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Auto-Tune: Vom verpönten Hilfsmittel zum Cher-Effekt

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Von: Christian Kisler

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Sängerin Cher präsentiert 1998 ihre mit Auto-Tune beladene Single „Believe“.
Sängerin Cher bei der Präsentation ihrer Single „Believe“, bekannt für den exzessiven Einsatz von Auto-Tune, 1998 © UPI Photo /IMAGO

Auto-Tune ist digitales Jodeln, nur dass man dafür nicht in den Alpen aufgewachsen sein muss. Einst verpönt, ist der Stimmeffekt aus der weiten Welt der Popmusik nicht mehr wegzudenken.

Auto-Tune, das ist dieser Effekt, der als Gleichmacher der menschlichen Stimme angesehen werden kann. Ein akustisches Gegenstück zum Auto-Correct, verbiegt es Gesprochenes und Gesungenes in jede erdenkliche Tonhöhe und erzeugt so einen Sound mit hohem Wiedererkennungswert. Kurzum: Es ist ein digitaler Weg zur Tonhöhenänderung, der die Stimme deutlich künstlich beeinflussen kann.

Auto-Tunes begradigt schiefe Töne

Behutsam eingesetzt, kann er schiefe Töne begradigen und so ein makelloses Stück Musik abliefern, sodass er ungeübten Hörer:innen nicht einmal auffällt. Ursprünglich sollte die neuartige Technologie Zeit, Nerven und Geld sparen, mussten falsch klingende Gesangsspuren so nicht immer und immer wieder aufgenommen werden, bis endlich etwas dabei war, das saß.

Was allerdings auch von Anfang an der Hauptkritikpunkt an dieser Technik war und ist: die Täuschung des Publikums unter Vorspiegelung falscher Tatsachen. Je nach Definition wird davon ausgegangen, dass in den meisten Pop-Songs der letzten 25 Jahren Auto-Tune Verwendung gefunden hat - wobei es nicht alleine um Studio-Aufnahmen, sondern auch um Live-Darbietungen geht. Und hier setzt die Diskussion an, ob es sich nicht doch um vorsätzlichen Betrug an den Besucher:innen handelt.

Auto-Tunes und der „Cher-Effekt“

Diese gehen beim Kauf eines Tickets in den meisten Fällen doch davon aus, dass die von ihnen verehrten Interpret:innen und Künstler:innen ohne technische Unterstützung singen. Wobei: Ist das Verstärken der Stimme über ein Mikrofon nicht auch ein technisches Hilfsmittel? Oder der Einsatz von Hall und Echo? Ganz so einfach ist die Sache also nicht.

Diese „Automatische Tonhöhenkorrektur“ wird mittlerweile nicht nur als Unterstützung für ungeübte Sänger:innen verwendet, sondern vielmehr als bewusst eingesetzter Effekt. Bekanntestes Beispiel: der Song „Believe“ von Cher aus dem Jahr 1998, der kurz nach Veröffentlichung von Auto-Tune im Jahr davor erschien. „Do you beliiiiieeeeve in life after love?“, wird da digital gejodelt, nicht umsonst wird hier beim bewusst hörbar gemachten Einsatz von Auto-Tune vom „Cher-Effekt“ gesprochen. Zumindest im kommerziellen Pop-Bereich wurde damit eine Lawine losgetreten.

Auto-Tune zweckentfremden mit Daft Punk

Der Punkt ist dabei nicht, ob man, sondern wie man den besagten Effekt einsetzt. „One More Time“ vom 2021 aufgelösten französischen Duo Daft Punk erschien 2000, also zu einer Zeit, als die Debatte um den Einsatz von Auto-Tune in vollem Gange war. „Auto-Tune ist toll, um Gesang zu begradigen, wir aber verwenden es in einer Art und Weise, in der es nicht vorgesehen war“, erklärte Thomas Bangalter, eine Hälfte des Zweigespanns, gegenüber dem Remix Magazine.

