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Wie man jemandem, der normal ist, Österreich erklärt

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Von: Emily Erhold

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Österreich ist im internationalen Vergleich eigentlich ein richtig kleines, unscheinbares Land. Internationale Schlagzeilen machen wir trotzdem immer wieder. Weil wir einfach skurril sind. Und dann kann es passieren, dass wir Ausländer:innen gegenüber in Erklärungsnot kommen.

Aber kein Stress, hier ein Leitfaden wie man Österreich für normale Leute erklärt:

In anderen Ländern gibt es Legislaturperioden, bei uns gibt es Affären

Ich hatte letztens einen Zoom-Call mit einem amerikanischen Freund von mir. Unsere Freundschaft besteht ausschließlich daraus, dass wir uns einmal im Jahr ein Update geben, was gerade in unseren Ländern politisch abgeht. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich jedes Jahr mit einer neuen Affäre unserer Politiker:innen auftrumpfen kann. Und man bedenke, dass dieser Freund in den USA lebt, also selbst genug Erfahrung mit skurriler Politik hat.

Bildmontage: Sebastian Kurz, Pferdemittel Ivermectin, ein Lockdown-Schloss und eine Spritze.
Österreichische Kuriositäten ©  Ted S. Warren/Steinach/Imago/Herbert P. Oczeret/APA Picturedesk/BuzzFeed Austria

Während er in den letzten Jahren von den Amtszeiten der US-Präsidenten Barack Obama, Donald Trump und Joe Biden berichtete, konnte ich zwar auch mit mehreren Regierungen auftrumpfen, musste aber feststellen, dass ich den Überblick über die Amtszeiten unseres Parlaments verloren hatte. Stattdessen berichtete ich über Affären. Und davon gibt es in Österreich ziemlich viele. Der nun Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz etwa ist vor Kurzem aufgrund der Inseraten-Affäre zurückgetreten.

Die Ibiza-Affäre, die 2019 der türkis-blauen Koalition den Gar ausmachte, zieht sich noch immer wie ein roter Faden durch die österreichische Innenpolitik. Sie hatte auch skurrile Ausläufer wie etwa die Schredder-Affäre. Auch in der Casinos-Affäre wird weiterhin ermittelt. Zumindest die Eurofighter-Affäre scheint niemanden mehr zu interessieren. Das Verfahren wurde 2020 eingestellt. Die Affären sind übrigens keineswegs ein neues Phänomen. Das zeigt beispielsweise die Waldheim-Affäre Ende der 80er- bis Anfang der 90er-Jahre.

Freunderlwirtschaft ist keine Korruption

Für Leute, die nicht in Österreich leben, ist es vielleicht unverständlich, wie wir mit dem Gestank von Korruption, der sich durch unsere Innenpolitik zieht, überhaupt leben können. Und auch uns fällt es zumindest auf, dass in letzter Zeit viel Korruptions-Gerede rumgeht. In einer Umfrage des Magazins Profil aus dem Juni 2021 gaben immerhin 87 Prozent an, dass sie Korruption in der Politik wahrnehmen.

Dennoch berichten internationale Medien immer wieder über das fehlende Unrechtsbewusstsein in Österreich. Die US-amerikanische Online-Tageszeitung „Politico“ titelte nach dem Abgang von Sebastian Kurz im Oktober 2021 etwa „Kurz affair forces Austria to look in the mirror“, also „Kurz-Affäre zwingt Österreich in den Spiegel zu schauen“. Im Artikel wird auch das Wort „Freunderlwirtschaft“ erklärt und darauf eingegangen, dass Österreich seit Jahren nicht wahrhaben möchte, dass es ein Korruptionsproblem hat.

Wer in Österreich aufgewachsen ist, weiß: Wir sind uns durchaus bewusst, dass es Korruption gibt. Wir haben nur ein großes Problem damit, zu verstehen, wo Freunderlwirtschaft aufhört und Korruption beginnt. Jetzt mal ehrlich, wer arbeitet nicht am liebsten mit seinen besten Hawaran zusammen, die einem Liebesbekundungen über SMS zukommen lassen? Wenn man sich kennt, kennt man sich halt.

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In der Pandemie verlässt man sich am besten auf ein Orakel aus der Gastronomie

Anderes Thema: Während man in anderen Ländern potenzielle Lockdowns während der Corona-Krise anhand der Infektionszahlen ablesen konnte, gab es in Österreich meist andere Indizien. Österreich bekam in der Pandemie eine neue Infotainment-Sendung, die unter dem Titel „Pressekonferenz zur Corona-Lage“ regelmäßig veröffentlicht wurde. Die Regierung kündigt im Zuge dieses Formats Lockdowns, Maskenpflicht und andere Corona-Maßnahmen an. Manche Ausstrahlungen waren bisher aber auch nur dazu da, die nächste Ausstrahlung anzuteasern. Für alle, die gerne Spoiler hatten, gab es die Öffnungszeiten der Lokale und Clubs des Szene-Gastronomen Martin Ho. Irgendwie schien Ho immer bereits vor der Ankündigung eines Lockdowns zu wissen, dass es nun wieder Zeit ist, die Türen zu schließen. Sein feines Gespür machte ihn zum Orakel der Pandemie.

