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Ich habe die BeReal-App 4 Wochen lang getestet – real ist hier gar nichts

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Von: Felicitas Breschendorf

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Screenshot von BeReal. Beim Reisen oder beim Einschlafen: Auf BeReal zeigt man sein angeblich „reales“ Ich.
Beim Reisen oder beim Einschlafen: Auf BeReal zeigt man sein angeblich „reales“ Ich. © Screenshot/ BeReal

Unsere Autorin hat einen Monat lang die App „BeReal“ getestet und sagt: „BeFake würde besser passen.“

Nach Instagram, Snapchat und TikTok gibt es jetzt BeReal. Eine Social-Media-App, die den Anspruch hat, nicht so fake zu sein wie ihre Vorgänger. Aber sind wir auf der App wirklich wir selbst? Ungeschönt, ungestellt? Zeigen wir das reale Leben? Schön wärs!

Ich, 26, habe die App einen Monat lang ausprobiert und bin überzeugt: Real ist anders. Und wenn doch, ist die Realität verdammt langweilig.

Der Einstieg in BeReal: Posten ist stressig

Anders als bei Instagram postet man bei BeReal nur einmal am Tag. Ich kann also zunächst nicht entscheiden, wann: Zu einer bestimmten Uhrzeit, die jeden Tag variiert, bekomme ich täglich eine Push-Benachrichtigung. Das kann morgens, mittags oder spätabends sein. Hinter einem bedrohlichen gelben Warnzeichen lese ich: „Du hast zwei Minuten Zeit, dein BeReal zu posten“. Am Anfang hat das bei mir Stress ausgelöst. Mist, ich muss schnell ein Foto hochladen!

Bei Social Media bin ich eigentlich als Lurker unterwegs – so nennt man Personen, die nur schauen, was andere machen, ohne selbst zu posten. Auf BeReal bin ich zum Posten gezwungen. Jeden Tag! Alle Fotos in der BeReal-App werden nach 24 Stunden gelöscht. Poste ich selbst kein Foto, kann ich die Fotos meiner Freund:innen nicht sehen. Und ganz ehrlich, deshalb bin ich hier: Um zu sehen, was meine Freund:innen treiben.

Better BeLate als BeReal

Zu den zwei Minuten kommt hinzu, dass ich nicht einfach aus der Mediathek ein Foto auswählen kann. Das bedeutet, ich habe nur zwei, drei Versuche ein gutes Foto zu schießen. Wenn der Countdown abläuft, steht das Foto fest. BeReal erweckt den Eindruck, dass ich nur posten kann, was ich in dem Moment auch wirklich mache: Ob ich gerade schlafe, auf dem Klo sitze oder beim Bäcker in der Schlange stehe. Richtig real eben.

Bald habe ich aber gemerkt, dass die Realität von BeReal anders aussieht: Es stimmt, dass man zum Fotografieren selbst nur zwei Minuten Zeit hat. Den Zeitpunkt, an dem ich fotografiere, kann ich aber variieren. Die Push-Benachrichtigung kann ich einfach ignorieren. Ich kann mich also entscheiden, erst später zu posten. „BeLate“ nennt man so einen Post. In der App wird dann angezeigt, wie viel Minuten oder Stunden ich zu spät gepostet habe. Poste ich ein BeLate, bekommen meine Freund:innen eine Benachrichtigung von der App, die sie aber ausstellen können. Mehr Konsequenzen hat es nicht, Late statt Real zu sein.

BeReal-Screenshot. Abends einen Drink fotografieren, obwohl die Benachrichtigung schon mittags kam. Better BeLate than sorry!
Abends einen Drink fotografieren, obwohl die BeReal-Benachrichtigung schon mittags kam. © BeReal/ Screenshot

„Wenn ich traurig oder wütend bin, möchte ich das nicht zeigen“

Was anfangs real gewirkt hat, stellt sich bald als fake heraus. Während ich mich anfangs noch gestresst habe, das Hier und Jetzt abzufotografieren, denke ich jetzt immer öfter: Ich warte auf einen besseren Moment! Wenn ich etwa gerade im Bett liege oder Zähne putze, möchte ich davon kein Foto machen. Weil die BeReal-App gleichzeitig Front- und Rückkamera auslöst, schießt man jedes Mal automatisch ein Selfie. Wenn ich traurig oder wütend bin, möchte ich das aber nicht zeigen. Ich warte bis ich entspannt durch die Stadt laufe oder abends mit Freund:innen in einer Bar sitze. Better BeLate than sorry! 

Wie real ist BeReal wirklich?

Auf BeReal teile ich zwar ein Teil meiner Realität, aber nur eine oberflächliche Version davon: Ich teile die Dinge, bei denen mir es am wenigsten ausmacht, dass sie andere sehen. Nicht, dass ich manchmal nicht so gut gelaunt bin oder gestresst beim Kochen. Sondern ein Lächeln und das fertige leckere Essen.

Screenshot von BeReal. Auf BeReal wird viel gelächelt. Gegen die Sonne funktioniert es weniger gut.
Auf BeReal wird viel gelächelt. Gegen die Sonne funktioniert es weniger gut. © BeReal/ Screenshot

Die einzige Emotion, die in meinem Feed neben Glück gezeigt wird, ist Müdigkeit. Denn Müdigkeit ist ein Teil der Realität, der oberflächlich genug ist. Nach dem Motto: Schon wieder Montag! Auch so kaputt heute?

