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Wie die Pandemie unsere Körper verändert

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Augen, Haut, Zähne - die Pandemie hat auch Auswirkungen auf den Körper, die nichts mit Corona zu tun haben. Wir haben mit mehreren Medizinern darüber gesprochen.

Eine Zeichnung einer Person die unbequem auf einer Couch an einem Laptop arbeitet.
Nicht nur das Virus kann dem menschlichen Körper schaden, sondern auch die Maßnahmen zur Bekämpfung © Zak Tebbal / BuzzFeed News

Während der ersten drei Monate der Corona-Pandemie bunkerte sich Lexie Michel, 23, mit ihren College-Mitbewohner:innen in ihrer Wohnung In Kalifornien ein und tat auch sonst nicht viel in dieser Zeit. Nach ihrem Abschluss zog sie nach Texas und führte ihr Einsiedlerleben im Home-Office fort.

Ein paar Monate später schmerzte ihr Rücken so sehr, dass sie einen Chiropraktiker aufsuchen musste. Die Diagnose: Spinale Degeneration im 2. Stadium (es gibt nur etwa drei oder vier Stadien, je nachdem, wen man fragt). Ursache: Ihre Arbeit im Home-Office, durch die sie acht Stunden am Tag über ihren Laptop gebeugt saß.

„Es ist irgendwie verrückt, weil ich erst 23 bin, aber mein Chiropraktiker sagt, dass es tatsächlich viel häufiger vorkommt, als man denkt, nur weil wir so viel auf unsere Handys und Laptops schauen“, sagt Lexie Michel.

Die Möglichkeit, während der Pandemie zu Hause zu arbeiten, ist ein Privileg, das nicht alle haben. Millionen von Menschen mussten mehr Zeit zu Hause verbringen, weil sie ihren Job verloren haben. So oder so fand eine dramatische Verlagerung hin zum Leben in Innenräumen statt.

Heute, mehr als zwei Jahre später, verbringen viele Menschen immer noch mehr Zeit zu Hause als früher.

Die Auswirkungen von pandemiebedingtem Stress und Angst auf die psychische Gesundheit sind inzwischen gut erforscht. Weniger bekannt sind dagegen die Veränderungen im täglichen Leben, die auch anderen Teilen des Körpers schaden: den Augen, der Haut, der Konzentrationsfähigkeit.

BuzzFeed News sprach mit mehreren Ärzt:innen und Expert:innen darüber, wie mehr Zeit zu Hause den Körper kurz- und langfristig verändern kann.

Die Augen

Es ist bekannt, dass mehr Zeit in Innenräumen das Risiko von Kurzsichtigkeit erhöht. Eine in der Zeitschrift JAMA Ophthalmology veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2021 deutet darauf hin, dass es während der Pandemie im Jahr 2020 bei Kindern im Alter von sechs bis acht Jahren 1,4 bis 3 Mal mehr Fälle von Myopie [Kurzsichtigkeit, Anm.d.Red.] gegeben hat, als in den vorangegangenen fünf Jahren.

Bei Kindern im Alter von neun bis 13 Jahren gab es keine Zunahme von Kurzsichtigkeitsdiagnosen. Der Zusammenhang ist bei Erwachsenen zwar weniger untersucht, aber Dr. Mika Moy, Augenärztin und klinische Professorin für Gesundheitswissenschaften an der University of California sagt, sie sehe diesen Trend bei ihren älteren Patient:innen nicht.

Es wird jedoch angenommen, dass stundenlanges Lesen oder das Betrachten von Gegenständen in weniger als 20 Zentimetern Abstand vom Gesicht das Risiko einer Kurzsichtigkeit erhöht - besonders in Verbindung mit schwachen Lichtverhältnissen.

„Es gibt noch weitere Zusammenhänge. So neigen beispielsweise Stadtbewohner dazu, kurzsichtiger zu sein als Menschen, die auf dem Land leben. Wir denken, das liegt daran, dass die Natur eine positive Wirkung auf die Augen hat“, sagt Moy.

