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Mit Bob Saget ist die klassische Sitcom endgültig gestorben

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Von: Christian Kisler

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ALF diskutiert mit Willie Tanner, die Besetzung von Full House mit Bob Saget in der Mitte
ALF diskutiert mit Willie Tanner, die Besetzung von Full House mit Bob Saget in der Mitte © Everett Collection/MPTV/APA-Picturedesk/BuzzFeed Austria

Bob Saget gab in „Full House“ den Vorstand der etwas anderen Patchworkfamilie. Nun ist er 65-jährig gestorben. Ein Teil der klassischen Sitcom ist damit ebenfalls tot. Eine Art Nachruf.

Keine Spuren äußerer Gewalteinwirkung, keine Drogen, kein Verbrechen. Bob Saget ist am 9. Jänner 2022 in einem Hotelzimmer in Florida tot aufgefunden worden, Todesursache: ungeklärt. Er war auf Tour als Stand-up-Comedian, wie er auch in seinem letzten Tweet schrieb. Sein Humor als Bühnenkünstler war dabei beißend und sarkastisch, ganz anders als er sich in der Rolle gab, die ihn berühmt machen sollte: als Danny Tanner in der Sitcom „Full House“.

Die Blütezeit der Sitcoms

Die Serie lief im Original von 1987 bis 1995 acht Staffeln beziehungsweise 192 Folgen lang und war im deutschsprachigen Raum erstmals 1992 zu sehen. Also zu einer Zeit, in der man sich vor mehr oder weniger gelungenen Sitcoms nicht zu retten wusste. Ich lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass die 1980er und 1990er die Ära der Serien mit Lachen aus der Konserve war.

Der Begriff „Sitcom“ bedeutet ja situation comedy, also Situationskomik. Und darum geht es ja auch, eine meist alltägliche Gegebenheit so zu drehen, dass das Publikum im Idealfall lacht. Das kann sein, wenn ein selbst ernannter Heimwerkerprofi daran scheitert, einen Nagel einzuschlagen, ohne dabei unwillentlich eine Wand einzureißen, wie etwa Tim Allen in „Hör mal, wer da hämmert“.

In Sitcoms überschätzen sich die Protagonist:innen oft

Oder dass man die Hauskatze der Familie, bei der man Unterschlupf gefunden hat, tunlichst nicht verspeist, wie der Außerirdische ALF in der gleichnamigen Serie. Oder dass bei den wohlhabenden und vornehmen Verwandten, bei denen man vorübergehend untergebracht ist, Hip-Hop-Battles weniger angebracht sind, wie Will Smith in „Der Prinz von Bel-Air“ erfahren muss.

Im Wesentlichen läuft es ja immer nach dem gleichen Schema ab: Die Protagonist:innen überschätzen sich und bekommen ihr Versagen zum Gaudium der Zuschauer:innen möglichst eindrucksvoll vorgeführt. Oder es geht um kulturelle Missverständnisse, wobei genüsslich mit Stereotypen und Vorurteilen gespielt wird, etwa, wenn ein Haufen Aliens in Menschenkörpern menschliches Verhalten imitieren und daran scheitern - siehe „Hinterm Mond gleich links“.

Sitcoms bieten wenig Platz für Grauzonen

Wissenschaftler:innen wiederum müssen zwar immer hochintelligent, dafür aber sozial gelinde gesagt unbeholfen sein. Frauen und Männer verkörpern in aller Vehemenz ihr jeweiliges Geschlecht, da ist kein Platz für Grauzonen, wie etwa bei „King of Queens“. Typisch Frau, typisch Mann - was haben wir nicht gelacht!

Gelacht wird trotzdem, ob man will oder nicht. Denn eine klassische Sitcom wird ähnlich einer Seifenoper vorwiegend im Studio aufgenommen, entgegen der Soapopera aber vor Publikum. Und dieses reagiert per Regieanweisung entsprechend und johlt, lacht und buht, je nach Situation.

Gelächter aus der Konserve

Da die meisten Sitcoms klassisch aus den USA kommen, werden diese für den deutschsprachigen Markt synchronisiert. Und da geht der laugh track, die Tonspur mit dem Lachen verloren. Was passiert? Die Dialoge und das Geschehen werden mit voraufgezeichnetem Gelächter unterlegt, der viel zitierten Lachkonserve. Mit dem Effekt, den wir alle kennen: Auch wenn wir einen Gag oder eine Szene vielleicht gar nicht komisch finden, gekudert wird trotzdem. Halt Richtung Bildschirm.

