1. BuzzFeed.at
  2. Buzz
  3. Popkultur

„Man muss auch Unternehmensstrukturen neu denken“: Victoria‘s Secret stellt erstes Model mit Down-Syndrom vor

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Christian Kisler

Kommentare

Montage: Models von „Victoria‘s Secret“ auf dem Laufsteg, Sofía Jirau, das erste Model für das Dessous-Label mit Down-Syndrom
Die gertenschlanken Models von „Victoria‘s Secret“ und Sofía Jirau, das erste Model für das Dessous-Label mit Down-Syndrom. © Angela Weiss/AFP/APA-PictureDesk/Victoria‘s Secret/BuzzFeed Austria

Mit Sofía Jirau aus Puerto Rico präsentiert das in die Jahre gekommen Dessous-Label „Victoria‘s Secret“ das erste Model mit Down-Syndrom. Was will man damit bezwecken?

Woran denkst du, wenn du an „Victoria‘s Secret“ denkst? Also, wenn dir der Name überhaupt noch geläufig ist. Immerhin stammt er aus einer Zeit, als noch sogenannte Supermodels über die Laufstege stolzierten und lange vor Instagram und TikTok für völlig unrealistische Schönheitsideale sorgten.

Und hier kommt „Victoria‘s Secret“ ins Spiel, ein Dessous-Label, dass seine Kollektionen gerne an gertenschlanken, großen Frauen zeigte. Topmodels wie Heidi Klum oder Giselle Bündchen wurden als „Angels“, also Engel, wie die für die Unterwäschemarke posierenden Models genannt werden, endgültig zu Superstars. Heute „laufen“ etwa Adriana Lima, Bella Hadid, Hailey Bieber oder Taylor Hill für die Marke.

Das Verständnis für Diversity ist bei „Victoria‘s Angels“ nicht besonders ausgeprägt

Zwar schickte „Victoria‘s Secret“ recht bald junge Frauen aus allen Ecken der Welt über den Catwalk, seien es Asien, Afrika, Südamerika oder die USA und Europa. Dennoch, die Models blieben lang und dünn. Jetzt würde ich natürlich gerne schreiben: Bis jetzt. Aber ganz so einfach ist das auch wieder nicht.

Das Verständnis für Diversity scheint nicht besonders ausgeprägt. Denn „Victoria‘s Secret“ hat zunächst bis 2021 gebraucht, um auch Models zu buchen, die „ganz normal“ aussehen, also aus allen Gewichtsklassen, in allen Körpergrößen, mit allen Hauttypen. Allerdings nicht für die Hauptlinie, hier werden nach wie vor Models eingesetzt, die den Anforderungen der Branche gerecht werden, was ihren Körper betrifft. Die Frau von nebenan zeigt keine edlen Dessous, sondern bequeme Unterwäsche für jeden Tag. „Love Cloud“ heißt die Linie, die von 18 Damen präsentiert wird.

Eine sticht dabei besonders heraus, die 25-jährige Sofía Jirau aus Puerto Rico. Sie hat das Down-Syndrom, auch bekannt als Trisomie 21. Ein Gendefekt, den man für gewöhnlich auf Anhieb sieht, der dabei unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Sichtbar werden Menschen mit Down-Syndrom in der Öffentlichkeit, wenn überhaupt, meist in rührseligen Verfilmungen ihres „Schicksals“. Sofía Jirau allerdings modelt bereits seit drei Jahren, sie debütierte auf der New York Fashion Week, betreibt einen eigenen Online-Shop und hat Hunderttausende Follower:innen auf Instagram. Dass sie eines der neuen Gesichter für „Victoria‘s Secret“ ist, spricht selbstverständlich für sie und ist ein großer Karriereschritt. Das finde ich prinzipiell super für Sofía Jirau.

„Victoria‘s Secret“ betreibt mit großem Tam-Tam „Diversity Washing“

Aber, und jetzt ein großes „ABER“: „Victoria‘s Secret“ hängt sich hier augenscheinlich das Deckmäntelchen der Diversity um. Ich meine, dass hier mit großem Tam-Tam „Diversity Washing“ betrieben wird, also ähnlich wie „Green Washing“, wenn sich Konzerne, die die Luft verpesten, einen umweltfreundlichen Anstrich geben. „Victoria‘s Secret“ versucht von seinem Image wegzukommen, Unterwäsche lediglich für gertenschlanke Frauen zu präsentieren, das aber recht plump.

„Diversity als Ansatz zu leben, bedeutet nicht, einmal auch ein Modell mit Behinderung zu zeigen. Dies wäre nur ‚Diversity Washing‘“, erklärt auch Martin Ladstätter vom Verein BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben, der auch eine Beratungsstelle für Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige in Wien betreibt gegenüber BuzzFeed Austria. „Was es benötigt, ist, am Thema kontinuierlich dranzubleiben. Aus einem einmaligen Ereignis eine regelmäßige Selbstverständlichkeit zu machen. Es bedarf auch Unternehmensstrukturen neu zu denken und Mitarbeiter:innen heterogen auszuwählen. Den Ansatz der Diversity muss man glaubhaft umsetzen, um kein Glaubwürdigkeitsproblem zu bekommen.“

„Victoria‘s Secret“ hat ein Glaubwürdigkeitsproblem

Und genau das hat „Victoria‘s Secret“: ein Glaubwürdigkeitsproblem. Sexy Dessous herstellen, und das Model mit Down-Syndrom lediglich für die Linie mit den bequemen Teilen zu buchen, hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Bestenfalls ist es ein klassischer Fall von „gut gemeint ist das Gegenteil von gut“. Schlimmstenfalls ist es Kalkül. Beides ist nicht gerade leiwand. Sofía Jirau jedenfalls wünsche ich eine tolle und lange Karriere und dass ihr Traum, Schauspielerin zu werden, in Erfüllung gehen werde. In ihrer Heimat Puerto Rico ist sie ja schon jetzt ein kleiner Star.

Auch interessant

Kommentare