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Das Baby vom Nirvana-Cover hat geklagt und verloren - das ist richtig so

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Von: Christian Kisler

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Das Cover des Albums „Nevermind“ von Nirvana, Kurt Cobain bei einem Konzert in den Niederlanden 1991
Spencer Elden, das Baby auf dem Nirvana-Album „Nevermind“, hat die Band und die Hinterbliebenen von Kurt Cobain geklagt. © Geffen/SubPop/Hollands-Hoogte/Zuma/Apa-PictureDesk/BuzzFeed Austria

Der Mann, der auf dem Cover von Nirvanas „Nevermind“ als Baby zu sehen ist, hat geklagt, weil er sich über Jahre missbraucht gefühlt hat. Die Klage wurde vorerst abgewiesen. Zu Recht. Meine 2 Cents dazu.

Spencer Elden ist im Sommer 1991 vier Monate alt, als er für ein Album-Cover fotografiert wird. Es soll für das zweite Album einer mäßig bekannten Band aus Seattle im US-Bundesstaat Washington verwendet werden. Die Band heißt Nirvana, die Platte „Nevermind“ und ist bis heute eine der wichtigsten und besten der Rockgeschichte. Ein Überraschungserfolg, mit dessen Größenordnung niemand gerechnet hat, am wenigstens Nirvana selbst, und an dem Kurt Cobain schlussendlich zugrunde geht.

Das Konzept für das Cover stammt von Cobain selbst: ein Baby unter Wasser, das einem Dollarschein an einem Angelhaken nachschwimmt. Für das Foto wird der Fotograf Kirk Weddle beauftragt, der wiederum seine Freund:innen Renata und Rick Elden fragt, ob er zu diesem Zweck deren Sohn Spencer fotografieren darf. Sie willigen gegen ein Honorar von einmalig 200 Dollar ein.

Kurt Cobain will mit dem „Nirvana-Baby“ essen gehen

Kurt Cobain und seine Frau Courtney Love willigen überdies ein, mit Spencer essen zu gehen, wenn dieser alt genug sei. Man darf dabei nicht vergessen: Nirvana waren zu diesem Zeitpunkt arme Schlucker, für die es damals eine große Sache war, jemandem zum Dinner auszuführen. Letzten Endes sollte es dazu durch Cobains Suizid 1994 eh nie kommen. Spencer war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal drei Jahre alt, der hatte wie alle Kinder in dem Alter andere Sorgen als einen toten Rockstar.

Dass auf dem Cover von Nirvanas „Nevermind“ Spencers Geschlechtsorgan zu sehen ist, daran hat sich nicht einmal in den sonst sehr prüden USA jemand wirklich aufgeregt. Offensichtlich gehört es zum gesellschaftlichen Übereinkommen, dass Babys entgegen größeren Kindern und Erwachsenen in der Öffentlichkeit nackt gezeigt werden dürfen. Solange die Darstellung nicht sexualisiert ist, versteht sich. Dann kommt der Bestand der Kinderpornografie ins Spiel, und das mit aller Härte zu verfolgen ist richtig und wichtig und gut so.

Nirvana wird wegen Kinderpornografie verklagt

Im Herbst 2021 hat Spencer Elden Klage gegen die verbliebenen Nirvana-Mitglieder Bassist Krist Novoselic und Schlagzeuger Dave Grohl, die Nachlassverwalter:innen von Kurt Cobain, Cobains Witwe Courtney Love, Fotograf Kirk Weddle, die Plattenfirmen Geffen und SubPop sowie noch ein paar andere erhoben. Sein Penis sei „lasziv“ dargestellt, die sexualisierte Darstellung hätte für lebenslange emotionale wie psychische Schäden gesorgt, von dem entgangenen Geld ganz zu schweigen. Von jeder beteiligten Partei forderte er 150.000 US-Dollar Schmerzensgeld. Es handle sich um nicht weniger als Kinderpornografie.

Allerdings steht der Fall von Anfang an auf wackligen Beinen. Spencer Elden vermarktet sich längst schon selbst als „Nirvana-Baby“, hat den „Nevermind“-Schriftzug auf seiner Brust tätowiert. Er hat sich wiederholt in seiner berühmten Pose fotografieren lassen, das erste Mal als 10-Jähriger, dann einige Male bis weit in seine 20er. Zumal er, so die Anwälte der Beklagten, eigentlich jeder Person unterstellt, die das Album „Nevermind“ ihr Eigen nennt, im Besitz von Kinderpornografie zu sein.