Mir ist irgendwann eine wenig bekannte und letztlich unfassbar unlustige Sitcom untergekommen, deren Titel ich auch schon wieder vergessen habe. Der ist letztlich auch unerheblich, wichtiger ist, was ich da gesehen habe: schlechte oder zumindest schlecht synchronisierte Komik OHNE Lachkonserve. Ob sie vergessen wurde oder eingespart wurde, entzieht sich meiner Kenntnis, vielleicht war es auch ein technisches Gebrechen.

Klassische Sitcoms ohne „lough track“ funktionieren nicht

Das Ergebnis war so oder so ernüchternd. Die Schauspieler:innen machten zwischen ihren Szenen und Dialogzeilen unnatürlich lange Pausen - klar, im Original wurde an den jeweiligen Stellen auch gelacht, was das Zeug hält. Was passierte nun in der deutschen Version? Sie funktionierte nicht, das Timing stimmte überhaupt nicht mehr. Ein Live-Mitschnitt deiner Lieblingsband ohne Reaktion des Publikums ist ja auch nur der halbe Spaß.

Wie so vieles sind auch Sitcoms unterschiedlich gealtert. Manche Witze gehen heute überhaupt nicht mehr, zu Recht. Etwa jener der dummen Blondine in Form von Christina Applegates Rolle in „Eine schrecklich nette Familie“. War prinzipiell immer schon schwierig anzusehen. „Seinfeld“ und „Friends“ funktionieren jedoch immer noch, sieht man vom Diversitätsproblem ab. Das hatten leider so gut wie alle Serien aus dieser Zeit, sieht man von „Der Prinz von Bel-Air“ oder „Alle unter einem Dach“ ab, die aber ursprünglich für ein rein schwarzes Publikum gedacht waren.

Turbulenzen bei „Full House“

Was ist nun mit „Full House“? Der Plot ist womöglich nicht mehr ganz zeitgemäß, aber bitte: Bob Saget spielt mit dem Charakter des Danny Tanner (nicht verwandt mit den Tanners, die ALF Unterschlupf gewähren), einem jungen Witwer, der plötzlich vor der Aufgabe steht, sich alleine um seine drei Töchter kümmern zu müssen. Da ihm diese Aufgabe schnell über den Kopf zu wachsen droht, bittet er seinen Schwager und seinen besten Freund, bei ihm einzuziehen und ihn bei der Kindererziehung zu unterstützen. Allerlei Turbulenzen sind somit vorprogrammiert. Najo.

„Full House“ war nicht nur für Bob Saget der eigentliche Beginn seiner Karriere, sondern auch für John Stamus, der in der Serie den „coolen“ Schwager Jesse gab, einen wenig erfolgreichen Musiker. Außerdem traten mit der Sitcom auch die Olsen-Zwillinge Mary-Kate und Ashley ins Licht der Öffentlichkeit, in der ersten Staffel noch als Babys. Abwechselnd verkörperten sie Michelle, den jüngsten Spross der ungewöhnlichen Patchworkfamilie.

„Full House“ wird zu „Fuller House“

In den USA erfreute sich „Full House“ so großer Beliebtheit, dass 2016, also 21 Jahre nach Ende der finalen Staffel, mit „Fuller House“ eine Art Fortsetzung in Serie ging. Im Mittelpunkt die Tanner-Schwestern D.J. und Stephanie, eine Freundin der beiden sowie all ihre Kinder, selbstverständlich alle unter einem Dach. Die Schauspieler:innen der Original-Sitcom hatten Gastauftritte, so auch Bob Saget.

Irgendwie scheint die klassische Sitcom aber ausgedient zu haben. Neuere Comedy-Serien wie „Schitt‘s Creek“, „Brookly Nine-Nine“ oder „Life in Pieces“, über die ich mich allesamt scheckig lachen könnte, funktionieren anders, sie sind vielschichtiger und haben in vielerlei Hinsicht ein gänzlich anderes Niveau. Sterotypen spielen immer noch eine Rolle, kommen aber dann doch reflektierter daher. Und sind auf jeden Fall erfrischender als die 357. Wiederholung von „Two and a Half Men“ oder „The Big Bang Theory“.

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