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Britney Spears, Tom Neuwirth, Daniel Küblböck und Co: Diesen Stars der Nullerjahre haben wir Unrecht getan

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Von: Christian Kisler

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Tom Neuwirth beim Finale von „Starmania“ sowie Britney Spears bei einem Auftritt
Tom Neuwirth, bevor er Conchita war, beim Finale von „Starmania“ sowie Britney Spears bei einem Auftritt: Sie wurden belächelt und verspottet. Das muss geändert werden. © Ali Schafler/First Look, Bernd Weißbrod/dpa, PictureDesk, BuzzFeed Austria

Britney Spears in den USA, Daniel Küblböck in Deutschland und in Österreich Tom Neuwirth, bevor er zu Conchita wurde: In den Nullerjahren belächelt und verspottet, sollten wir sie heute in einem neuen Licht sehen.

Britney Spears ist in aller Munde. Nicht etwa, weil es neue Musik von ihr gäbe, die von popkultureller Bedeutung wäre. Sondern weil ihr Vater nach 13 Jahren die Vormundschaft über die US-amerikanische Sängerin, ihre Musik, ihre öffentlichen Auftritte, ihr Leben, einfach ALLES verloren hat. Davor haben von Instagram auf- und abwärts auf allen möglichen Social-Media-Kanälen Fans unter dem Hashtag #freebritney ihre Unabhängigkeit und Freiheit eingefordert. Entsprechend groß war der Jubel nach Verkündigung des Urteils zugunsten Britneys.

Im Vorfeld konnte man sich gleich mehrere teils verstörende Filme über den Leidensweg eines der größten Superstars von Ende der 1990er bis weit in die Nullerjahre ansehen. „Framing Britney Spears“, „Britney vs Spears“ oder „Controlling Britney Spears“, sie alle zeichneten ein neues Bild von der jungen Frau, über die zu ihren Hochzeiten gerne abgelästert wurde, deren rätselhafte Handlungen bisweilen belächelt oder verspottet wurden. Deren Absturz in der Regenbogenpresse genüsslich in allen Einzelheiten dargelegt wurde. Etwa als sie sich die Haare abrasierte, als sie nach einem Nervenzusammenbruch in eine psychiatrische Klinik eingeliefert worden war.

Britney wurde von Kindesbeinen an Richtung Erfolg gedrillt

Heute wissen wir es besser. Heute wissen wir, dass sie von Kindesbeinen an in Richtung Erfolg gedrillt worden war, zugunsten ihrer ehrgeizigen Eltern. Abweichen vom Kurs oder gar Scheitern war da nicht vorgesehen. Ihre Die-Hard-Fans, und davon gibt es viele, hielten ihr in guten wie in schlechten Zeiten die Treue, irgendwann wurde es gar hip, sich für Britney zu begeistern, nicht nur, weil sie irgendwann als camp galt. Und, ganz ehrlich, „Toxic“ ist und bleibt eine geile Nummer.

Heute blicken wir vermehrt hinter die Fassade, sind sensibler, weder machen wir uns über sexuelle Orientierung noch über körperliche Eigenheiten lustig, auch Altersdiskriminierung in welche Richtung auch immer sollte weniger werden. Für einen kommt all das zu spät: Daniel Küblböck.

Daniel Küblböck polarisierte sofort

Er war Teilnehmer der ersten Staffel „Deutschland sucht den Superstar“, 2002 war das, und er polarisierte sofort. Mit seinem Aussehen, mit seinem Auftreten, mit seiner Stimme - was ihn für ein gefundenes Fressen für den Boulevard, eine Cashcow für die Plattenindustrie gleichermaßen machte. 2018 verschwand Küblböck auf einer Kreuzfahrt, kurz nach dem Coming-Out als Transfrau Lena Kaiser. Seine Leiche wurde bis heute nicht gefunden, viel spricht für Suizid.