Kurzsichtigkeit ist jedoch nicht das einzige Problem, das während der Pandemie aufgetreten ist.

Für die Augen seien die Lockdowns seit März 2020 so gewesen, als müssten sie „Marathons ohne jegliches Training laufen“, sagt Moy gegenüber BuzzFeed News. „Meetings finden auf dem Bildschirm statt, Arbeit findet auf dem Bildschirm statt und jetzt scheint auch die Freizeit aller auf diesen Bildschirmen stattzufinden.“

Oft vergessen Menschen, zu blinzeln, wenn sie lange auf einen Bildschirm schauen. Dadurch trocknen die Augen aus. Problematisch ist dies auch für die winzigen Drüsen in den Augenlidern, die jedes Mal, wenn wir blinzeln, ein Öl-artiges Sekret in unsere Tränen absondert. Weniger zu blinzeln, kann dazu führen, dass die Drüsen „wegschrumpfen“, sagt Moy. Das ist auf lange Sicht schädlich.

Augentropfen können dabei helfen, die Augen zu befeuchten, aber sie wirken möglicherweise nicht so gut wie warme Kompressen. Moy schlägt vor, etwa zweimal täglich einen warmen Waschlappen für zehn Minuten auf die Augen zu legen, um diese zu entspannen.

Es kann außerdem zu einer Augenermüdung kommen, die auftritt, wenn die Muskeln, die den Fokus der Augen kontrollieren, nach längerer Zeit erschlaffen. Einige Menschen können Kopfschmerzen bekommen oder als Folge davon verschwommen sehen, sagt Moy.

Die Blaulichtbelastung ist ein weiterer Faktor, der von elektronischen Geräten ausgeht. Blaulicht hat kürzere, aber energiereichere Wellenlängen als andere Lichtarten im sichtbaren Spektrum, aber Expert:innen sind sich einig, dass es keine aussagekräftigen wissenschaftlichen Beweise dafür gibt, dass diese tatsächlich Augenermüdung oder -schäden verursachten (Zu viel Blaulicht in der Nacht kann das Einschlafen jedoch erschweren, sagt Moy.)

Also ja, die Augen können brennen, wenn man den ganzen Tag auf den Computer starren, aber das berüchtigte Blaulicht ist hier wahrscheinlich nicht das größte Problem. Tatsächlich erzeugt die Sonne mindestens 100-mal mehr Blaulicht als ein typisches Smartphone, sagt die American Optometric Association. Dies bedeutet, dass eine Blaulichtbrille möglicherweise nicht viel bewirkt. Die American Academy of Ophthalmology empfiehlt sie deshalb nicht. Dazu merkt Moy jedoch an, dass ihre Patient:innen die Brillen hilfreich finden (Ich persönlich denke das auch, aber es kann auch nur der Placebo-Effekt sein).

Eine Brille, die helfen könnte, sind Computerbrillen oder „Berufslinsen“, bei denen es sich um verschreibungspflichtige Brillen handelt, die das Sehvermögen speziell für die Computerentfernung korrigieren. So verhindern sie, dass die Augen zu stark belastet werden. Es gibt aber auch einige nicht verschreibungspflichtige Lesebrillen, die speziell für die Arbeit am Computer hergestellt werden.

Am besten ist es jedoch, den Augen regelmäßig eine Pause zu gönnen und die 20-20-20-Regel auszuprobieren: Hierbei soll man alle 20 Minuten mindestens 20 Sekunden lang 20 Fuß [ca. 6 Meter, Anm.d.Red.] vom Bildschirm wegsehen. Andernfalls sollte man sich etwas Zeit nehmen, um nach draußen zu gehen. Die frische Luft hilft in mehrfacher Hinsicht.

Die Haut

In Innenräumen ist man zwar vor Sonnenbrand und Hautkrebsrisiken durch UV-Licht geschützt. Doch dafür könne der Vitamin-D-Spiegel sinken, wenn man kein Sonnenlicht absorbiere. Es helfe dem Körper, das wichtige Vitamin zu produzieren, sagt Elizabeth Bahar Houshmand, eine Dermatologin in Texas.

