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Die Empörung über den gefakten Busen der Ex-Kanzler-Freundin im Falter führt ins Leere

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Von: Christian Kisler

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Seite 3 der Falter-Beilage „Best of Böse“ 2021
Die Seite 3 der Falter-Beilage „Best of Böse“ sorgte für Aufregung © Buzzfeed Austria

In der Falter-Beilage „Best of Böse“: Ein Bild, das die Freundin von Sebastian Kurz auf einem barocken Gemälde mit blankem Busen zeigt, regt auf. Zurecht? Meine 2 Cents zum Thema.

Der Falter war immer schon eine ausgezeichnete Wochenzeitung, in den letzten Jahren hat er sich einen Namen in Sachen investigativem Journalismus gemacht. Zuletzt erst deckte er auf, dass der damalige Generalsekretär im Finanzministerium, Thomas Schmid, MAN-Investor Sigfried Wolf einen Steuernachlass von mehreren hunderttausend Euro gewährleistet haben soll. Schmid, du weißt schon, der Mann, der in seinen beruflichen Chats ein bisserl sehr offenherzig ist: „Ich liebe meinen Kanzler“ oder eben zuletzt „Du bist die Hure der Reichen“.

Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz auf Platz 1 der Falter-Beilage „Best of Böse“

Jener Thomas Schmid hat es in der Falter-Beilage „Best of Böse“, in der einmal im Jahr 100 Österreicher:innen aufgelistet sind, die sich besonders wenig um das Land verdient gemacht haben, auf Platz 6 geschafft. Das regt niemanden auf, auch nicht, dass Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz auf Platz 1 gelandet ist.

Für Aufregung hat das Deckblatt auf Seite 3 gesorgt, quasi das Cover nach dem Cover. Nachdem es in den letzten Jahren im Stil der Sonntagsbeilage der Kronenzeitung oder jenem der Tageszeitung Österreich gehalten worden ist, hat der Falter diesmal die Wochenendzeitschrift des Kurier verballhornt. Aus „Freizeit“ wurde „Geilzeit“, womöglich in Anlehnung an Sebastian Kurz‘ legendäres Geilomobil, mit dem er vor über zehn Jahren als JVP-Chef durch die Gegend gefahren ist, um Wahlkampf zu machen.

Kurz-Freundin Susanne Thier als Jungfrau Maria mit blanker Brust

Auch das kein Anlass für Unmut. Sondern die Bebilderung. Die zeigt nämlich ein Gemälde des Barockmalers Jacob Jordaens, und zwar zur Jahreszeit passend „Die Heilige Familie mit Hirten“, also nach der Geburt Jesu im Stall. Wahrscheinlich eher schlecht hineinkopiert die Köpfe von Kurz als Josef, seiner Freundin Susanne Thier als Maria sowie Alexander Schallenberg und Herbert Kickl als Hirten.

Der Stein des Anstoßes: Maria/Susanne Thier entblößt ihre linke Brust, um das Jesuskind zu säugen. Das Ganze ist geschmacklos, es grenzt an Sexismus, es ist darüber hinaus nicht besonders originell, mir behagt es auch nicht. Aber Satire muss das dürfen. Deswegen finde ich es reichlich überzogen, wenn ZIB-2-Moderator Armin Wolf das Ergebnis mit einer „Maturazeitung aus den 1980ern“ vergleicht. Das war aber noch eine der freundlichsten Meldungen.

Familienministerin Susanne Raab kritisiert den Falter

Auch PULS4-Info-Chefin Corinna Milborn zeigte sich empört, wiegelte aber ebenso wie Wolf in weiteren Tweet immerhin ab, dass Satire zwar alles dürfe, es ihr aber nicht gefallen müsse. Anders Familienministerin Susanne Raab (ÖVP), ebenfalls über Twitter: „Dieses Cover ist sexistisch und geschmacklos. Dass hier völlig unbeteiligte Privatpersonen in die Öffentlichkeit gezogen und dort bloßgestellt werden, überschreitet eine Grenze.“

Im Gegensatz zu Raab keine Parteikolleginnen von Kurz sind Frauensprecherin Meri Disoski und Mediensprecherin Eva Blimlinger von den Grünen. In einem offenen Brief haben sie den Presserat angerufen. „Diese Abbildung ist in hohem Maße sexistisch, herabwürdigend, ja geradezu empörend“, heißt es darin. Damit wollen sie, dass der Presserat ein Verfahren gegen den Falter einleitet. Nicht die einzigen Beschwerden beim Presserat.

Falter-Satire erst durch Empörung im Rampenlicht

Womöglich hat der Falter übers Ziel hinausgeschossen, allerdings wohlgemerkt im Rahmen einer Satire. Vielleicht erinnerst du dich an die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo, die 2012 und 2013 Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, was 2015 in einem Anschlag auf die Redaktion mit elf Toten mündete. Der Vergleich hinkt, das ist mir bewusst. Was aber sehr wohl zutrifft, ist der sogenannte Streisand-Effekt: Ohne den Aufschrei der Empörung, hätte kaum jemand Notiz von den Karikaturen genommen, ebenso wenig von der Falter-Photoshop-Stümperei.

Und natürlich ist die Darstellung entbehrlich. Nur weil Satire alles kann, heißt das noch lange nicht, dass sie alles muss. Aber wenn sie schon zuschlägt, muss man das aushalten können, ohne gleich die Empörungsmaschine in Gang zu setzen.

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