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Plötzlich divers: Warum „Germany‘s Next Topmodel“ nach 17 Staffeln endlich erträglich wird

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Von: Mika Engelhardt

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Bei GNTM 2022 sind nun endlich auch diverse Models dabei.
Bei GNTM 2022 sind nun endlich auch diverse Models dabei. © GNTM/Screenshot Youtube

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Heidi Klum hat sich das Wort „Mädchen“ endgültig abgewöhnt, denn „GNTM“ 2022 ist diverser als alle Staffeln zuvor. Das macht die Sendung endlich erträglich.

Alle Jahre wieder kann ich mich im Fernsehen auf mehrere Monate stumpfe Unterhaltung zwischen Februar und Mai freuen, wenn „Germany‘s Next Topmodel“ auf ProSieben läuft. Die Show ist aus der Fernsehlandschaft gar nicht mehr wegzudenken, mittlerweile befindet sie sich in der 17. Staffel. Im Zentrum: „Model-Mama“ Heidi Klum, die in den vergangenen Jahren mehr und mehr den Fokus auf sich zog. Auf den Plakaten gibt sie sich immer freizügiger, Co-Juror:innen hat sie schon seit einiger Zeit aufgegeben und dieses Jahr singt Heidi Klum sogar den Titelsong.

GNTM 2022 wird divers: Nur für die Quote?

Neben der Selbstdarstellung ist auch ein weiterer Aspekt immer wichtiger für „GNTM“ geworden: Diversity. Wer die Show schon seit einigen Staffeln verfolgt, kann den Begriff kaum noch hören. Diversity hier, Diversity da - seit Jahren brüstet sich die Show damit, ein einzelnes Plus-Size- oder Trans-Model in den Cast aufzunehmen. Man muss nicht besonders schlau sein, um das Spiel zu durchschauen: Durch diese oberflächliche Inklusion können die Produzent:innen einen Haken hinter „Politisch korrekt“ auf ihrer Checkliste machen und auch Heidi steht damit gut da.

Die Show wehrt sich mit diesen Inklusionen auch gegen Vorwürfe, schädliche Körperideale an junge Frauen zu vermitteln. Dennoch konnte man sich früher jede Staffel davon überzeugen, wie tief gewisse Ideale saßen. Ich erinnere mich noch daran, wie vor einigen Staffeln eine ältere Frau versucht hatte, an der Show teilzunehmen. Sie wurde für einige Minuten beim Casting gezeigt, nur um dann von Heidi Klum abserviert zu werden. Die Frau sei „ein bisschen zu alt“ für den Einsteig ins Model-Leben hieß es.

Diverses Finale bei GNTM im Jahr 2021

Doch seitdem hat sich in der Modewelt einiges getan - und offensichtlich auch bei Heidi Klum. In der letzten Staffel schafften es das Plus-Size- und Trans-Model über die gewöhnlichen ersten paar Folgen hinaus bis ins Finale. Alex, die als Mann geboren wurde, konnte die Sendung am Ende für sich gewinnen.

Für „GNTM“ war solch ein diverses Finale ein Novum. Die Staffel 2022 lässt diese Meilensteine aber beinahe wieder verblassen. Die Models sind zwischen 1,50 und 1,95 Meter groß, haben die unterschiedlichsten Körper und die älteste Kandidatin ist 68 Jahre alt.

Germany‘s Next Topmodel hat Einfluss

„Nun gut“, werden jetzt einige Leser:innen denken: „Das ist nur die natürliche Entwicklung im Kampf um Quoten und politische Korrektheit.“ Und wahrscheinlich ist das auch in großen Teilen so. Ob die Show eine solche Vielfalt von unkonventionellen Models tatsächlich aufnehmen würde, wenn der gesellschaftliche Diskurs nicht mehr Diversität forderte, kann man sich kaum vorstellen. Aber „GNTM“ ist eben auch eine echte Größe im deutschen Fernsehen. Und somit hat das, was in der Sendung passiert, auch Gewicht.