Küblböck machte nie ein Hehl aus seiner Verankerung in der LGBTQIA+-Szene, sein Freund Robin war der Öffentlichkeit bekannt. Heute wäre er wohl mehr Rolemodel, als er das zu der Zeit seiner medialen Omnipräsenz war. Andererseits: Bei seinem ersten Auftritt bei „DSDS“ war er gerade einmal 17, ein Teenie wie Britney Spears bei „... Baby One More TIme“. Ein anderer Aspekt: So schwierig es nach wie vor ist - Transpersonen werden zumindest in Berufen mit verstärkter medialer Aufmerksamkeit sichtbarer, seien es Whistleblowerin Chelsea Manning und Schauspieler Elliot Page aus den USA, oder Musiker Mavi Phoenix aus Österreich, um nur einige zu nennen.

Bevor Tom Neuwirth Conchita Wurst war

Nicht immer muss der ursprüngliche Leidensweg in der Tragödie enden. Bevor er zu Conchita Wurst wurde, war er als Tom Neuwirth bekannt. Er nahm an der dritten Staffel von „Starmania“ teil, belegte den zweiten Platz hinter Nadine Beiler und verschwand in der Versenkung, bis er wie Phönix aus der Asche als bärtige Diva wieder emporstieg und den European Song Contest gewann.

Das Alter Ego Conchita Wurst inklusive Vorgeschichte und Lebenslauf entwarf Neuwirth auch als Statement gegen Diskriminierung, die ihm als homosexuellem Jugendlichen aus der oberösterreichischen Provinz widerfahren war. Seine „hysterischen“ Auftritte bei Starmania Anfang der Nullerjahre waren Anlass dafür, dass sich viele das Maul zerrissen, seine lackierten Fingernägel damals, in der Saison 2006/2007 noch nicht ganz so gesellschaftsfähig wie heute. Sagen wir wie es ist: Die Gesellschaft war in den 00er Jahren bei Weitem nicht so tolerant, wie sie sich mitunter nach außen gab.

Bill Kaulitz bot Angriffsfläche und war Projektionsfigur

Dass Conchita heute immer wieder Affären mit Bill Kaulitz, dem Sänger der Band Tokio Hotel, nachgesagt werden, ist nur konsequent - in den Augen der Klatsch- und Tratschmedien. Kaulitz bot in jungen Jahren nicht zuletzt durch sein androgynes Aussehen und Gebaren reichlich Angriffsfläche für Hass und Häme, war aber auch Projektionsfigur für Jugendliche, die sich instinktiv „anders“ fühlten, es aber nicht wirklich festmachen konnten.

In der Öffentlichkeit gab Bill Kaulitz im Gegensatz zu seinem Bruder Tom, der 2019 Heidi Klum ehelichte, nie deutlich zu erkennen, wie es um seine Sexualität steht. Was Gerüchte nur noch weiter anheizte. Bemerkenswert auch der Umstand, dass Bill Kaulitz vor allem in seiner Anfangsphase als Mann ausschließlich von Frauen parodiert wurde. Die Nachahmungen fielen von eher mau (Martina Hill) bis extrem peinlich (Carolin Kebekus) aus, beschränkten sie sich doch lediglich auf schlechte Perücken und schlecht nachgeahmte Garderobe.

Angegriffene Jungstars der Nullerjahre

Was haben Britney Spears, Daniel Küblböck, Tom Neuwirth und Bill Kaulitz nun gemein? Richtig, sie alle waren zu dem Zeitpunkt, als sie das erste Mal im Fokus der Aufmerksamkeit standen, sehr jung. Spears und Küblböck waren jeweils 17, Neuwirth 18, Kaulitz überhaupt erst 16, als er „Durch den Monsun“ sang. Wenn du in so jungen Jahren in der Öffentlichkeit stehst und vielleicht auch noch in welcher Art auch immer als „anders“ wahrgenommen wirst und dadurch im günstigsten Fall belächelt wirst, im schlimmsten Fall aggressiv angegriffen wirst: Dann macht das was mit dir, das hinterlässt Spuren.

Das sollten wir im Hinterkopf behalten, wenn wir das nächste Mal den Kopf schütteln. Niemand ist davor gefeit, NIEMAND. Die verspotteten Stars und Sternchen der Nullerjahre in einem anderen Licht zu sehen, wäre schon mal ein Anfang. Da gibt es einige, es ist noch ein langer Weg.

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