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Filmemacher:in Elena Wolff: „Das Schaffen von Schönheit in einem Meer aus Schutt ist auch Widerstand“

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Von: Iris Adelt

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Schauspieler:in Elena Wolff
Interview mit Elena Wolff © Leah Valentina Hochedlinger

Elena Wolff spricht im Interview mit BuzzFeed Austria über ihren Spielfilm „Para:dies“ und warum Kunst die Fähigkeit hat, strukturell zu verändern.

„Para:dies“ ist ein österreichischer Spielfilm, der 2022 erstmals auf Filmfestivals gezeigt wurde. Filmemacher:in, Schauspieler:in und Kabarettist:in Elena Wolff spielt nicht nur eine der beiden Hauptrollen, sondern führte ebenfalls Regie und schrieb das Drehbuch. „Para:dies“ ist Wolffs Spielfilmdebüt, in dem eine queere Beziehungsgeschichte dargestellt wird.

Gewalt im Film

In Form eines Dokumentarfilms werden unterschiedliche Arten von Gewalt gezeigt, die sich in einem Gefecht aus Liebe, Neid und Eifersucht verfangen. Der besonders sensible Umgang mit der Verbindung zweier leidenden Protagonist:innen zeigt, wie Gewalt im Film dargestellt werden muss. Warum das so ist und Film generell die Macht hat, gesellschaftskritisch zu sein, erklärt Elena Wolff gegenüber BuzzFeed Austria. 

Gewalt gegen Frauen passiert, statistisch gesehen ist es jede dritte Frau, die in Europa häusliche Gewalt erleben muss. Denkst du, Gewalt ist etwas, das durch Kunst nicht nur bekämpft werden kann, sondern auch muss?

Ich denke schon, dass Kunst die Fähigkeit hat, strukturelle Veränderung zu schaffen. Insbesondere Film hat die Möglichkeit Utopien zu entwerfen und sichtbar zu machen. Ich wünsche mir oft zusätzlich zum Aufzeigen dessen, was schädlich und veraltet ist, auch Entwürfe, wie es sein könnte. Die Verpflichtung sehe ich zwar mehr in der Politik, Bildung und Öffentlichkeitsarbeit als in der Kunst, aber vollständig der Verantwortung entziehen kann sie sich nicht. Nichtsdestotrotz muss nicht jedes Werk den Anspruch haben, die Welt zu verändern, dem würde ja kaum jemand gerecht werden. Das Schaffen von Schönheit in einem Meer aus Schutt ist auch Widerstand.

Hat Film die Macht, nicht nur gesellschaftskritisch zu sein, sondern auch patriarchale Systeme zu hinterfragen und zu stürzen?

In der Filmbranche trifft sich Kunst mit Industrie mehr als in anderen Branchen - hohe Geldsummen und zahlreiche Beschäftigte kommen hier ins Spiel. Es können auf mehreren Ebenen antiquierte Strukturen aufgebrochen werden. Wer macht Filme? Wessen Filme werden finanziert? Welche Geschichten und Stimmen gelten als erzählenswert? Wer arbeitet vor und hinter den Kulissen? Wer profitiert finanziell oder wird sichtbar gemacht?

Welchen Anspruch hast du an dich selbst?

Ich persönlich möchte mit vielen meiner Arbeiten sowohl inhaltlich als auch besetzungstechnisch positive Impulse setzen, stoße da aber grade bei der Finanzierung häufig auf Grenzen. Nichtsdestotrotz ist Film im Allgemeinen eine Kunstform und keine moralische Instanz und darf auch einfach unterhalten - im Idealfall ohne schädliche und gewaltvolle Machtsysteme, und ohne Vorurteile zu reproduzieren.

Wie wurde bisher Gewalt gegen Frauen im Film gezeigt und was ist daran richtig oder falsch?

Gewalt gegen Frauen dient meistens der narrativen Entwicklung des männlichen Protagonisten. Häufig sieht man männliche Täter, deren innere Zerrissenheit und Komplexität ihn zu Gewalttaten zwingt. Meist ergreift man dennoch aufgrund der Darstellung Partei für ihn. Selten sieht man die psychischen und emotionalen Auswirkungen auf die weiblichen Opfer. Als besonders verstörend empfinde ich übermäßig sexualisierte und überflüssige Vergewaltigungsszenen. Ich höre zu dieser Thematik häufig „so ist es ja im echten Leben“. Meiner Meinung nach normalisiert das permanente Zeigen expliziter männlicher Gewalt diese, statt sie zu verhindern.

Dein Film „Para:Dies“ feierte 2022 sein Debüt. Es werden physische Übergriffigkeiten gezeigt, zum Beispiel durch ständiges Berühren. Wie wurde damit umgegangen?