Vitamin D stärkt das Immunsystem, die Muskelfunktion, die Gehirnaktivität und unterstützt die Aufnahme wichtiger Mineralien wie Kalzium, Magnesium und Phosphat.

Studien zeigen, dass ein Vitamin-D-Mangel mi Depressionen, Erkrankungen von Knochen und Muskeln (dazu später mehr) und anderen Gesundheitsproblemen in Zusammenhang steht. Mangelnde Sonneneinstrahlung, dunklere Haut und ein höheres Alter erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines Mangels.

Die gute Nachricht: Eine im European Journal of Public Health veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2021 egab, dass Vitamin-D-Mangel bei Patienten in Italien während der Lockdowns im Jahr 2020 im Vergleich zu den Vorjahren nicht häufiger vorgekommen ist.

Auf jeden Fall ist nur ein geringes Maß an Sonneneinstrahlung erforderlich, damit der Körper ausreichende Mengen an Vitamin D produzieren kann. „Ein paar Minuten am Tag nach draußen zu gehen, ist genug“, sagt Joshua Zeichner, Direktor für kosmetische und klinische Forschung in der Dermatologie im Mount Sinai Hospital in New York, zu BuzzFeed News. Man kann das Vitamin D auch aus angereicherten Lebensmitteln, Nahrungsergänzungsmitteln und bestimmten Lebensmitteln wie Lachs und Eigelb beziehen.

Was beide Dermatolog:innen während der Pandemie bemerkt haben: Es gab mehr Patient:innen mit Hautausschlägen, Akne und Rosacea, einer Erkrankung, die Gesichtsrötungen und pickelartige Unebenheiten auf der Haut verursacht.

Zeichner macht hierfür Gesichtsmasken, Stress und schlechte Essgewohnheiten (vor allem zuviel Zucker) verantwortlich. Zucker könne Entzündungen im Körper fördern und die Talgproduktion antreiben, die zu Akneausbrüchen führen könne, sagt er. Im Laufe der Zeit kann überschüssiger Zucker eine Glykation auslösen – hierbei verbinden sich Zuckermoleküle mit Proteinen ​​​​in der Haut. Diese Proteine werden Kollagen genannt. Dieser Prozess könne die Faltenbildung begünstigen, sagt er.

Regelmäßige Bewegung kann helfen. Sie „trainiert“ die Hautzellen und beuge vorzeitiger Alterung vor, sagt Zeichner. „Die Tage mögen lang und sich wiederholend erscheinen, aber halten Sie mit Ihrer Hautpflegeroutine Schritt“, sagt er. „Was Sie jetzt tun, wird sich in Zukunft sicherlich auf Ihre Haut auswirken.“

Die Pandemie hat noch eine weniger offensichtliche, aber immer noch heimtückische Auswirkung auf den Körper (und den Geist): Die Menschen verbringen mehr Zeit in Zoom-Meeting und sehen sich dabei im grellen Licht eines Computers selbst. Das kann Unsicherheiten verstärken. Beide Dermatolog:innen haben festgestellt, dass immer mehr Patient:innen fragen, wie sie dunkle Flecken, Falten und Tränensäcke loswerden können.

Zeichner empfiehlt das Auftragen von Sonnencreme übrigens auch in Innenräumen, da schädliche ultraviolette Strahlen der Sonne durch das Fenster dringen und der Haut schaden können. Ebenso belastend für die Haut seien Schadstoffe im Haus, sagt Houshmand. Sie sammeln sich besonders im Winter in Innenräumen, wenn die Zentralheizung läuft und der Mangel an frischer Luft die Haut austrocknen kann. Die Dermatologin empfiehlt, einen Luftbefeuchter im Haus aufzustellen.

Muskeln, Knochen und Nerven

Wenn es einem wie Lexie Michel geht, die 23-jährige mit Rückenschmerzen, hat man noch weitere Probleme und Herausforderungen im Home-Office erlebt.