„Viele Leute beschweren sich über Musiker:innen, die Auto-Tune verwenden“, so Bangalter weiter. „Das erinnert mich an die späten 1970er Jahre, als in Frankreich Musiker:innen den Synthesizer verbieten wollten. Man sagte, er würde ihnen die Jobs wegnehmen. Was sie nicht sahen, war, dass man diese Werkzeuge auf neue Weise verwenden konnte, anstatt die bisherigen Instrumente zu ersetzen. Menschen fürchten sich oft vor Dingen, die neuartig klingen.“

Auto-Tune und Tixo

Übrigens, was den Namen anbelangt: Auto-Tune verhält sich zur automatischen Tonhöhenkorrektur wie etwa Tixo zu Klebeband. Beides sind Markennamen, die mittlerweile stellvertretend für das jeweilige Produkt gebraucht werden. Neben Auto-Tune vom Software-Entwickler Antares gibt es Programme wie Melodyne, Ableton Live, WaveLab oder Time Factory, die mit ähnlichen Features aufwarten. Auto-Tune hat sich wohl auch der Griffigkeit des Namens wegen als Oberbegriff durchgesetzt.

Auto-Tune war auch nicht das erste Programm seiner Art, als es 1997 vorgestellt wurde. Allein Handhabung und Alltagstauglichkeit im Tonstudio machten es zum weltweiten Marktführer. Tonhöhe konnte bereits im analogen Zeitalter, also bevor Computer allgegenwärtig werden sollten, manipuliert werden.

Schlumpf-Effekt als Vorläufer von Auto-Tune

Spielt man etwa die Aufnahme auf einer Schallplatte oder einem Tonband zu langsam oder zu schnell ab, ändert sich zwar die Tonhöhe, allerdings auch die Geschwindigkeit. Um etwa den Schlumpf-Effekt zu erzielen, nahmen die jeweiligen Sprecher:innen und Sänger:innen ihre Stimme betont langsam auf, danach wurde das ganze dann in doppelter Geschwindigkeit abgespielt.

Mittels Auto-Tune wurden zu Beginn aber nicht ganze Gesangsspuren deutlich hörbar manipuliert, sondern eben lediglich einzelne Töne angeglichen. Britney Spears etwa wurde genötigt, nicht in ihrer natürlichen Stimmlage zu singen, wodurch nicht alles perfekt sitzen konnte und einfach angepasst wurde. Unzählige Beispiele sind gar nicht bekannt und fallen dem ungeübten Ohr auch gar nicht auf.

Auto-Tune im Hip-Hop und in Österreich

Nicht nur im glatt gebürsteten Hochglanz-Pop, auch im Bereich Hip-Hop und R‘n‘B wurden ab den mittleren Nullerjahren ganze Songs durch Auto-Tune gejagt, um ein zunächst irritierendes Hörerlebnis zu erzeugen. Rapper T‘Pain beherrscht den Einsatz der automatischen Tonhöhenkorrektur bis heute meisterhaft, Kanye West sorgte 2008 auf seinem Album „808s & Heartbreak“ mit Auto-Tune-beladener Stimme für Aufsehen und Aufhorchen.

Einer, der in Österreich seit Beginn seiner Karriere ausgiebig Gebrauch von Auto-Tune machte, ist Marlon Nader, besser bekannt als Mavi Phoenix. Mit einer eigentümlichen Mischung aus Rap, R‘n‘B und Electro sowie mit Texten in tadellosem, nahezu akzentfreiem Englisch konnte er rasch auch über die Grenzen Österreichs Erfolge für sich verbuchen. Die Stimme ist nach seiner Transition deutlich tiefer geworden, auch ein wenig rauer. Der Sound bewegt sich mittlerweile in Richtung Indie-Pop, auf Auto-Tune als Effekt wird dennoch nicht verzichtet.

Auto-Tune is here to stay

Auch Bilderbuch setzen die Technologie in ihren aktuelleren Songs gerne ein, passend zu den schrägen Gitarreneffekten, die den ursprünglichen Sound des Instruments ja auch verfremden - und niemand stößt sich daran. Auto-Tune ist jedenfalls allerorts. Ob im internationalen Mainstream-Pop oder in österreichischen Indie-Produktionen, ob dezent als Hilfsmittel oder bewusst als greller Effekt: Die anfängliche Aufregung scheint sich mittlerweile gelegt zu haben.

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