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Nur 50 zusätzliche Medizin-Studienplätze für 2022 in Österreich? Das verschärft den Ärztemangel und hilft niemandem

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Von: Helena Dimmel

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Eine Ärztin reibt sich an ihrem Schreibtisch den Kopf.
In Österreich besteht Ärztemangel, obwohl so viele diesen Job ausüben möchten - wie kann das sein? © Imago

Österreich hat einen Ärztemangel. Trotzdem werden nicht genügend Medizin-Studienplätze zur Verfügung gestellt, um dem entgegen zu wirken. Warum ist das so?

Der Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres hat uns bei der Präsentation der Ärztestatistik 2021 im Juni schon gewarnt: Wir haben einen Ärztemangel in Österreich, der sich fortlaufend verschlimmert. Von allen Seiten aus der Gesundheitsbranche werden die Stimmen lauter, und auch die (Oppositions-)Politik in Form von SPÖ und NEOS schreit inzwischen im Chor: Österreich benötigt mehr Ärzt:innen.

Fakt ist: Die Zahl der neu ausgebildeten Ärzteschaft reicht für den errechneten Nachbesetzungs-Bedarf nicht aus. Zudem kommt, dass sich viele graduierte Studis gegen den Arztberuf entscheiden.

Ein Drittel der Ärzt:innen geht in Pension

Nach derzeitigem Stand gibt es rund 47.700 Ärzt:innen in Österreich, davon sind rund 26.400 Fachärzt:innen, 13.100 Allgemeinmediziner:innen, fast 8.000 Turnusärzt:innen. Die Zahl der Vollzeitäquivalente ist mit knapp 40.400 deutlich niedriger zu bemessen. Ein Drittel der derzeit Praktizierenden ist über 55 Jahre alt. In den nächsten zehn Jahren werden also rund 15.400 Mediziner:innen das Pensionsalter von 65 überschreiten.

Nur zwei Drittel der graduierten Studis werden Ärzt:innen

Laut einem Bericht des österreichischen Rechnungshofs von Anfang Dezember 2021 hat sich zwischen den Studienjahren 2008/09 und 2018/19 fast ein Drittel der Medizinabsolvent:innen gegen den Arztberuf in Österreich entschieden. Es ist also nicht nur so, dass uns die alten Ärzt:innen bald wegfallen, sondern dass uns auch die Neuen abwandern - zum Beispiel in andere Länder, die Forschung oder die Privatwirtschaft.

Warum gibt es nur 50 zusätzliche Studienplätze für das Medizin-Studium?

Das ist eine gute Frage. Für das Studienjahr 2021/22 wurden für Human- und Zahnmedizin insgesamt 1.740 Plätze in ganz Österreich zur Verfügung gestellt. 12.777 Studien-Anwerber:innen nahmen im Jahr 2021 am MedAT (dem medizinischen Aufnahmetest) teil, ein regelrechter Ansturm also. Es mangelt definitiv mal nicht am Interesse. Auch gut zu wissen: Für die Teilnahme am MedAT muss man 110 Euro hinblättern. Die reinen Einnahmen aus dem Testverfahren 2021 belaufen sich also auf 1.405.470 Euro.

Im Rahmen des Medizinprogramms bis 2030, das der damalige Bundeskanzler Alexander Schallenberg und der Ex- Wissenschaftsminister Heinz Faßmann Ende November angekündigt haben, sieht vor, dass die Zahl der Studienplätze für Medizin schrittweise bis 2028 um 200 aufgestockt wird - deswegen 50 neue Plätze pro Jahr. Das Programm „Uni-Med-Impuls 2030“ für die universitäre Forschung im Medizinbereich beinhaltet zudem 30 neue Professuren in Bereichen wie Infektiologie und Epidemologie. Es mangelt nämlich derzeit auch an facheinschlägigen Lehrenden.

Die Rechnung geht nicht auf

Also nochmal zum mitschreiben: in den nächsten zehn Jahren gehen 15.400 Ärzt:innen in Pension, (optimistisch gerechnet) rund 20.000 neue werden ausgebildet. Davon werden statistisch gesehen rund ein Drittel abwandern - man kommt also auf 13.333 nachkommende Ärzt:innen. Die Rechnung geht jetzt schon nicht auf, und da haben wir noch nicht mal mit einbezogen, dass natürlich nicht alle Studienanfänger:innen das Studium auch wirklich beenden. Außerdem sind nicht alle Ärztestellen auf Vollzeit-Basis ausgelegt. Die Mindeststudienzeit für das Medizinstudium beträgt zudem sechs Jahre, nicht für jede:n ist dies aber schaffbar. Zusammengefasst: Die Politik macht hier wieder mal das absolute Minimum.

Der Ärztemangel wird auf dem Rücken der Studis ausgetragen

Was passiert nun also mit den 12.777 Studien-Anwerber:innen, wenn nur 1.740 von ihnen einen Studienplatz an einer öffentlich-rechtlichen Universität ergattern können? Richtig, viele geben auf (schade drum) und viele verschwenden Jahre damit, immer wieder zu dem extrem schweren Aufnahmetest anzutreten, obwohl sie das eventuell noch nicht vorhandene Wissen locker durch Motivation nachholen könnten. Der Rest verlagert sich auf Privatunis. Dort muss man allerdings mit horrenden Kosten rechnen: Für ein fertiges Medizinstudium zahlt man an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg zum Beispiel 80.000 Euro, an der Sigmund Freud Universität sogar 150.000 Euro. Wieso aber sollte man in Österreich für einen Beruf, der systemrelevant ist, soviel Geld ausgeben müssen? Es ist höchste Zeit, dass die politisch Verantwortlichen handeln.

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