Spencer Eldens Anwälte ließen Frist verstreichen

Fürs Erste wurde seine Anklage abgewiesen, in erster Linie, weil Spencer Eldens Anwälte die Frist verpasst haben, um sich auf die Antwort der gegnerischen Partei zu melden. Bis 13. Jänner hat er nun Zeit, Beschwerde einzureichen. Es sieht also nicht gut aus. Und das ist okay so.

Mir steht es nicht im Geringsten zu, zu beurteilen, ob die letzten Jahrzehnte als „Nirvana-Baby“ für Elden belastend waren oder nicht. Auch wenn er selbst finanziellen Nutzen daraus gezogen haben mag, mag er darunter gelitten haben. Die Öffentlichkeit hat aber ursprünglich er selbst gesucht. Und was ich wirklich dreist finde, ist die Verbindung zur Kinderpornografie. Seine Klage kann als Verhöhnung all jener gesehen werden, die tatsächlich Opfer körperlicher oder seelischer sexueller Gewalt geworden sind.

Das Spatzi des „Nirvana-Babys“ sticht nicht ins Auge

„Nevermind“ ist mit Sicherheit eines der bekanntesten Album-Covers aller Zeiten. Es sticht sogar dann noch hervor, wenn es in Miniaturausgabe auf dem Bildschirm deines Smartphones erscheint. Und das liegt weniger an einem nach einem Dollarschein grapschenden Baby, sondern an der technisch bearbeiteten Farbe des Wassers. Und selbst wenn du die Hülle der Vinyl-Ausgabe ansiehst: Achtest du besonders aufs Spatzi des Babys? Eben. Mich hat früher eher beunruhigt, dass sich der kleine Bub am Angelhaken verletzen könnte. Der freilich nachträglich ins Bild montiert wurde.

Bilder mit nackten Babys und Kindern auf Plattencovern gab es davor und danach. Auf dem Cover des einzigen zu den Lebzeiten von The Notorious B.I.G. veröffentlichten Albums „Ready to Die“ sitzt der 1-jährige Keithroy Yearwood (fast) splitterfasernackt. Er hat bis heute weder versucht, Profit daraus zu schlagen, noch Biggys Hinterbliebene zu klagen. Gut, er trägt auch eine Windel.

Präpubertiernde (halb-)nackte Mädchen auf Album-Covers sind voll daneben

Geschmackloser ist so manches Cover aus den 1960er und 1970er Jahren. Die sogenannte Supergroup Blind Faith, deren Gitarrist Eric Clapton heute weniger durch sein begnadetes Gitarrenspiel, sondern sein Impfgegner-Geschwurbel auffällt, brachte 1969 ihr einziges Album raus. Auf dem Cover: ein 11-jähriges Mädchen mit blanken Brüsten. Das silberfarbene Modellflugzeug in seinen Händen haben manche als Phallussymbol gedeutet. So oder so, nicht eben geschmackvoll. In den USA wurde die Platte mit einer anderen Hülle verkauft.

Wirklich komplett daneben ist das für geschmacklose bis sexistische Cover bekannten Scorpions aus Hanover, du weißt schon, die mit dem „Wind of Change“. Noch viel früher davor, 1976 nämlich, veröffentlichten sie ihre vierte Platte mit dem nicht schon ganz unproblematischen Titel „Virgin Killer“. Problematisch vor allem im Zusammenhang mit dem Cover: Darauf zu sehen ein nacktes, zehnjähriges Mädchen in aufreizender Pose, über dessen Genitalien eine gesprungene Glasscheibe gelegt ist. Dazu fällt mir echt nichts mehr ein. Außer: Nicht nur in den USA kam es mit anderem Cover in die Geschäfte.

Ein nacktes Baby, das einer Dollar-Note nachschwimmt, ist dagegen erfrischend harmlos. Und von Kinderpornografie Meilen weiter entfernt als etwa jenes von den Scorpions. Nevermind.

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