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Politologin Stainer-Hämmerle: „Bei einer Bundespräsidentenwahl kann man nicht taktisch wählen“

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Von: Johannes Pressler

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Politikwissenschafterin Kathrin Stainer-Hämmerle spricht bei einer Podiumsdiskussion.
Politikwissenschafterin Stainer-Hämmerle zur Bundespräsidentenwahl: „Jetzt geht es mehr um Mobilisierung.“ © Robert Newald/APA-PictureDesk

Überlegst du, bei der Bundespräsidentenwahl taktisch zu wählen? Politikwissenschafterin Kathrin Stainer-Hämmerle erklärt, was es mit dieser Strategie auf sich hat.

„Bier trinken, Van der Bellen wählen“, stand vor knapp zwei Wochen auf einem Sticker der Grünen Jugend in Vorarlberg. Es ist ein Aufruf, seine Stimme Bundespräsident Alexander Van der Bellen und nicht Dominik Wlazny zu geben, um so eine Stichwahl zwischen Van der Bellen und Walter Rosenkranz (FPÖ) zu verhindern. Ein klassischer Fall von „taktischem Wählen“, wie es im Politik-Jargon heißt. Doch was hat es mit dieser Strategie auf sich? Und bringt taktisches Wählen überhaupt etwas? Das hat BuzzFeed Austria die renommierte Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle von der Fachhochschule Kärnten gefragt.

Im Zuge der bald anstehenden Bundespräsidentenwahl ist immer wieder von „taktischem Wählen“ die Rede. Was ist das eigentlich?

Taktische Wähler:innen sind solche, die darauf achten, welchen Effekt ihre Stimme haben könnte. Das sind keine Stammwähler:innen, die sich mit einer Partei emotional stark verbunden fühlen, auch nicht gewisse Persönlichkeiten wählen, sondern sie denken sich: „Ich hätte gerne diese oder jene Koalition und versuche mit meiner Stimme, das zu unterstützen.“ Taktische Wähler:innen sind meist höher gebildet, beobachten Umfragen sehr genau und sind vom Gesamtbild mehr beeinflusst als von der ideologischen Nähe zu einer bestimmten Partei. Bei der Bundespräsidentenwahl gibt es natürlich keine Koalitionen. Da geht es jetzt um Mobilisierung.

Gab es in der jüngeren Vergangenheit schon Wahlen in Österreich, wo taktisches Wählen den Ausgang maßgeblich mitentschieden hat?

Bei der Nationalratswahl 2017 war das der Fall. Grün-Wähler:innen konzentrierten sich auf das Bundeskanzler-Duell von Christian Kern (SPÖ) mit Sebastian Kurz (ÖVP) und gaben daher ihre Stimme der SPÖ. Die Grünen haben das bitter gebüßt und sind aus dem Nationalrat geflogen. Gleichzeitig erhielt Kurz bei dieser Wahl auch viele Stimmen aus dem FPÖ-Lager. 

Was bedeutet das für die Bundespräsidentenwahl? Insbesondere vom eher rechten Lager gibt es gleich mehrere Kandidaten. Könnte taktisches Wählen hier eine Rolle spielen?

Jein, es geht jetzt mehr um Mobilisierung. Wir haben bei dieser Wahl höchsten ein knappes Rennen um den zweiten Platz. Hier ist eben die Frage, wie wichtig taktisches Wählen jetzt bei einer Präsidentschaftswahl überhaupt ist, wenn der Erste wahrscheinlich ohnehin schon im ersten Durchlauf gewinnt. Ich glaube aber schon, dass die anderen eher rechten Kandidaten mehr mobilisieren werden, als Walter Rosenkranz (FPÖ) das alleine könnte. Für Van der Bellen wäre eine niedrige Beteiligung also gar nicht schlecht.

Die Grüne Jugend in Vorarlberg sagte vor Kurzem, dass Leute, die Dominik Wlazny ihre Stimme geben, der FPÖ zur Stichwahl verhelfen würden. Stimmt das?

Ja, das kann sein. So einen ähnlichen Fall gab es mit Peter Pilz. Mit seiner Liste war er 2017 die Gegenkandidatur zu den Grünen. Das ist zwar spekulativ, aber hätte es ihn nicht gegeben, dann wären die Grünen wohl im Parlament geblieben. Jetzt kann man natürlich niemandem verbieten, selbst zu kandidieren. Tatsächlich gibt es in politischen Lagern sogenannte Kannibalisierungseffekte. Ich gehe schon davon aus, dass Menschen, die sich für Wlazny entscheiden, sonst Van der Bellen wählen würden. Noch wahrscheinlicher werden diese Wähler:innen aber wohl zu Hause bleiben. 

Hand auf’s Herz, bringt taktisches Wählen am 9. Oktober wirklich etwas oder sollte man nicht lieber tatsächlich demjenigen Kandidaten die Stimme geben, den man einfach am besten für das Amt des Bundespräsidenten hält?

Bei einer Bundespräsidentenwahl kann man nicht taktisch wählen. Taktische Wähler:innen sind klassischerweise jene, die kleine Koalitionspartner aussuchen. Nach der eigenen Meinung kann man nur den wählen, der Bundespräsident werden soll. Die einzige Variante, die ich mir vorstellen könnte, ist, dass manche einen aussichtslosen Kandidaten wie Heinrich Staudinger wählen, nur um einen Sieg von Van der Bellen im ersten Wahlgang zu verhindern. Es wäre also eher ein emotionaler Akt, mit dem man der Bundesregierung einen Denkzettel verpassen möchte. Das eine hat mit dem anderen aber eigentlich nichts zu tun.

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