Was mir bei Freund:innen auffällt, ist, dass sie auf BeReal immer gut aussehen. Einige haben den Selfi-Blick durch jahrelange Insta- und Snapchat-Erfahrung perfektioniert. (Mir gelingt das nicht immer so gut.) Sie können die Rückkamera einschalten, um den schönsten Teil der Umgebung fotografieren. Gleichzeitig bekommen sie ein Lächeln hin, ohne sich dabei zu beobachten. Die Vision, dass die App einen auf frischer Tat ertappt, geht nicht auf.

Real sein ist langweiliger als man denkt

Bei BeReal ist es nicht möglich, wie bei Instagram seine schönsten Momente zu zeigen. Im Alltag lebt man die meiste Zeit ziemlich langweilig: Man sitzt am Schreibtisch, im Zug oder läuft durch die Straße. Real sein bedeutet für mich aber kein langweiliger Alltag, sondern das Innere. Wie wir uns fühlen, was wir denken. Auf BeReal sehe ich die nett eingerichteten Wohnungen meiner Freund:innen, auch wenn sie etwas krumm abfotografiert sind. Ich sehe viele Züge von innen, viele Laptops auf Schreibtischen. Und ganz viele lächelnde Gesichter.

Screenshot von BeReal. Minigolf – das mit Abstand spannendste, was auf meinen BeReals passiert ist.
Minigolf – das mit Abstand spannendste, was auf meinen BeReals passiert ist. © BeReal/ Screenshot

Wo ist der schönste Winkel?

Beim Fotografieren eines BeReals ist entweder das Bild der Front- oder Rückkamera sichtbar. Das kann man in der App einstellen. Ich habe deshalb nur über eines der beiden Bilder die ganze Kontrolle: Selfie oder Hintergrund. In beiden Fällen überlege ich trotzdem, welchen Ausschnitt ich wähle. Ich drehe und wende mein Handy. Ich kann entscheiden, ob ich den aufgeräumten oder den unaufgeräumten Teil meines Zimmers veröffentliche. Vor Kurzem war ich zum Beispiel in Hamburg und habe aus einem Fenster fotografiert: Die Elbe war schöner als der Tisch vor mir.

Screenshot von BeReal. Ebbe bei der Hamburger Elbe, schnell festgehalten mit BeReal.
Ebbe bei der Hamburger Elbe, schnell festgehalten mit BeReal. © BeReal/ Screenshot/

Tschüss, Influencer:innen, hallo Freundeskreis

Auf die BeReal aufmerksam geworden, bin ich über meine Mitbewohnerin. Sie hat geschwärmt, wie persönlich die App doch ist: endlich wieder connecten mit seinen Freund:innen. Die Kontakte, die man bei BeReal hat, sind tatsächlich sehr privat. Ähnlich wie bei Snapchat. Hat jemand aus der Telefonliste BeReal, wird er einem dort vorgeschlagen. Ansonsten hat man nur die Möglichkeit, den Nickname in der Suchleiste einzugeben – nicht den echten Namen. Die Folge ist, dass die Kontakte aus dem eigenen Freundeskreis bestehen (und Personen, deren Nummer man sich zufällig irgendwann gespeichert hat.) Ich sehe, was meine Freunde machen und ich zeige meinen Freunden, was ich mache. So war in etwa auch die Idee von Instagram, bevor die App von Influencer:innen bevölkert wurde.

Ich stimme meiner Mitbewohnerin zu, dass das Schöne an BeReal der intime Rahmen ist, indem man agiert. Meine BeReal-Community ist klein und überschaubar. Das hat auch damit zu tun, dass ich noch nicht viele Kontakte in der App habe. Wird BeReal beliebter und das Scrollen länger, könnte sich meine Meinung ändern.

RealMojos: Lebensechte Smileys?

Screenshot von BeReal. Eine Grimasse in einem runden Kreis. So kann ein lebensechtes RealMoji aussehen.
So kann ein lebensechtes RealMoji aussehen. © BeReal/ Screenshot

Süß sind die RealMojis – quasi lebensechte Smileys, mit denen man auf die BeReal reagieren kann. Statt eines gelben unpersönlichen Kreises, gibt es die Option, seine eigene Reaktion zu fotografieren. Man kann selbst in eine runde Form lächeln oder das Gesicht anderweitig verziehen. Der Austausch findet somit auf einer lockeren Ebene statt. Persönlicher oder realer werden die Reaktionen dadurch nicht. Viel kommentiert oder geliked wird nicht bei BeReal.

Achtung, Suchtgefahr!

Trotz der wenigen Realness, habe ich die App einen Monat lang täglich mit Freude benutzt. Und werde das zunächst auch weiter tun. Ob es an dem blinkenden Warnzeichen und den angeblichen zwei Minuten liegt? Ist es der Kontakt zu meinen Freund:innen? Oder bin ich einfach nur neugierig? Sicher bin ich mir nicht, aber feststeht: BeReal ist zwar nicht real, macht aber süchtig.

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