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Warum der Begriff „Kartoffel“ nicht diskriminierend ist

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Von: Pia Seitler

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Kartoffeln an einem Marktstand
Politologin Ferda Ataman verteidigte in einer Kolumne den Begriff „Kartoffel“ für Deutsche ohne Migrationshintergrund. © Wassilis Aswestopoulos/Imago

Ferda Ataman soll neue Antidiskriminierungsbeauftragte werden. 2020 hat sie den Begriff „Kartoffel“ für Deutsche ohne Migrationshintergrund verteidigt.

Socken in Sandalen, Lederhosen, eine alles überlagernde Liebe zu Bier und Autos – sie sind hartnäckig und manchmal erschreckend wahr – die Klischees über die „Deutschen“. Wir haben hier komische Bemerkungen und Klischees gesammelt, die du im Ausland schon über Deutschland gehört hast. Für Deutsche, die einigen der Klischees entsprechen, gibt es die Bezeichnung „Kartoffel“. Ferda Ataman, Politologin und Publizistin, findet das harmlos und vor allem – nicht diskriminierend.

Ataman soll nun neue Antidiskriminierungsbeauftragte der Bundesregierung werden – im Netz hagelt es dafür heftige Kritik. In Teilen davon geht es eben um jene Spiegel-Kolumne, in der Ataman 2020 die Bezeichnung „Kartoffel“ für Deutsche ohne Migrationshintergrund verteidigte. Atamans Aufgabe sei es wohl „Biodeutsche zu diskriminieren“ und sie „verunglimpfe“ Deutsche ohne nennenswerten Migrationshintergrund als Kartoffel, so die Vorwürfe einiger wütender Twitter-User:innen.

Ferda Ataman: Sprachwissenschaftler sagt, „Kartoffel“ diskriminiere nicht

„Natürlich kann es Zusammenhänge geben, in denen [Kartoffel] eine Beleidigung ist, aber das macht es noch nicht zu einem diskriminierenden Ausdruck. Das ist ein Unterschied, den man hier schon machen muss“, sagt Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch im Interview mit dem rbb-Kultur zu den Vorwürfen. Ferda Ataman habe damals nur den Unterschied zwischen Diskriminierung und so einer Bezeichnung wie „Kartoffel“ erklärt.

Man höre „Kartoffel“ vielleicht nicht gerne, aber die Bezeichnung diskriminiere eben nicht, sondern bringe höchstens diejenigen aus der Fassung, die sich plötzlich selbst in der Situation sehen, in der sich Minderheiten die ganze Zeit sehen, nämlich als Mitglied einer Gruppe angesprochen zu werden und nicht als Individuum, so Stefanowitsch. „Das ist die kränkende Erfahrung, die auch in so einem relativ harmlosen Begriff wie „Kartoffel“ stecken kann.“ Für Menschen, die zu gesellschaftlichen Minderheiten gehören, sei das aber eben der Normalfall, habe Ataman gut beschrieben, so die Meinung des Sprachwissenschaftlers.

Ist der Begriff „Kartoffel“ herabwürdigend?

„Um zu diskriminieren, muss ein Begriff Menschen als Mitglied einer Gruppe ansprechen und das Ganze in einer herabwürdigenden Art und Weise“, sagt Stefanowitsch. Bei „Kartoffel“ könne man sich streiten, wie herabwürdigend das wirklich sei. Die Kartoffel selbst habe Migrationshintergrund, denn das Gemüse sei ein Import, den es erst seit ein paar 100 Jahren in Europa gibt. „Hier wird nicht stereotypisiert, wie das vielleicht mit so einem Wort wie ‚Spaghettifresser‘ für Italiener:innen der Fall wäre.“

Diesen TikToker haben Videos zu Klischees über asiatische Menschen erfolgreich gemacht.

Die Kartoffel gelte zwar als ein bisschen langweilig, aber keiner habe wirklich etwas gegen sie. Insofern könne man sagen, hier fehle die Herabwürdigung. Die Herabwürdigung sei auch deshalb sprachlich schwer hinzukriegen, für weil dazu auch eine Art gesellschaftliche Übereinkunft notwendig sei, dass eine bestimmte Gruppe weniger wert sei oder in der Geschichte mal weniger wert war. „Und das ist bei Deutschen nicht der Fall“, so Stefanowitsch. Deshalb sei es auch ganz schwer, deutschstämmige Deutsche in Deutschland als Mehrheitsgesellschaft zu diskriminieren.

Unterstützung für Ferda Ataman von SPD und Grünen

Der Vorschlag des Bundeskabinetts, die Publizistin Ferda Ataman zur Antidiskriminierungsbeauftragten zu machen, stieß bei mehreren Politiker:innen von Union und FDP auf Ablehnung. Unterstützung erhielt Ataman unter anderem aus den Reihen von SPD und Grünen.

Die Abgeordnete Linda Teuteberg (FDP) twitterte: „Ein Vorschlag an den Deutschen Bundestag, dem ich meine Stimme nicht geben kann.“ Der Bundestag könnte bereits in der kommenden Woche über die Wahl von Ferda Ataman entscheiden.

Andere Nutzer warfen Ataman vor, frühere Tweets, die als polemisch interpretiert werden könnten, gelöscht zu haben. Ihre privaten Tweets habe sie aus Neutralitätsgründen von ihrem Account gelöscht, sagte Ataman am Donnerstag der dpa. Sie seien im Internet, genau wie ihre restlichen Veröffentlichungen, weiterhin abrufbar, erklärte sie. Zur allgemeinen Kritik an ihrer Person teilte sie mit, dass sie sich „aus Respekt vor dem Parlament“ vor der Entscheidung im Bundestag nicht weiter äußern wolle. Nach ihrer Berufung hatte Ataman getwittert, dass sie sich über die Nominierung freue.

SPD-Politikerin Sawsan Chebli twitterte, dass die Angriffe gegen Ataman und andere, „die Muslime sind oder als solche gelesen werden“, System hätten.

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