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5 Menschen mit Alopezie erzählen, wie sie über Chris Rocks Witz bei den Oscars denken

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Jada Pinkett Smith posiert bei den Oscars 2022 auf dem roten Teppich. Sie trägt ein dunkelgrünes Kleid und macht mit ihrer linken Hand ein Peace-Zeichen.
Jada Pinkett Smith bei den Oscars 2022 © picture alliance/dpa/Invision/AP | John Locher

Menschen mit Alopezie haben sich zu Chris Rocks Witz bei den Oscars 2022 geäußert. Was sie genau gesagt haben erfährt ihr hier.

Als Will Smith Comedian Chris Rock bei den Oscars 2022 live auf der Bühne ohrfeigte, nachdem dieser einen Witz über die Glatze von Smiths Frau Jada Pinkett Smith gemacht hatte, erregte das die Aufmerksamkeit der ganzen Welt als unvergesslicher Moment bei der Oscar-Verleihung – aus den falschen Gründen.

Der Vergleich von Pinkett Smith mit G.I. Jane von Chris Rock traf einen Nerv in der Alopezie-Community, von der die 50-jährige Pinkett Smith seit ungefähr vier Jahren Teil ist. (Falls du den Witz nicht verstanden hast: „G.I. Jane“ ist ein Film aus dem Jahr 1997 mit Demi Moore als US Navy Seal-Anwärterin, die, ja genau, eine Glatze hat.)

Betroffene und Symptome von Alopezie

Für die 6,8 Millionen Menschen in den USA mit Alopezie ist das Wichtige nicht die Ohrfeige, sondern Pinkett Smiths Gesicht, als Rock den Witz erzählte.

Alopezie ist eine Autoimmunkrankheit, bei der das Immunsystem fälschlicherweise Haarfollikel attackiert, also jene Strukturen, die die Haarwurzeln umgeben und so Haarausfall am ganzen Körper auslöst. Es ist nicht vorhersehbar und kann jeden zu jeder Zeit treffen, egal wie alt, egal welches Geschlecht, egal welcher Herkunft, egal ob man Vorerkrankungen hat oder nicht. Bei manchen Betroffenen wächst das Haar entweder vollständig oder stellenweise nach, während bei anderen der Haarverlust dauerhaft ist. Es gibt keine Heilung und Forscher:innen verstehen noch nicht ganz, was der Auslöser ist. Sie glauben aber, dass sowohl genetische, als auch andere Faktoren, wie Stress oder Ernährung eine Rolle spielen.

Pinkett Smith ist eine der wenigen prominenten Betroffenen, die öffentlich über ihre Erfahrungen mit Alopezie spricht. Ayanna Pressley, eine Politikerin aus Massachusetts, schärfte das Bewusstsein für die Krankheit, als sie ihre Alopezie 2020 bekannt gab und in einem bewegenden Video ihre Glatze zeigte.

Haarverlust durch Alopezie kann niederschmetternd sein

Während einer Folge ihrer Facebook Watch-Serie „Red Table Talk“ erzählte Pinkett Smith 2018, dass es „schrecklich“ war, als ihr Haar begann auszufallen. „Es war einer dieser Momente in meinem Leben, in dem ich gezittert habe vor Angst.“ Seitdem hat Pinkett Smith ihre Erfahrungen mit Alopezie öffentlich geteilt, zum Beispiel wie sie sich 2021 eine Glatze rasierte.

Am Montag veröffentlichte Will Smith ein Statement auf Instagram, in dem er sich für sein Verhalten entschuldigt und erklärt, wieso er handgreiflich wurde: „Witze auf meine Kosten sind Teil meines Jobs, aber ein Witz über Jadas Krankheit war zu viel für mich und ich habe emotional reagiert.“

Die National Alopecia Areata Foundation (Nationale Alopezie Stiftung) kommentierte den Vorfall ebenfalls auf Social Media: „Was gestern Abend bei den Oscars passiert ist, kann allen eine Lehre sein. Für viele ist Alopezie nicht zum Lachen.“

BuzzFeed News US hat mit fünf Menschen mit Alopezie gesprochen, um zu verstehen, wie sie und ihre Community den Vorfall erlebt und aufgefasst haben. Obwohl einige den Witz nicht gut finden und mit Pinkett Smith mitfühlen, finden sie Smiths Reaktion nicht zwingend passend. (Es ist unklar, ob Rock, bevor er den Witz machte, von Pinkett Smiths Diagnose wusste.)

