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Der „Clean Girl“-Trend auf TikTok: Sauber aussehen mit ganz viel Make-Up

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Von: Helena Dimmel

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Effortless clean wie Hailey Bieber? Dahinter stecken Beauty-Filter, gutes Licht und viel Make-Up. © Imago/Panthermedia/TikTok

Der „Clean Girl“ - Trend auf TikTok sieht gut aus, glorifiziert aber unrealistische Schönheitsideale und setzt rein wirkende Haut mit Kontrolle über das eigene Leben gleich.

„Clean Girl“ (Sauberes Mädchen) heißt der neueste virale Trend auf der chinesischen Social Media Plattform TikTok. Inspiriert von „Model-Off-Duty“- und „No-Make-up-Make-up“-Looks versuchen junge, meist kaukasische Mädchen, mit einer Reihe von Beauty-Produkten ein „sauberes“ Aussehen zu erreichen. Typische Elemente des Looks sind buschige Brauen, makellose Haut, leicht gerötete Wangen und glänzende Lippen. Inspiriert von Promis wie Hailey Bieber, Rosie Huntingdon-Whiteley und Zoe Kravitz will man dadurch „effortless chic“ (mühelos schick) wirken.

„Du solltest aussehen, als hättest du nicht einmal Make-up getragen - du bist gerade aufgewacht und siehst perfekt aus!“, sagt eines der jungen Mädchen aus den „Clean Look“-Tutorials, die auf TikTok derzeit hunderttausende Views generieren. „Der Trend ist nur was für Leute, die ohnehin makellose Haut haben!“ steht in einem Kommentar darunter. Ironischerweise nimmt die Ausführung solcher Tutorials einiges an Zeit und Effort in Anspruch - von Mühelosigkeit kann nicht die Rede sein. Für viele ist „Clean Girl“ zudem nicht nur eine Ästhetik, sondern ein Lifestyle. Unter die kurzen Videoclips und Collagen mischen sich ähnlich wie bei „That Girl“ neben Gesichtspflege- und Make-up- auch Workout- und Putz-Sequenzen. Zwar soll der „saubere“ Look durch das gezielte Einsetzen von Foundation, Bronzer, Blush, Highlighter, Setting Powder & Co auch für Menschen mit Akne oder anderen Hautbeschwerden ermöglicht werden, aber macht es das wirklich unproblematisch?

Reine Haut als Status-Symbol

Auf den ersten Blick wirkt „Clean Girl“ wie viele andere TikTok-Ästhetiken. Der Look verbindet verschiedene Stil-Elemente und Design-Aspekte wie monochrome Farbpaletten, goldene Accessoires und minimalistische Kleidung. Die Prämisse, „sauber“ aussehen zu wollen, beziehungsweise Sauberkeit mit reiner Haut gleichzusetzen, gilt es allerdings zu hinterfragen. Ist glatte, ebenmäßige Haut ohne Pickel sauber? Und impliziert dies nicht auch, dass Personen mit Akne-Läsionen unhygienisch sind? Die Wissenschaft spricht sich dagegen aus.

Akne als Hauterkrankung hat eine Vielzahl von Ursachen, die das Mikrobiom der Haut und damit die Balance der angesiedelten Keime stören. Reinigung der Haut durch Seifen oder Öle spielt zwar eine Rolle und kann dabei helfen, Schmutzrückstände zu entfernen, man kann Akne-Läsionen jedoch nicht, wie von vielen Kosmetikfirmen propagiert, „weg-reinigen“. Es ist eine schmerzhafte Erfahrung, die viele von als Teenager machen müssen: Egal wie oft man sich Clearasil oder ähnliches ins Gesicht kleistert, die Pickel sind nicht von heute auf morgen verschwunden.

Zudem kommt allerdings, dass das „Clean Girl“ eben nicht nur reine Haut hat und optisch „put together“ aussieht, sondern als Idealfigur auf Social Media damit assoziiert wird, ihr Leben unter Kontrolle zu haben. Dieser in der Psychologie als „Halo-Effekt“ bekannte Mechanismus, dass einer bestimmten Eigenschaft weitere zugeschrieben werden, funktioniert in beide Richtungen: Wer schöne Haut hat, hat sich im Griff, wer Akne hat, ist unkontrolliert und unhygienisch. Das „Skin Positivity“-Movement hat diesem Stigma online den Kampf angesagt. Influencer:innen wie „mypaleskinblog“ möchten bewusst ein Zeichen setzen und zeigen, wie normal Akne und Hautunreinheiten sind.

Die komplexe Beziehung von Akne und Make-Up

Klar ist, dass wir unsere Haut reinigen müssen, wann immer wir Make-up tragen. Ob das Tragen von Make-up zu Akne führt oder bestehende Akne-Läsionen verstärkt, lässt sich pauschal nicht sagen. Das Journal of Cosmetic Dermatology veröffentlichte 2020 eine Studie, die das Verhältnis von Akne und der Nutzung von Make-up und anderen kosmetischen Produkten untersuchte. Von den befragten 539 koreanischen Frauen gaben 38 Prozent an, dass sich der Zustand ihrer Akne durch die fortgesetzte Verwendung von Kosmetika verschlechtert hatte. Die „Double Cleansing“-Methode, eine zweimalige Reinigung mit öl- und wasserbasierten Reinigungsmitteln schien nach dem Tragen von Make-Up jedenfalls Folge-Unreinheiten zu minimieren.

„Acne Cosmetica“ nennt sich die Sonderform der Akne, die durch Kosmetika verursacht oder verschlimmert wird. Dahinter steckt vermutlich eine durch das Tragen von Make-up chemisch induzierte Verstopfung der Talgdrüsen. Als dermatologisches Problem der 1970er und 1980er Jahren führt man Acne Cosmetica heute vor allem auf eine Öl-basierte Formulation von Make-up zurück, da diese zu einer Verstopfung der Poren und einem vermehrten Auftreten von Akne führt. Moderne Kosmetika sind hingegen auf Wasserbasis formuliert und ölfrei. Dies macht sie „nicht komedogen“, das heißt, dass ihre Bestandteile die Poren nicht verstopfen und sich keine Talgansammlungen bilden.

Durch die verbesserten Formulierungen, die die Make-up Industrie hervorgebracht hat, ist eine Diagnose von Acne Cosmetica in der dermatologischen Praxis relativ selten geworden. Reaktionen auf Akne treten heutzutage vermehrt dann auf, wenn aufgetragene Kosmetika nach dem Tragen nicht korrekt entfernt werden. Es kann allerdings einige Zeit dauern, bis sich Acne Cosmetica entwickelt, was die Diagnose erschwert. Laut der American Academy of Dermatology Association vergehen rund eine Woche bis hin zu sechs Monaten, bis Unreinheiten durch das Tragen von Make-up auftreten. Ein Teufelskreis entsteht dann, wenn die durch Make-up ausgelösten Hautunreinheiten immer wieder neu überdeckt werden und sich allmählich verschlimmern.

Unrealistische Erwartungshaltungen

Das „No-Make-Up-Make-Up“ des „Clean Girls“, also die hohe Kunst, so auszusehen, als hätte man gerade kein Make-Up im Gesicht, verlangt neben der korrekten Anwendung von Produkten in vielen Schichten allerdings auch den Einsatz von Beauty-Filtern und dem richtigen Licht. Bereits Mitte 2021 machten Influencer:innen unter dem Titel „What Make-up really looks like“ (Wie Make-Up wirklich aussieht) mit Videos auf Social Media darauf aufmerksam, dass Trends wie „Clean Girl“ unrealistisch sind.

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