Charla Fischer, Professorin für orthopädische Chirurgie an der NYU Grossman School of Medicine, sagt gegenüber BuzzFeed News, dass sie immer mehr Patient:innen mit Rückenschmerzen im Zusammenhang mit einer schlechten Körperhaltung sieht - ausgelöst von der Arbeit zu Hause.

„Wir sitzen den ganzen Tag in einer schlechten Position, über einen Laptop gebeugt, die Muskeln werden überdehnt und es entstehen Mikrorisse. Dann beginnt der Muskel wegen dieser Verletzung zu verkrampfen und wir bekommen Schmerzen“, sagt Fischer.

Aber die sitzende Lebensweise kann noch weit mehr verursachen als nur einen schmerzenden Rücken. Sie ist „so schädlich für die Gesundheit wie das Rauchen einer Schachtel Zigaretten am Tag“, sagt Nicholas DiNubile, orthopädischer Chirurg bei Premier Orthopaedics And Sports Medicine in Pennsylvania und Sprecher der American Academy of Orthopaedic Surgeons, gegenüber BuzzFeed News. „Wir haben damit bereits ein großes Problem in unserem Land, und die Pandemie hat es nur noch schlimmer gemacht.“

Kombiniere man wenig körperliche Bewegung mit einem Vitamin-D-Mangel habe man ein „echtes Problem“, sagt DiNubile. „Vitamin-D-Mangel beeinträchtigt nicht nur die Knochengesundheit, sondern führt auch zu Muskelverletzungen.“

Kinder zum Beispiel verletzen sich jetzt viel häufiger, da sie nach etwa zwei Jahren zu Hause wieder körperlich aktiver sind. „Ich habe in meiner gesamten Karriere noch nie zwei Wochen ohne eine Kreuzband-Verletzung erlebt“, sagt DiNubile, doch zu Beginn der Pandemie seien etwa fünf Monate vergangen, ohne dass er ein verletztes Kind behandeln musste. „Jetzt ist es andersherum. Sie kommen wieder sehr häufig.“

Bewegungsmangel könnte auch zu Muskelabbau führen, was den Stoffwechsel verlangsamen und so zu Gewichtszunahme und Fettleibigkeit beitragen könnte, fügt er hinzu. Und nach mehr als zwei Jahren könnten Osteoporose oder Knochenschwund zu einem Problem werden, das besonders für weiße und asiatische Frauen, postmenopausale Frauen und Teenager besorgniserregend sie (da die Knochengesundheit in Teenagerjahren aufgebaut wird), sagt DiNubile.

Deshalb ist es wichtig, sicherzustellen, dass das Zuhause so ausgestattet ist, dass es den Körper so gut wie möglich unterstützt, und dass der Arbeitsplatz über eine ergonomisch angemessene Ausstattung verfügt, wie einen Monitor, einen verstellbaren Bürostuhl, eine Tastatur, eine Computermaus und eine angemessene Rückenstütze.

Man sollte den Monitor auf Augenhöhe, die Tastatur auf Schoßhöhe und beide Knie in einem 90-Grad-Winkel einstellen, empfiehlt Fischer. Außerdem: Stehpausen, kurze Spaziergänge und Dehnungen in die tägliche Routine einbauen, um zukünftigen Schmerzen vorzubeugen.

Stühle ohne Polsterung und solide Rückenstütze bringen den Körper dazu, sich zu beugen und eine Art „C“-Kurve zu bilden, sagt Fischer, die auch Sprecherin von AAOS ist. Stattdessen sollte man lieber einen Esszimmerstuhl benutzen, wenn man keinen Bürostuhl hat (Man kann Lendenwirbelstützkissen kaufen, die zu jedem Stuhl passen). Das Bett sollte nur zum Schlafen genutzt werden, sagt sie. „Matratzen sind nicht dafür gemacht, auf ihnen zu sitzen und zu arbeiten.“

Das Gehirn

Unser Gehirn ist unglaublich anpassungsfähig und reagiert ständig auf seine Umgebung. Aber für einige können wechselnde Arbeitsplätze und neue soziale Situationen überraschende und unerwartete Auswirkungen auf das tägliche Leben haben.