„Sie wurde vor Millionen Menschen bloßgestellt“

Als Kristen Wharton, 52, das Oscar-Fiasko im Fernsehen sah, war sie „geschockt“, wie sie sagt. „Ich habe Jadas Gesicht gesehen und ich weiß, wie sie sich fühlt. Sie tut mir wirklich leid, ich muss mit meiner Alopezie im Privaten, mit Freunden und Familien klarkommen und sie wurde vor Millionen Menschen bloßgestellt“, sagt Wharton, der 2016 Scarring Alopecia diagnostiziert wurde. Scarring Alopecia bedeutet, dass die Haarfollikel durch Narbengewebe ersetzt werden, sodass das Haar nie mehr nachwachsen kann.

Wharton, Vorsitzende der Scarring Alopecia Foundation (Scarring Alopecia Stiftung) sagt, dass es unangebracht sei, über Alopezie Witze zu machen, vor allem wenn es auf Kosten einer Person geht, die gerade darunter leidet.

„Mein Herz bricht für sie und unsere ganze Community“

Für viele Menschen mit Alopezie bedeute der Verlust ihrer Haare auch den Verlust ihres Selbstbewusstseins, so Wharton. „Zuzusehen, wie die Haare nach und nach verschwinden, ist niederschmetternd.“ „Ich glaube nicht, dass die meisten Leute verstehen, was jemand mit Alopezie durchmacht. Es ist emotional, mental, physisch und kann finanziell belastend sein. Mein Herz bricht für sie und unsere ganze Community“, sagt Kristen Wharton gegenüber BuzzFeed News US.

„Wer hat das genehmigt?“

Viele fragen sich, ob Rock den Witz überhaupt abgeklärt hatte. „Ich selbst denke mir: ‚Wer hat das genehmigt? Warum ist es okay, einen Witz auf Kosten einer Person mit sichtbaren physischen Unterschieden zu machen?‘ Ehrlich, ich bin sprachlos“, sagt Thea Chassin, Gründerin und Geschäftsführerin von Bald Girls Do Lunch (Mädchen mit Glatze machen Mittag), eine gemeinnützige Organisation, die Frauen und Mädchen über Alopecia Areata (kreisrunden Haarausfall) informiert, eine der fünf Untertypen von Alopezie und sie unterstützt. (Rob Mills von ABC erklärte am Tag nach den Oscars gegenüber Variety, dass der Witz nicht im Skript stand.)

Thea Chassin lächelt in die Kamera. Sie trägt einen Hut, Brille, Schal und Jacket.
Thea Chassin hat ihr Faible für Hüte entdeckt. © Thea Chassin

„Man fühlt sich in die Kindheit zurückversetzt“

Durch Alopecia Areata fallen Teile des Haares vom Kopf, Bart, Augenbrauen, Achseln, Nase oder Ohren aus. Bei Chassin wurde 1996 Alopecia Universalis diagnostiziert, eine seltene Form von Alopecia Areata, die kompletten Haarverlust verursacht (Chassin hat noch ihre Wimpern).

Es ist „nie okay“ Witze über die Krankheit von jemand anderem zu machen, vor allem nicht in aller Öffentlichkeit. Chassin sagt, dass die Reaktionen in der Community vor allem davon abhängen, wie sehr man sich und die Krankheit akzeptiert und ob durch den Vorfall schmerzhafte Kindheitserinnerungen wieder hochkommen.