Die Berührungen waren vor allem ein Resultat der Vertrautheit des Paars. Die Momente, in denen insbesondere Lee gegenüber Jasmin grob wird, haben wir im Vorfeld und auch währenddessen immer wieder abgesprochen. Wir hatten beim Dreh von „Para:dies“ den Luxus, dass die Machtverhältnisse zwischen meiner Co-Filmemacherin Julia Windischbauer (Jasmin) und mir (Lee) ausgeglichen waren. Zusätzlich hatten wir keinen Zeitdruck und waren ein sehr kleines Team, was uns die Flexibilität erlaubt hat jederzeit abbrechen zu können, wenn sich jemand unwohl fühlen sollte.

Würdest du sagen, dein Film handelt auch von emotionaler Gewalt - falls ja, inwiefern?

„Para:dies“ handelt von psychischer und emotionaler Gewalt. Mir war wichtig, keine der Figuren einseitig als Opfer oder Täter:in zu stilisieren. Eher die komplexe Dynamik zwischen zwei traumatisierten Individuen zu thematisieren, die einander aufgrund ihrer nicht aufgearbeiteten Wunden beschädigen. Ich war überrascht, dass meistens nur die Verletzungen Jasmin gegenüber thematisiert wurden.

Warum ist das so?

Viele maskuline Frauen und Fem-Personen erleben, dass sie häufiger dämonisiert werden, weil man ihnen ihre Weiblichkeit abspricht und dadurch eher versucht ist, sie als Aggressor:innen zu sehen. Lee ist zwar offenkundig abwertend Jasmin gegenüber, aber auch Jasmin begeht emotionale Gewalt, indem sie Lee mehrfach betrügt, gaslighted und hintergeht. Auf eine paradoxe und perfide Art und Weise geben sich beide genau, was sie aufgrund ihrer Muster denken zu brauchen. Das war mir beim Schreiben wichtig.

Wie fühlt es sich an, einen Film zu schreiben, Regie zu führen und darin zu spielen, in dem Gewalt gegen Frauen eines der zentralen Themen ist?

Für mich geht es in „Para:dies“ nicht um Gewalt an Frauen, sondern um psychische Gewalt unter Liebenden. Das Geschlecht spielt eine untergeordnete Rolle. Ich war selbst in ungesunden, teils gewaltvollen Beziehungen und habe meine Erfahrungen in der Figur von Lee vereint. Es war interessant aus deren Perspektive zu handeln und sich selbst der Figur Jasmin gegenüberzustellen - wenn auch in stark abstrahierter Form.

Was braucht es, damit Gewalt gegen Frauen in Film nicht nur richtig porträtiert wird, sondern Film ein künstlerisches Werkzeug sein kann, wodurch Gewalt bekämpft wird?

Alles, was der Humanisierung von Menschen dient, macht es schwieriger, sie abzuwerten. Je mehr Frauen (insbesondere Frauen of Color) wir in unterschiedlichen Rollen auf der Leinwand sehen, desto größer wird das Bewusstsein für ihre Menschenwürde. Sollte es notwendig sein, Gewalt an Frauen zu thematisieren und zu zeigen, dann mit großer Sorgfalt und Recherche und mit dem Anspruch, dem Erlebten gerecht zu werden. Prinzipiell würde ich immer die Frage stellen: Aus welcher Perspektive erzähle ich? Warum ist es mir wichtig? Wie viel Drastik ist notwendig? Fühlt sich eine betroffene zusehende Person dadurch gesehen und bestärkt, oder retraumatisiert? Hält es Menschen davon ab, gewalttätig zu sein, oder animiert es sie eher dazu?

Cis-Männer, die Regie führen oder Drehbücher schreiben, in denen (sexualisierte) Gewalt gezeigt wird, stehen selten in der Kritik - obwohl der „Male Gaze“ hier besonders problematisch ist. Warum?

Wir sind gesellschaftlich dazu konditioniert, in männlicher Arbeit Intention und Genie zu lesen - weibliche Arbeit sehen wir als mangelhaft oder im gelungenen Fall als glücklichen Zufall. Männliche Netzwerke sind dichter, männliche Solidarität stärker ausgeprägt als weibliche. Hinzu kommt, dass Gewalt an Frauen im Film eine lange Tradition hat und häufig gar nicht als solche interpretiert oder wahrgenommen wird. Frauen und nicht-binäre Menschen müssen ihre Daseinsberechtigung in der Filmbranche tendenziell mehr verteidigen. Und das überträgt sich auch auf ihre künstlerischen und inhaltlichen Entscheidungen.

Gewalt an Frauen findet nicht nur im Film statt, sondern leider auch in der Realität. Österreichische Frauenhäuser erklären, warum das keine Privatsache ist.

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