John Redding, 46, aus Texas sagt, er schaffe es nicht einmal, sich für kurze Zeit zu Hause zu konzentrieren. Das ist „von einem kleinen Ärgernis zu einem großen Problem geworden“, sagt er. Denn selbst mithilfe von Medikamenten werde es nicht besser. „Früher war ich ein großer Leser, aber seit Beginn der Pandemie habe ich kein ganzes Buch gelesen.“

Sam Ling, Professor für Psychologie und Gehirnwissenschaften an der Boston University, sagt gegenüber BuzzFeed News, dass manche Menschen zu Hause möglicherweise weniger produktiv seien, weil es dort mehr Ablenkungen gebe. Allerdings ist das nicht bei allen so.

Sereena Millward, 28, sagt uns, dass es ihr schwerfalle, sich zu konzentrieren, jetzt, da sie wieder in einem Büro arbeite. „Die Geräusche von Leuten, die an ihrem Schreibtisch reden und essen, gehen mir auf die Nerven, aber ich kann mich auch nicht konzentrieren, wenn es totenstill ist.“ (Dieses Gefühl wird Misophonie genannt.)

Das liegt daran, dass eine Verschiebung der Art und Weise, wie Menschen interagieren, von persönlich zu online – und dann wieder zurück – eine gewisse Anpassungszeit erfordern kann.

„Das Hirn ist schnell erschöpft, wenn es zwischenmenschliche Signale verarbeiten soll, obwohl so wenig Informationen verfügbar sind“, sagt Ling, etwa bei einem Videocall. In ähnlicher Weise kann es zu einer Reizüberflutung kommen, wenn wir zu persönlichen Interaktionen zurückkehren, die für manche überwältigend sein können.

Ling merkt an, dass es einige Zeit dauern könnte, unser Gehirn so zu trainieren, dass es sich wie früher sozialisiert. Das Gehirn ist ein Muskel. Die Teile, die wir nicht regelmäßig trainieren, werden ein wenig schwächer.

„Corona hat dieses Einsiedlerleben gefördert“, sagt er, obwohl er nicht glaubt, dass wir unser „ziemlich plastisches“ Gehirn dauerhaft neu verdrahtet haben. „In vielerlei Hinsicht ist dies eines der größten Experimente, die jemals am menschlichen Gehirn durchgeführt wurde.“

Das pandemische Privatleben war für manche Menschen aber auch ein Segen. Es hat Abby Adesanya, 29, geholfen, im April 2020 zum ersten Mal ein bestimmtes (und angenehmes) körperliches Gefühl zu erleben, als sie allein in ihrer New Yorker Wohnung Dua Lipas Future Nostalgia -Album hörte. „Ich habe das Album laut gehört, meine Hände in die Luft geworfen und mir gewünscht, ich könnte in den Clubs dazu tanzen. Dann erinnere ich mich, dass ich spürte, wie meine Schultern zu vibrieren begannen und dies sich über meine Arme ausbreitete.“

Adesanya erlebte einen Frisson: auch bekannt als ästhetischer Schüttelfrost oder musikalische Gänsehaut, die oft nach dem Hören von Musik zu spüren ist. Ungefähr zwischen 55 und 86 Prozent der Menschen erleben diesen Frisson, aber Adesanya hatte so etwas noch nie zuvor gespürt.

„Ich kann nicht glauben, dass mein Körper diese Fähigkeit plötzlich ‚freigeschaltet hat. Ich weiß nicht, ob er versucht hat, die Lücke für die fehlenden Reize zu füllen. Aber die Tatsache, dass es passiert ist, ist so cool, obwohl es ein Nebeneffekt einer wirklich dunklen Zeit war.“

Ling sagt, er sei nicht überrascht von Adesanyas Erlebnis. Wenn sie von einer hyperstimulierten Umgebung wie dem Leben in New York City in eine ruhige Wohnung wechselt, ist es möglich, dass die Reduzierung der Reize dazu beigetragen hat, ihren Geist zu entlasten. Das ist es, was Meditation für viele Menschen bewirkt, sagt er.

