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Mit Staberl ist Österreichs umstrittenster Kolumnist gestorben - vergessen sollten wir den Provokateur nicht

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Von: Christian Kisler

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Montage: ein Zeitungsständer für die „Kronen-Zeitung“, Richard Nimmerrichter alias „Staberl“
Richard Nimmerrichter schrieb als „Staberl“ 37 Jahre lang eine zynische Kolumne in der „Kronen-Zeitung“. © Schuelke/Caro/Philipp Wilhelmer/APA-PictureDesk/BuzzFeed Austria

Unter dem Pseudonym „Staberl“ war Richard Nimmerrichter mit seiner Kolumne in der Kronen-Zeitung 37 Jahre lang einer der mächtigsten Meinungsmacher des Landes. Nach seinem Abgang 2001 geriet er rasch in Vergessenheit. Nun ist er 101-jährig verstorben. Wer war dieser Mann?

Gar nicht so lange her, da hatte die „Kronen-Zeitung“ eine Reichweite, von der ALLE anderen Medien nur träumen konnten. Als Boulevard-Zeitung war sie lange Zeit konkurrenzlos, weil allein auf weiter Flur. Mitbewerber:innen kamen und gingen, die „Kronen-Zeitung“ blieb. Bis Hans Dichand starb. Er gründete das 1938 eingestellte Blatt 1959 neu und war bis zu seinem Tod Herausgeber und Chefredakteur.

Schon vor seinem Ableben schwächelte die „Krone“, wie sie landläufig genannt wird, nicht zuletzt wegen der Verbreitung von Nachrichten im Internet. Und weil mit „Heute“ und „Österreich“ zwei nicht zu unterschätzende neue Player:innen am heiß umkämpften heimischen Zeitungsmarkt auftauchten. Dennoch: Bis heute ist die „Kronen-Zeitung“ die meistgelesene und auflagenstärksten Zeitung Österreichs, ihre Reichweite ist eine der größten weltweit, wiewohl sie von einst fast 50 auf zuletzt rund 24 Prozent geschrumpft ist.

„Staberl“ wetterte gegen alles, das links, liberal oder politisch korrekt war

Ab Anfang der 1960er Jahre schrieb ein gewisser Richard Nimmerrichter für die „Kronen-Zeitung“. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereit eine rund 15-jährige Karriere als Journalist hinter sich. Dann fand er seine wahre Bestimmung. Von 1964 bis 2001 erschien tagtäglich eine Kolumne, die er unter seinem Pseudonym „Staberl“ verfasste. Und die polarisierte von Anfang. In seinen sarkastisch gemeinten, letztlich aber zynischen und menschenverachtenden Beiträgen wetterte er gegen alles, was nur ansatzweise links, liberal oder politisch korrekt war. Kurz: Er gab die bis heute spießbürgerliche Stimmung im Lande in gleichem Ausmaß wieder wie er sie prägte.

Nimmerrichter sprach sich als „Staberl“ wortreich gegen die in Österreich jahrzehntelang fast traditionelle sogenannte Große Koalition zwischen SPÖ und ÖVP aus. Dafür sympathisierte er ganz getreu Linie der „Kronen-Zeitung“ mit der unter deren damaligen Parteiobmann Jörg Haider aufstrebenden FPÖ. Über den einstigen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Paul Grosz, schrieb er 1992: „Wer den Herrn Hitler überlebt hat, wird auch den Herrn Grosz überleben.“ Im gleichen Jahr schwadronierte er über den Holocaust und die „Methoden eines Massenmordes“ und verkündete ernsthaft: „Nur verhältnismäßig wenige der jüdischen Opfer sind vergast worden.“ Auf Antisemitismus angesprochen, erwiderte er trotzdem stets, dass er niemanden mehr hasse als Adolf Hitler. Hmmm.

„Saberl“ wurde 156 Mal angeklagt und 56 Mal verurteilt

Kein Wunder also, dass Nimmerrichter für seine Kolumne nicht eben selten geklagt wurde, ganze 156 Mal. 58 Mal wurde er letzten Endes verurteilt, meist wegen übler Nachrede. Als eines der Zugpferde der „Kronen-Zeitung brauchte Staberl existenzielle Not nicht fürchten. Immerhin durfte er sich über eine fette Gewinnbeteiligung bis Ende der 1980er, ein fürstliches Gehalt und eine „Dienstwohnung“ auf Lebenszeit im 19. Wiener Gemeindebezirk freuen. Dass man der „Krone“ seit 2004 ungestraft „rassistische und antisemitische Untertöne“ bescheinigen darf, liegt auch an Nimmerrichter. Zur Beweisführung wurden damals zahlreiche „Staberl“-Kolumnen herangezogen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Richard Nimmerrichter bereits in Pension begeben, 2001 im Alter von 81 Jahren. Zehn Jahre später schrieb er für die bunte Wochenendbeilage der „Kronen-Zeitung“ einmal im Monat noch Kolumnen, die blieben aber weitestgehend unbemerkt. Nicht einmal, als einer seiner Texte zweimal hintereinander veröffentlicht wurde, fiel das jemandem auf. Keine Leser:innenbriefe, nichts. „Staberl“ interessierte niemanden mehr, nach ein paar Monaten warf er endgültig den Hut drauf.

„Staberl“ wurde 101 Jahre alt

Am 6. Februar 2022 ist er im Alter von stattlichen 101 Jahren gestorben. Die meisten Menschen unter 40 haben weder seinen bürgerlichen Namen, noch sein Pseudonym jemals gehört. So sehr er die Öffentlichkeit 37 Jahre lang gespalten und aufgeregt hat, so schnell ist Richard Nimmerrichter/„Staberl“ der Vergessenheit anheimgefallen. So darf es auch bleiben, sein Gift wirkt ohnehin bis heute. Möge er dennoch in Frieden ruhen, das gebietet der Anstand. Man muss nicht sein wie er.

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