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„Taste the TV“: Ein neuartiger leckbarer Geschmacks-Fernseher wirft einige Fragen auf

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Von: Christian Kisler

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Eine Freu demonstriert den Prototypen von „Taste the TV“, indem sie über einen Bildschirm leckt, dazu ein Emoji mit rausgestreckter Zunge.
Mit „Taste the TV“ wurde in Japan eine leckbarer Fernseher entwickelt, der Geschmack wiedergeben kann. © Kim Kyung-Hoon/Reuters/APA-PictureDesk/BuzzFeed Austria

Lecken und schmecken statt schauen und hören: Mit „Taste the TV“ präsentiert ein japanischer Wissenschafter ein Geschmacks-TV-Gerät, mit dem du dir den Restaurantbesuch am anderen Ende der Welt ersparen könntest. Warum macht man sowas eigentlich?

So lange ist es gar nicht her, da hätte sich niemand vorstellen können, dass wir den ganzen Tag mit kleinen Hochleitungscomputern in der Tasche zubringen würden. Auf denen wir auch noch fleißig herumwischen. Hätte uns ein Mensch aus der Vergangenheit einen Besuch abgestattet, wäre er schnell zu dem Schluss gekommen, dass wir alle ordentlich wo ang‘rennt sind.

Da hat man Smartphones mit berührungsempfindlichen Bildschirmen und das Wissen der ganzen Welt in einem kleinen Apparat zur Verfügung, und was tun wir? Wir vergleichen uns mit anderen auf Instagram, und scrollen uns durch Tanzvideos auf TikTok.

„Taste the TV“ passt nicht in deine Hosentasche

Wir können schauen und hören mittels unserer Smartphones, die den altehrwürdigen TV-Apparaten, den Fernsehgeräten schon längst den Rang abgelaufen haben. Was wir nicht über unsere Bildschirme können, ist riechen und schmecken. Bis jetzt. Zumindest Letzteres soll ein neuartiger Geschmacksfernsehapparat namens „Taste the TV“ ermöglichen. Der lässt sich natürlich nicht in die Hosentasche stecken, er ist ähnlich dem TV-Altar bei deinen Eltern an einen fixen Ort gebunden.

Das Um und Auf ist ein Bildschirm, den man lecken kann. Über eine spezielle „hygienische Folie“, auf die bestimmte Mischungen gesprüht werden, kannst du erschmecken, was du siehst - sofern du darüber leckst. Zustande kommen die Geschmacksrichtungen über Flüssigkeiten in zehn Trichtern, die passend zu dem, was du siehst, zusammengemixt werden und dann zu besagter Folie geleitet werden.

„Taste the TV“ soll Köch:innen bei ihrer Ausbildung unterstützen

Wie das im Detail funktioniert, verrät der japanische Forscher Homei Miyashita von der Meiji University, der „Taste the TV“ entwickelt hat, natürlich nicht. Lediglich, für welche Anwendungsgebiete der Apparillo gedacht, nämlich als Unterstützung bei ihrer Ausbildung für angehende Köch:innen und Servierkräfte, die Wein kredenzen. Auf lange Sicht sollen Menschen so die Möglichkeit bekommen, Restaurants am anderen Ende der Welt erschmecken zu können.

Für westliche Ohren klingt „Taste the TV“ selbstverständlich einigermaßen weird. Nicht umsonst ist man im hiesigen Kulturkreis ganz froh, dass sich Geruchsfernsehen nie durchgesetzt hat, geschweige denn überhaupt erfunden wurde. Gerüche verflüchtigen sich viel zu langsam, auch bei langsam geschnittenen Filmen, was zu eigenartigen Assoziationen im Hirn führen kann. In diesem Fall geht es aber nicht um Geruch, sondern um Geschmack, der durch Lecken bewusst aufgenommen werden muss.

Geschmack hat in Japan einen hohen Stellenwert

Tatsächlich hat Geschmack in Japan einen ganz anderen Stellenwert als etwa in Europa. Auf der Suche nach dem perfekten Sushi werden richtige Pilgerfahrten unternommen. Außerdem kommt es nicht von ungefähr, dass die fünfte Geschmacksrichtung neben süß, sauer, salzig und bitter in Japan entdeckt wurde und es bis heute kein deutsches Wort dafür gibt: umami. Das nicht ganz zurecht in Verruf geratene Glutamat spielt dabei eine Rolle, am ehesten kommen diesem Gaumenkitzel die deutschen Begriffe herzhaft, würzig, pikant nahe.

Trotzdem stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit von „Taste the TV“. Wie wir Geschmack wahrnehmen, hängt ja auch von der Textur, also der Oberflächenbeschaffenheit des jeweiligen Produkts ab. Ist sie knusprig, ist sie cremig, ist sie fasrig? Da ist es mit dem Abschlecken eines Bildschirms wohl eher nicht getan. Dass auch das Abbild einer Person, einer Landschaft, eines Gegenstands auf deinem Smartphone nicht der Wirklichkeit entspricht, ist eine andere Sache.

„Taste the TV“ fördert das Einzelgänger:innen-Dasein

Außerdem: Wenn nicht gerade eine Pandemie wütet, ist eine der Freuden des Verreisens doch das Kennenlernen neuer Küchen und das Probieren fremder Speisen. „Taste the TV“ ist eine sichere Alternative, fördert aber erst recht wieder das Dasein als Stubenhocker:in.

Natürlich haben nicht nur Entwickler:innen aus Japan ein Abo auf schräge Erfindungen, auch nicht, wenn es ums Ablecken geht. Die westliche Welt haut ebenfalls oft Eigentümliches raus. 2015 haben Jason und Tara O‘Mara aus Portland im US-Bundesstaat Oregon „Licki Brush“ präsentiert: eine Silikonzunge, mit der Katzenbesitzer:innen ihre vierbeinigen Lieblinge ablecken können, um ihre Zuneigung zu bekunden. Dann doch lieber „Taste the TV“ und einen Bildschirm ablecken. Mahlzeit!

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