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Shein-Hauls sind ein Trend, der direkt aus der Fast-Fashion Hölle kommt

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Von: Helena Dimmel

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Tiktok Nutzung / Asiatische Textilarbeiterin
Mit TikTok-Video-„Hauls“ ist die Popularität von Shein explodiert. © IMAGO/Hans Lucas/VWPics/BuzzFeed Austria

Der Hashtag #sheinhaul hat inzwischen vier Milliarden Views auf TikTok. Spottbillige, trendy Kleidung wird kiloweise beim Online-Händler „Shein“ bestellt und Followern präsentiert, um dann wieder im Müll oder bei der Altkleidersammlung zu landen.

Junge Mädchen, die vor laufender Kamera dutzende Kilos Plastikbeutel regnen lassen: Der „Shein-Haul“ ist ein TikTok-Phänomen, das sich seit einiger Zeit auf den Hashtag-Charts des chinesischen App-Anbieters hält. „Haul“ bezeichnet im Englischen frei übersetzt einen Großeinkauf. Vor allem weibliche und auffallend junge Protagonistinnen beteiligen sich an dem Trend. Dieser ist schnell erklärt: Man bestellt Kleidung im Wert von mehreren hundert Dollar auf dem ebenfalls aus China stammenden Online-Billigmoden-Händler Shein, um dann die jeweils einzeln in Plastik verpackten Kleidungsstücke vor seinen Followern zu dumpen. Somit werden millionenfach Likes und Kommentare generiert.

Sinnbefreiter Turbo-Konsum

Konsum um des Konsums Willen: Was sich erstmal anhört wie eine kapitalistische Dystopie ist schon längst in die Realität von vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorgedrungen. Billig-Waren werden massenhaft gekauft, um online Likes und Traffic zu generieren, nur um dann wenig später zurückgeschickt zu werden, im Müll oder in der Altkleidersammlung zu landen. Mangelnde Qualität der Produkte (auf Shein sind Röcke und Kleider für zwei Euro keine Seltenheit) und die Kurzlebigkeit in den Kleiderschränken (die meisten Konsument:innen befinden sich schließlich noch in der Wachstumsphase) tun ihr Übriges.

Shein ist die schlimmste Fast Fashion Marke auf unserem Planeten

Um den Wortschatz kurz nochmal zu boosten: Fast Fashion ist „ein Geschäftsmodell in der Bekleidungsindustrie, bei dem die Kollektionen schnell und trendbezogen designt und zu niedrigen Preisen produziert und verkauft werden“, sagt Wikipedia. Shein ist mittlerweile das größte Fast Fashion Online-Unternehmen der Welt. Während der Pandemie hat es einen rasanten Aufstieg verzeichnet: Fast neun Milliarden Euro wurden allein im Jahr 2021 an Umsatz gemacht, 250% mehr als noch 2019.

Über die Ursprünge des Mode-Labels ist wenig bekannt. Es wurde 2012 unter dem Namen Sheinside gegründet und begann Berichten zufolge mit dem Verkauf von Brautkleidern, ausgehend von der chinesischen Stadt Nanjing. Das Unternehmen behauptet, dass sein Gründer Chris Xu in China geboren wurde, obwohl eine seitdem gelöschte Pressemitteilung ihn als aus den USA stammend bezeichnet. 2015 wurde das Unternehmen in Shein umbenannt.

Erfolg auf Kosten von Designer:innen und Sweatshop-Arbeiter:innen

Sheins rasantes Wachstum hat eine Reihe von Kontroversen mit sich gebracht. Zahlreiche, oft nur wenig bekannte Designer:innen beschuldigen das Unternehmen, ihre Arbeit gestohlen zu haben. Marken wie Levi Strauss und Dr. Martens klagen auf Urheberrechtsverletzung. Shein gerät außerdem für den Verkauf von kulturell und historisch anstößigen Produkten wie Hakenkreuzketten in Verruf.

