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„Wir Russ:innen sind nicht böse“: Eine Russin spricht über den Ukraine-Krieg

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Von: Sophie Marie Unger

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Ein Protestierender wird vorm Kreml verhaftet und weggebracht und ein Plakat von Präsident Putin
Auch in Russland gibt es Protest, der harte Konsequenzen mit sich bringen kann, wie unsere Interviewpartnerin weiß. © APA Picturedesk

In den vergangenen Tagen hat der Unmut in westlichen Ländern gegenüber dem russischen Präsidenten extrem zugenommen. Auch die russische Bevölkerung im Allgemeinen erfährt immer wieder Anfeindungen, obwohl zahlreiche Russ:innen selbst darunter leiden. So auch eine russische Leserin.

Die gesamte Situation rund um den Ukraine-Krieg ist extrem vielschichtig und komplex. Doch auch in unseren Breiten wird nicht jede Perspektive wahrgenommen, obwohl es für diplomatische Lösung extrem wichtig wäre. Im Gegenteil: in den vergangenen Tagen haben Vorurteile gegenüber der russischen Bevölkerung zugenommen und sind teilweise in Rassismus übergegangen. Wir möchten daher einer jungen Russin eine Stimme geben und ihre Sichtweisen darlegen. Aufgrund der aktuellen Sicherheitslage bleibt sie anonym.

Du bist gebürtige Russin, lebst aber schon lange in Wien - wie hast du vom Ukraine-Krieg erfahren?

Da ich sowohl Russisch als auch Deutsch spreche, habe ich die Möglichkeit, sowohl die russischen als auch die österreichischen Nachrichten zu lesen und zu verfolgen. Das Thema „Ukraine und Russland“ ist ein Dauerthema im russischen Fernsehen, sodass man den ganzen Diskussionen und Talkshows nicht wirklich Beachtung schenkt, während es in Europa eigentlich eine Eilmeldung war. Es kommt also darauf an, aus welcher Perspektive man es betrachtet: In den russischen Medien waren die Anzeichen nicht so direkt, sondern haben sich erst „allmählich“ entwickelt.

Was ging dir als erstes durch den Kopf? Welche Gefühle waren vorherrschend?

Als ich das wahre Ausmaß der Situation erkannte, sank mein Herz einfach zu Boden, und ich dachte mir: Wozu? Man hat so viele gemischte Gefühle wie Angst, Wut und Verwirrung. Angst um all die Menschen, die in Gefahr sind, Wut darüber, dass dieser unnötige Krieg eskaliert ist und Verwirrung darüber, ob es zu weiteren unvorhersehbaren Aktionen kommen wird. Ich habe Angst davor, dass viele Opfer zu beklagen sind. Ich habe Angst davor, was die Zukunft bringen wird.

Wie geht es den Menschen in deiner Heimat - man sieht immer wieder Videos, weil Leute auf der Straße gegen den Krieg protestieren und anschließend festgenommen werden. Wie genau schätzt du die Lage ein?

Ich denke, ich kann mit Sicherheit sagen, dass niemand diesen Krieg will, denn er bringt beiden Ländern nur Schaden, vor allem aber der Zivilbevölkerung in vielerlei Hinsicht. Da es in Russland verboten ist, zu protestieren, versuchen die Menschen, es nicht zu tun, weil sie fürchten, ins Gefängnis zu kommen, eine hohe Geldstrafe zu bekommen oder körperlich verletzt zu werden. Auf der einen Seite kann man also die Menschen verstehen, warum sie so zögerlich sind. Ich glaube auch, dass die Menschen, die sich zu Wort melden, oft nicht gehört werden und trotzdem Entscheidungen getroffen werden, sodass sie denken, „warum sollte ich mir die Mühe machen?“. Leider haben die Menschen, die in Russland leben und nicht die Möglichkeit haben, sich über die internationalen Nachrichten zu informieren, nicht die Möglichkeit, andere Perspektiven zu sehen. Vor allem, wenn die Situation im Lande nicht einmal beim Namen genannt wird. Es handelt sich nicht um eine „Sonderoperation zur Entmilitarisierung der Ukraine“, sondern um einen ausgewachsenen Krieg und wir sollten es nicht klein reden!