Nehmen wir die aktuelle Kandidatin Barbara als Beispiel. Mit 68 Jahren ist sie die älteste Kandidatin, die es in der Sendung je gab. Zusammen mit Martina, 50, und Lieselotte, 66, bildet sie ein Dreiergespann, durch das sich die Staffel von den anderen „GNTM“-Staffeln abgrenzt. Doch statt der leichten Häme, die das ältere Model vor einigen Jahren durch die Show erfahren hatte, ist es beinahe erfrischend, wie sehr die drei Frauen einfach als Teilnehmerinnen dargestellt werden.

Klar, Barbara und besonders Lieselotte reden immer wieder in Interviews über ihr Alter und klar, man sieht es ihnen an, aber damit hört die Sonderbehandlung auch auf. Wenn Heidi in der ersten Folge beim Anblick der Frauen kreischt: „Endlich ist mein Wunsch in Erfüllung gegangen“, kauft man ihr das nicht wirklich ab. Aber wenn Barbara in der zweiten Folge in einem engen, grünen Kleid stilvoll Haut zeigen darf, ist die Sendung stärker als je zuvor. Denn wo sonst sieht man im Fernsehen eine alte Frau, die sich einfach wohlfühlen darf?

Martina, die 50-jährige Kandidatin, gilt aktuell sogar als eine der Favoritinnen für den Titel. Sie bringt Modelerfahrung mit und weiß genau, wie sie ihren Körper einsetzt. In der zweiten Folge stach sie so sehr heraus, dass Heidi sie für die „beste Leistung“ der Woche lobte. Und auch Barbara und Lieselotte sind zumindest noch dabei, auch wenn ihre Leistungen laut Heidi bisher eher durchschnittlich waren.

Dass die Sendung in diesem Jahr zudem noch mehrere füllige Models, Tattoos, verrückte Frisuren, Piercings am ganzen Körper und ungewöhnliche Modelgrößen akzeptiert, verkommt jedoch aktuell fast noch zur Randnotiz. Mit den 25 durchweg makellos schlanken Models von vor ein paar Jahren hat das nichts mehr zu tun - und ist gerade wegen dieser Beiläufigkeit ein starkes Zeichen für Diversität.

GNTM hat 2022 endlich das Gewissen gefunden

„Alle reden davon, dass sie mehr Diversity haben möchten“, sagte Heidi Klum im Trailer zur Sendung. „Die reden und reden. Aber ich? Ich bring‘s an den Start!“ So „einfach“ ist das natürlich nicht. Gerade in der High-Fashion-Branche sind Models aller Art schon seit Jahren gefragt. Die Modebranche muss wie die Gesellschaft mit der Zeit gehen, und die bloße Präsentation magerer Frauen reizt heutzutage niemanden mehr. Klar, dass da auch ein „GNTM“ nachziehen muss.

Heidi Klum steht bei den Dreharbeiten zur 17. Staffel „Germany‘s Next Topmodel“ vor der Zappeion-Halle.
Im Fokus: Bei „GNTM“ dreht sich alles um Heidi Klum. Doch diese Staffel teilt sie sich das Rampenlicht mit einigen ungewöhnlichen Kandidatinnen. © dpa/Eurokinissi

Aber dennoch kann man der Sendung zu so einem radikalen Switch eigentlich nur gratulieren. Offenbar sind aufgrund der unkonventionellen Maße sogar einige Designer abgesprungen. Dass ProSieben und Heidi Klum dann aber bei ihren Models und nicht beim schnellen Geld stehen, ist definitiv ein Zeichen dafür, dass die Show es diesmal ernst meint. Findet „GNTM“ also in der 17. Staffel endlich ein Gewissen und sendet ein Signal, dass alle Frauen sich in ihrem Körper wohlfühlen sollten? Bisher ist die Antwort: ja!

Jetzt stellt sich nur noch die Frage, wie die Sendung sich im nächsten Jahr wieder toppen kann. Mein Tipp: Es dürfen sich endlich auch Männer bewerben. Das würde einerseits eine ganz neue Dynamik hervorrufen. Andererseits wäre es auch schön, verschiedenen Typen von Männern zu zeigen, dass sie schön sein können. „GNTM“ hat jetzt, wo die Show eine echte Bereitschaft für Diversität gezeigt hat, auf jeden Fall die Chance, vieles richtig zu machen und Türen zu öffnen. Hoffen wir, dass es sich am Ende nicht als bloßes Quotenspiel herausstellt.

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