Die Zähne

Ein weiteres Körperteil, das während der Pandemie gelitten haben könnte, sind die Zähne.

Die Kosten halten manche Menschen davon ab, regelmäßig zum Zahnarzt zu gehen. Die Pandemie hat ein weiteres Hindernis für Routineuntersuchungen geschaffen. Kelly Holst, Assistenzprofessorin an der Kornberg School of Dentistry der Temple University in Pennsylvania, sagt gegenüber BuzzFeed News, dass dies die Zahnprobleme vieler Menschen verschlimmert habe.

„Es gibt nur einiges, was man zu Hause tun kann. Man kann Plaque, Speisereste und Bakterien, die sich auf den Zähnen verhärten und verkalken, nicht ohne die Hilfe eines Zahnarztes entfernen“, sagt Holst. Sie hat bemerkt, dass sich die Zähne vieler Patient:innen jetzt „in einem schlechteren Zustand befinden.“ Pandemiebedingter Stress und verpasste Termine hätten bei einigen Menschen auch zu Kieferschmerzen im Zusammenhang mit Zähneknirschen geführt.

Zusätzliche Zeit zu Hause bedeutet auch häufigeres oft unnötiges Naschen, was „notorisch schlecht für die Mundgesundheit“ ist und den Weg für die Bildung von Karies ebne, sagt Holst. „Im Büro ist man mit der Nahrungsaufnahme eher reglementiert. Zu Hause hingegen hat man mehr Freiheit.“

Bestimmte säurehaltige Lebensmittel und Getränke (wie Zitrusfrüchte, Erdbeeren, Zitronenwasser, Sportgetränke, zuckerhaltige Getränke und Alkohol) könnten zur Demineralisierung des Zahnschmelzes beitragen, sagt Holst.

Und wenn man nicht mit den Snacks aufhören möchte? Holst schlägt vor, diese dann sofort zu essen oder zu trinken und nicht den ganzen Tag über daran zu knabbern oder zu nippen. Auf diese Weise gibt man dem Mund Zeit, sich besser zu schützen. Andernfalls sollte man jeden Tag fluoridhaltige Zahnpasta und Zahnseide verwenden, und die routinemäßigen Zahnreinigungen beim Zahnarzt durchführen lassen. Außerdem empfiehlt Holst eine elektrische Zahnbürste.

Die Körpermaße

Wir haben mit mehreren Menschen gesprochen, deren Körpermaße sich während der Pandemie verändert haben. Manche haben abgenommen, andere zugenommen.

Patrícia Romano, 26, hatte früher Mühe, an Gewicht zuzunehmen (sie macht ihre Genetik und Stress dafür verantwortlich). Als ihr Job im Jahr 2020 auf Home-Office umgestellt wurde, hörte sie auf, zu Fuß ins Büro zu gehen, und nahm fünf Kilogramm zu. Anstatt das Mittag- und Abendessen regelmäßig ausfallen zu lassen, fing sie an, mehr hausgemachte Mahlzeiten zu essen. Sie waren gesünder als die Speisen zum Mitnehmen, an die sie gewöhnt war.

Die Gewichtszunahme war hart für die Anwältin aus Brasilien. Sie war besessen davon, ihren Körper im Spiegel zu betrachten und Fehler an sich zu bemerken, die viele andere wahrscheinlich nicht wahrnehmen würden. Es wurde so schlimm, dass sie anfing, regelmäßig Schwangerschaftstests zu machen, weil ihr Bauch ihr so „riesig“ vorkam.

„Jetzt, da einige Zeit vergangen ist, stört es mich nicht mehr so ​​sehr“, erzählt Patrícia. „Ich habe es aufgegeben, Gewicht zu verlieren, und mich mehr darauf konzentriert, diesen neuen Körper anzunehmen, der die schwere Zeit einer weltweiten Stresssituation überstanden hat.“

Heidi (die sich nicht wohl dabei fühlt, ihren Nachnamen zu nennen) hat uns erzählt, dass sie es so satt gehabt habe, zu Hause für sich selbst zu kochen, dass sie „am Ende weniger aß und eine Menge Gewicht verlor, was eine seltsame Müdigkeit auslöste, die durch Pandemie-Burnout und Homeoffice/Isolation noch verschlimmert wurde.“

Generell sollte man während der Pandemie kein schlechtes Gewissen wegen Gewichtsveränderungen haben. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren viel durchgemacht.