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Unsere Bundespräsidenten sind irgendwie auch unsere Opas

Wen ein:e Ausländer:in fragt, wieso wir nicht schon längst das Vertrauen in unseren Staat verloren haben, können wir ganz einfach unser Staatsoberhaupt als Argument liefern. Auch wenn wir es nicht immer gutheißen, was die Regierung macht, gibt es stets einen, der uns beruhigt und versichert, dass wir eh in einem schönen Land mit einer noch schöneren Verfassung leben. Das ist unser Bundespräsident. Alexander Van der Bellen, auch Sascha genannt.

Er wurde 2017 zum Bundespräsidenten gewählt. Was eigentlich ein recht chilliger Job ist, weil man zwar vor dem Nationalratspräsidenten und dem Bundeskanzler steht und außerdem oberster Befehlshaber des Heeres ist, aber eben nicht Regierungschef ist und meist nur repräsentative Aufgaben hat. Trotzdem hat man die Macht, die Regierung zu entlassen. Dass er sich so oft mit dieser Macht auseinandersetzen wird, hat sich Van der Bellen wohl nicht gedacht, als er sich zur Wahl aufstellen ließ

Wir sind jedenfalls glücklich, dass es ihn gibt. Vor allem, weil wir uns den früheren Grünen-Politiker, der sich einmal für die Legalisierung von Cannabis ausgesprochen hat, immer mit einem J... äh einer Tschick im Mund vorstellen. Seine ruhige Art und seine Liebe für die Verfassung hat uns jedenfalls in den letzten Jahren vor der Verzweiflung gerettet. Übrigens haben die Österreicher:innen ohnehin immer viel Liebe für ihre Bundespräsidenten. Auch Van der Bellens Vorgänger Heinz Fischer, liebevoll HeiFi genannt, erfreute sich großer Beliebtheit. Ein paar Ausnahmen gab es in der Geschichte der zweiten Republik natürlich (Waldheim vielleicht).

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Wir arbeiten eigentlich sehr logisch und evidenzbasiert, deswegen lautet unser Motto „Schau ma mal“

Wir lassen nicht nur die Freunderlwirtschaft ordentlich außarten, auch die Corona-Zahlen müssen ziemlich heftig werden ehe wir reagieren. Wir sind halt sehr neugierige Wesen, die gerne erst einmal sehen wollen, was passiert. „Schau ma mal“ lautet das Motto eines jeden guten Österreichers und einer jeden guten Österreicherin. Immerhin können wir ja erst aus der Erfahrung lernen. Wenn dann etwas Schlimmes passiert, gibt es tatsächliche Evidenz dafür, aus der man lernen kann (aber nicht muss).

Ein mögliches Beispiel hierfür: Tun wir so, als wäre Pandemie. Am Anfang ist klar, dass es erst einmal einen Impfstoff geben muss, ehe man auch nur annähernd von einem Ende der Krise sprechen kann. Wenn dann die ersten Impfstoffe bereit zu Auslieferung sind, kommt erstmal die Frage einer Impfpflicht auf. Doch die liegt für alle Expert:innen in weiter Ferne. Immerhin gibt es schon Erfahrung mit Impfungen, die Krankheiten ausgerottet haben. Außerdem muss sich ja nur ein Großteil der Bevölkerung impfen lassen, damit es so etwas wie Herdenimmunität gibt und das Virus sich nicht mehr so schnell ausbreitet.

In Österreich würde es dann auch aufgrund unserer Mentalität und unserer prinzipiellen Sturheit aber genügend Leute geben, die sich nicht impfen lassen. Sie scheinen eher neugierig zu sein, was passiert, wenn die Pandemie noch länger andauert. Manche von ihnen sind sogar so neugierig, dass sie evidenzbasiert schauen möchten, was passiert, wenn sie sich statt eines geprüften Impfstoffes für Menschen ein Entwurmungsmittel für Pferde reinziehen. Das könnte dann natürlich dazu führen, dass es eine weitere Welle dieser Pandemie gibt, vielleicht sogar einen weiteren Lockdown, der natürlich alle betrifft. Und, weil es am Ende eben nicht anders geht, auch eine Impfpflicht. Weil ma halt geschaut haben was geht.

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„Habt‘s scho Mittag gessen, jo?“ ist ein höflicher Gruß, der Respekt gegenüber Älteren suggeriert

Zum Abschluss noch ein kleiner Tipp für Tourist:innen. Wer in Österreich wirklich gut ankommen und sich ganz viele Freunde machen möchte, respektiert auch unsere ältesten Bürger:innen. Das bedeutet, dass man sie nicht nur höflichst siezen, sondern auch richtig begrüßen muss. Der Gruß „Habt‘s scho Mittag gessen, jo?“ bietet sich hier an und zeigt Empathie sowie Respekt.

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