„Wenn man sich selbst nicht akzeptiert, ist man viel anfälliger für Kommentare jeglicher Art“, sagt Chassin gegenüber BuzzFeed News US. „Wenn man bereits als Kind Alopezie hatte und dafür gemobbt wurde, solche Erinnerungen bleiben für immer. Man fühlt sich in die Kindheit zurückversetzt.“

„Ich habe mich selbst nicht im Spiegel erkannt“

Chassins eigener Weg mit der Krankheit war „eine große Veränderung“, die, wie sie sagt, ihre Persönlichkeit und ihre mentalen Gesundheit beeinträchtigte. „Ich habe mich selbst nicht im Spiegel erkannt.“ Aber es gebe Möglichkeiten, sich trotzdem gut zu fühlen. Chassin zum Beispiel nutzt vor allem Accessoires und hat ihr Faible für Hüte entdeckt.

„Viele der Betroffenen akzeptieren sich auch nach vielen Jahren noch nicht selbst. Aber Alopezie bringt auch das Innerste hervor und damit die Möglichkeit stärker und selbstbewusster zu werden.“

Ein Podcast über Alopezie

Sarah Adams, 28, die seitdem sie elf Jahre alt ist Alopezie hat, hat die Oscars gar nicht angeschaut, als plötzlich ihr Handy ununterbrochen mit Nachrichten von besorgten Freunden und Familienmitgliedern brummte.

„Alle Leute, die mir den Link geschickt haben, haben nur gesagt, ‚Oh ha, schau dir die Ohrfeige an.‘ Aber kurz vor der Ohrfeige hat man Jadas Gesicht gesehen und sie sah einfach entsetzt aus, ich habe sehr mit ihr gefühlt, als ich ihren Gesichtsausdruck gesehen habe“, sagt Adams, die 2018 den Podcast „The Alopecia Project“ (Das Alopezie Projekt) ins Leben gerufen hat. Es ist der erste Podcast, der sich ausschließlich mit der Krankheit beschäftigt, mit Zuhörer:innen auf der ganzen Welt.

Als jemand, der Comedy studiert hat, hielt Adams den Witz für unnötig, wenn er von jemandem kommt, der nicht an Alopezie leidet. Allerdings hat er auch einige positive Aspekte mit sich gebracht.

Auf dem Bild ist ein Computerbildschirm zu sehen, der einen Videocall zeigt. Auf der linken Bildschirmhälfte lächelt eine junge Frau mit schulterlangen, dunkelbraunen Haaren in die Kamera. Auf der rechten Seite lächelt eine junge Frau mit Glatze, Brille und Kopfhörern in die Kamera. Sie hält ihr Handy hoch, um ein Foto zu machen. Unterhalb des Bildschirms steht auf dem Bild: „Audio (and video) check!!
The Alopecia Project – Ein Podcast. © Sarah Adams

„Nicht nur Hollywood ist das Problem“

„Ich glaube nicht, dass Chris Rock oder wer auch immer den Witz geschrieben hat, weiß, was Alopezie ist, aber ich glaube, dass dieser Moment die Möglichkeit bietet, zu lernen, wie man Betroffene unterstützen kann“, so Adams gegenüber BuzzFeed News US. „Es ist so schwer, wenn man seine Haare verliert und nicht nur Hollywood ist das Problem. Die Gesellschaft und die Medien legen so viel Wert auf Aussehen und Haare sind nun mal ein großer Teil davon. Wenn man die also verliert, ist es, als ob man seine Schönheit verliert. Für viele Menschen ist es so, als ob sie einen Teil von sich selbst verlieren.“

Laut Adams brachte sich vor Kurzem ein 12-jähriges Mädchen mit Alopezie um, weil sie gemobbt wurde, weshalb der Witz die Alopezie Community so getroffen habe. Sie hofft aber, dass der Vorfall mit der Zeit mehr Aufmerksamkeit und Bewusstsein für Alopezie bringt, als für die Ohrfeige.

„Will Smith. Ich versteh es, du hast Jadas Gesicht gesehen und reagiert. Aber was, wenn du Jadas Gesicht gesehen und dann reflektiert hättest. Was, wenn du einen Moment der Ignoranz und Intoleranz zu einem Moment des Bewusstseins und der Bildung gemacht hättest“, das fragt sich Adams.

