino gegangen ist. Mit dem Beginn des Films wird es auch für mich von einem alleinigen Erlebnis zu einem gemeinschaftlichen Happening. Man ist alleine hier, aber irgendwie auch nicht. Im gesamten Saal wird gemeinsam gelacht, mitgefiebert und während der ein oder anderen Szene auch die Logik des Films hinterfragt.

Was den Kinobesuch vom Binge-Watching unterscheidet

Es ist dieses gemeinschaftliche Gefühl während des Films, das meinen Kinoabend am Ende zu einem vollen Erfolg machen wird. Vergessen sind die Ängste vor ein paar Stunden, als ich alleine vor dem Kinoeingang gestanden bin. Vergessen ist der peinliche Moment, als ich die Frau in der Kantine ansprechen wollte. Vergessen sind die Gedanken, ob ich mir doch nicht lieber zu Hause eine Netflix-Serie anschauen sollte. Ein Gedanke übrigens, den immer mehr Menschen in Österreich zu haben scheinen. Denn während es 2009 laut Statista noch 18,4 Millionen Kinobesuche in Österreich gegeben hat, wurden 2019 (dem letzten Jahr vor der COVID-19-Pandemie) nur mehr 14,5 Millionen Kinotickets verkauft.

Binge-Watching wird eine immer beliebtere Alternative. Eine Studie der International Communication Association (ICA) hat allerdings erhoben, dass der stundenlange Konsum von Serien und insbesondere mehrerer Episoden hintereinander in direkter Verbindung zu Depression und Gefühlen von Einsamkeit stehen kann. „Die Dosis macht das Gift“, sagt die Psychologin Caroline Erb. Ein gemütlicher Tag im Schlabber-Look zu Hause am Sofa sei ab und zu kein Problem, doch es sei wichtig, dass man es im Blick behalten und zwischendurch auch Pausen einlegen würde. „Sonst bleibt irgendwann mal das Glücks- und Zufriedenheitserlebnis aus“, sagt die Psychologin.

Glücklich bin ich nach meinem Kinobesuch auf alle Fälle, zufrieden bin ich mit meiner Entscheidung ebenso. Das stärkste Gefühl nach meinem ersten alleinigen Besuch im Kino ist aber vor allem Erleichterung. Erleichterung darüber, mich über diese eigene Grenze gewagt zu haben. Ein Gefühl, das ich gemeinsam mit Freund oder Freundin, Familie oder Arbeitskolleg:innen, Gspusi oder Tinder-Date nie so erlebt hätte. Ein Gefühl, das ich wieder erleben möchte. Also vielleicht gehe ich schon bald ganz alleine so richtig schick Abendessen, zu einem Konzert meiner Lieblingsband oder wer weiß, vielleicht reise ich sogar ganz alleine für ein Jahr nach Argentinien. We will see. Was ich jedenfalls jetzt schon weiß: Das Ticket für meinen nächsten Kinobesuch ist bereits reserviert.

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