Gibt es Unterschiede bei den Sichtweisen zwischen Jung und Alt?

Ja, es gibt im Allgemeinen ein Bildungs- und Generationenproblem: Die ältere Generation spricht meist nur Russisch, da in der UdSSR keine andere Sprache gelehrt wurde, was bedeutet, dass die Menschen sich nur auf die Informationen verlassen können, die ihnen auf Russisch zur Verfügung gestellt werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass Russland ein so großes Land ist, dass es sogar regional Unterschiede gibt, angefangen bei der Bildung bis hin zur Infrastruktur.

Was kannst du den Menschen in Russland gerade mitgeben?

Ich kann den Menschen in Russland nur raten, die Dinge wirklich zu hinterfragen: Wenn sie verschiedene Medien lesen, nach der Quelle fragen. Sie sollten sich vergewissern, dass es sich um eine seriöse Quelle handelt, und auch zwischen den Zeilen lesen. Ich denke, es wäre unfair, wenn ich, vor allem von meiner sicheren Position aus, allen Russ:innen raten würde, aufzustehen und zu protestieren, denn ich verstehe, dass viele diese Angst in sich tragen. Aber diejenigen, die es riskieren und aufstehen, sind sehr mutig! Das Mindeste, was wir tun können, ist, den Menschen, die alles verloren haben, durch Spenden und jede Art von Unterstützung zu helfen.

In der vergangenen Woche haben die Vorurteile gegen die russischen Bevölkerung an sich zugenommen. Wie stehst du dazu? Was kann man dagegen tun?

Es gibt überall gute und schlechte Menschen, aber man kann nicht sagen, dass alle Menschen in Russland böse sind. Wir müssen immer zwischen den normalen Zivilist:innen und der Politik unterscheiden. Es ergibt keinen Sinn, etwa gegen ein russisches Restaurant zu protestieren, denn der Restaurantbesitzer ist nicht für diesen Krieg verantwortlich. Und im Allgemeinen haben Russ:innen und Ukrainer:innen schon immer ein gutes Verhältnis zueinander gehabt. Viele Ukrainer:innen leben und arbeiten in Russland und umgekehrt, und deshalb ist diese ganze Situation so verblüffend. Manchmal denke ich, dass ich mich den Leuten immer erklären muss und versuche, die Klischees zu entkräften, dass nein, mein Präsident nicht meine Meinung ist. Oder nein, die Handlungen meiner Regierung sind nicht die Denkweise des Volks im Allgemeinen. Also nein, wir Russ:innen sind nicht böse.

Was tust du um mit der Situation fertig zu werden?

Ich versuche, mir beide Seiten anzuhören und zu sehen, wie die Informationen in den verschiedenen Ländern diskutiert werden, und dadurch kann ich mir eine eigene Meinung zur Situation bilden. Die ganze Situation ist natürlich sehr schwer für mich, da ich Freunde in der Ukraine und Familie in Russland habe. Aber was ich tun kann, ist, den Menschen, die jetzt in Not sind, zu helfen, wo ich kann. Ich bin mit Menschen konfrontiert worden, die die Informationen nur über das russische Fernsehen aufnehmen, und es ist manchmal erschreckend, die Diskrepanzen in den Informationen zu sehen. Die beste Lösung ist das Gespräch und die Diskussion über die Unterschiede. Es nützt mir nichts, die Menschen, die andere Informationen erhalten, verbal anzugreifen, denn diese Ansichten entstehen nicht plötzlich, sondern sie werden seit vielen Jahren auf diese Weise informiert und haben nicht die Möglichkeit, ihre Informationen anderswo zu erhalten. Aber ich denke, ein Gespräch ist immer eine gute Grundbasis.

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