Im Zentrum des chinesischen Online-Giganten steht ein aggressives Business-Modell: Ultra-schnell, ultra-flexibel. Rund 6.000 chinesische Bekleidungsfabriken werden mit einer internen Verwaltungssoftware vereint, die im Sekundentakt Feedback darüber sammelt, welche Artikel Tops oder Flops bei den Kund:innen sind. Dadurch kann Shein ständig auf Trends reagieren und neue Artikel erstellen. Allein zwischen Juli und Dezember 2021 wurden zwischen 2,000 und 10,000 neue Styles pro Tag (!) zum Online-Repertoire hinzugefügt.

Der Preis für einen Shein-Haul ist hoch

Der Grund warum Shein-Kleidung so billig ist, ist einfach erklärt: Spottbillige Produktionskosten. Jeder einzelne Artikel zieht den Importweg aus China mit sich, trotzdem bietet Shein gratis Versandkosten an (der Co2-Fußabdruck ist natürlich entsprechend). Das kann sich das Unternehmen nur deswegen leisten, weil es billige Arbeitskräfte anstellt und sie bis zu 75 Stunden pro Woche drei Schichten täglich arbeiten lässt, berichtet Public Eye, eine Menschenrechtsorganisation aus der Schweiz. Damit verstößt Shein ebenfalls gegen die lokalen Arbeitsrechtsgesetze in Guangzhou. Zudem werden die Fabriksarbeiter:innen pro fertiggestelltem Artikel bezahlt und stehen dadurch unter konstantem psychischen Stress, möglichst schnell arbeiten zu müssen. In einem „guten Monat“ käme ein Fabriksarbeiter oder eine Fabricksarbeiterin so auf ein mickriges Gehalt von 10,000 Yuan, also rund 1382 Euro, heißt es seitens der NGO.

Style-Designs werden bei Shein zuhauf kopiert oder marginal abgekupfert, weswegen das Unternehmen immer öfter auf Instagram kritisiert wird. Auch da werden also fleißig Kosten gespart. Ein weiterer Faktor sind die Materialkosten: Die Kleidung wird vor allem aus synthetischen Billig-Stoffen wie Polyester produziert. Das Problem mit diesen Stoffen: Sie schaden der Umwelt massiv. Beim Waschen lösen sich Mikropartikel von den Kunststofffasern im Polyester. Das Mikroplastik landet in weiterer Folge im Grundwasser, wo es Flora und Fauna schädigt.

Aber auch das Entsorgen von synthetischen Stoffen ist problematisch: Viele der gekauften Kleidungsstücke werden weggeworfen, nachdem sie nur wenige Male getragen wurden. Die Industrie produziert jährlich schätzungsweise 92 Millionen Tonnen Textilabfälle, von denen ein Großteil verbrannt wird oder auf Deponien landet. Weniger als ein Prozent der gebrauchten Kleidung wird zu neuen Kleidungsstücken recycelt, schätzt die britische NGO Ethical Consumer.

Shein-Hauls romantisieren Überkonsum und verschmutzen die Umwelt

„Kleidung, die gemacht wird, um sie wegzuwerfen“ ist eine Beschreibung, die man im Zuge der Fast-Fashion Debatte oft hört. Bei Shein-Hauls trifft sie den Nagel auf den Kopf: Immer mehr Menschen konsumieren immer mehr, immer schneller, und schauen andern dabei zu, wie sie konsumieren. TikTok-Trends und ihre Aesthetics ändern sich wöchentlich und die junge Zielgruppe reagiert darauf mit ihrem Kaufverhalten. Sie kann es sich leisten, wenn Trend-Pieces nur für ein paar Euro zu erstehen sind. Das Ganze wird normalisiert, mit Likes, mit Shares, mit glitzernden Filtern, die kiloweise Plastikhüllen in ein romantisiertes Licht tauchen. Das Problem ist sicherlich ein strukturelles, aber junge Konsument:innen und Content Creator haben es in der Hand, welche Trends auf Social Media groß werden. Und, ob diese Trends zum Artensterben und der zunehmenden Verschmutzung unseres Planeten beitragen, oder eben nicht.

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