„Ich bewundere sie dafür“

Jassica Langley, Gründerin von Alopecia Free, ein Shop, der Natur-Produkte zur Behandlung von Alopezie anbietet, glaubt, dass der Vorfall bei den Oscars es vielen Betroffenen noch schwerer machen wird, sich selbst und ihren Haarausfall zu akzeptieren.

„Jada hat nicht nur ihr Selbstbewusstsein gezeigt, indem sie ihre Geschichte mit der Welt geteilt hat, sondern sie ist auch ohne Perücke oder Kopftuch zu einem riesigen Event gegangen. Das ist stark und ich bewundere sie dafür“, sagt Langley, die drei Jahre lang Alopecia Areata hatte, bevor ihr Haar wieder anfing zu wachsen. „Es ist schwer genug, überhaupt genügend Selbstbewusstsein zu haben, um ohne Perücke oder Kopftuch raus zu gehen, aber wenn dann jemand vor Millionen Leuten einen Witz darüber macht, ich kann mir nicht vorstellen, wie viel Schmerz und Scham man da spürt.“

„Es ist sowieso schon schwer und jetzt wird es noch schwerer“

Langley fürchtet, dass Betroffene „sich jetzt mehr fürchten in ihrer wahren Form nach draußen zu gehen... jetzt wo das Wort Alopezie in der Öffentlichkeit eine negative Assoziation hat.“

„Als Frau, die unter Haarausfall gelitten hat und als ich schließlich alle meine Haare abrasiert habe, habe ich immer wieder komische Blicke und gemeine Bemerkungen bekommen. Leute haben viele verschiedene Vorurteile über Menschen, die ihre Haare verloren haben“, erzählt Langley BuzzFeed News US. „Obwohl mein Haar wieder wächst, sind die Wunden von damals noch längst nicht verheilt. Sie sagt, diese Art von Aufmerksamkeit „macht alles noch schwieriger. Es ist sowieso schon schwer und jetzt wird es noch schwerer, wenn man Promis sieht, die sich über Menschen mit Haarverlust lustig machen.“

„Vielleicht werde ich jetzt nicht mehr so angestarrt“

Chrissa Kaselis, Leiterin einer Selbsthilfegruppe der National Alopecia Areata Foundation in Boston, glaubt, dass Rocks Witz vielleicht sogar mehr Positives als Negatives für die Alopezie-Community mit sich bringt.

„Dieser Vorfall hat für mehr Aufmerksamkeit rund um Alopezie gesorgt, wenn vielleicht auch nicht unbedingt positive. Vielleicht werde ich jetzt nicht mehr so angestarrt wie die letzten 25 Jahre meines Lebens“, so Kaselis, die ihre Alopecia Areata einen „wahren Segen“ nennt. „Vielleicht haben Menschen, die nicht wirklich wussten, was Alopezie überhaupt ist oder noch nie davon gehört haben, durch diesen Vorfall etwas gelernt.“

„Wir müssen verstehen, dass jeder mit etwas zu kämpfen hat“

Kaselis erzählt BuzzFeed News US, dass sie schon öfter G.I. Jane genannt wurde und dass es sie nie gestört habe. Sie sagt aber auch, dass die Krankheit jeden auf unterschiedliche Weise physisch, mental und emotional belaste.

„Ich habe seit 25 Jahren Alopezie und habe auch als Leiterin der Selbsthilfegruppe gesehen, was für Belastungen und was für Leid die Krankheit mit sich bringen kann“, sagt Kaselis. „Wir müssen einander unterstützen, uns um einander kümmern, uns lieb haben und verstehen, dass jeder mit etwas zu kämpfen hat, egal ob man es sieht oder nicht.“

„Seid nett – es ist wirklich wichtig.“

Autorin ist Katie Camero. Der Artikel erschien am 29. März 2022 auf buzzfeednews.com. Aus dem Englischen übersetzt von Friederike Hilz.

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