Der Magen-Darm-Trakt

Ein Teil des Körpers reagiert möglicherweise besonders empfindlich auf all die Veränderungen im Zusammenhang mit der Ernährung, der psychischen Gesundheit und der mangelnden körperlichen Aktivität während der Pandemie: der Magen-Darm-Trakt.

Sarah McGill, Professorin für Medizin mit Spezialisierung auf Gastroenterologie und Hepatologie an der University of North Carolina in Chapel Hill, sagt gegenüber BuzzFeed News, dass viele Patient:innen berichten, dass Stress und Einsamkeit während der Pandemie zu Bauchschmerzen, Durchfall und Übelkeit geführt haben.

„Der Magen-Darm-Trakt hat noch mehr Nerven als das Gehirn, daher kann die Art und Weise, wie wir uns fühlen, Magen-Darm-Beschwerden verursachen“, sagt McGill.

Darüber hinaus trinken die Menschen während der Pandemie mehr Alkohol, was kein positiver Trend ist. Denn Alkohol ist toxisch für den Magen-Darm-Trakt. Dies kann dazu führen, dass sich Fett in der Leber ansammelt und zu Leberschäden beiträgt, warnt McGill.

Bei einer Umfrage im Mai 2020 wurden 832 Erwachsenen über 21 Jahren zu ihrem Alkoholkonsum befragt.  60 Prozent gaben an, deutlich mehr zu trinken als vor der Pandemie. 34 Prozent berichteten sogar über Alkoholexzesse. Stress, der leichte Zugang zu Alkohol und Langeweile waren die häufigsten Auslöser für vermehrtes Trinken.

Für Beth Boardman, 61, Schriftstellerin und pensionierte Krankenschwester in Kalifornien, führte der regelmäßige Nachmittagswein auf nüchternen Magen dazu, dass sie eine akute Gastritis und eine Entzündung der Magen- und Speiseröhrenschleimhaut entwickelte.

McGill sagt, man sollte Alkohol so weit wie möglich vermeiden und regelmäßig Sport treiben, was die Darmaktivität normalisiert und einem hilft, ein stabiles Gewicht und das Herz gesund zu halten.

Apropos Darmaktivität, eventuell ist es zu einer Veränderung dieser gekommen, weil man mehr Zeit zu Hause verbringt. Während einige Menschen aufgrund des vermehrten Sitzens möglicherweise häufiger Verstopfung haben, erleben andere womöglich eine Verbesserung weil sie zuhause leichter auf Körpersignale hören können und einen einfacheren Zugang zu einem Badezimmer haben.

Das Zurückhalten des Stuhlgangs – zum Beispiel, weil man pendelt oder in einem geschäftigen Büro arbeitet – kann Verstopfung wahrscheinlicher machen, sagt McGill. Man kann also mit Sicherheit sagen, dass mehr Zeit zu Hause den Gang zur Toilette möglicherweise auch etwas einfacher gemacht hat.

In jedem Fall ist eine ausgewogene Ernährung aus Obst, Gemüse und ballaststoffreichen Vollkornprodukten wichtig, damit die Dinge reibungslos funktionieren, egal ob man Zeit zu Hause oder mehr Zeit außer Haus verbringt.

„Ballaststoffe tragen direkt zur Darmgesundheit bei, indem sie die Billionen von Mikroorganismen ernähren, die wir dort haben, was uns wiederum bei unserer Stimmung, unserem Stoffwechsel und vielen anderen Aspekten der Gesundheit hilft“, sagt McGill.


Autorin ist Katie Camero. Der Artikel erschien am 09. Februar 2022 auf buzzfeednews.com. Aus dem Englischen übersetzt von Max Kienast.

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