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„Nach wie vor ein Tabuthema“: Der Aktionstag gegen Einsamkeit ist wichtig für uns alle

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Von: Christian Kisler

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Montage: eine einsame junge Frau sieht aus dem Fenster, ein einsamer alter Herr steht auf seinem Balkon
Einsamkeit ist besonders unter jungen Frauen und älteren Männern verbreitet. © Westend61/Imago/BuzzFeed Austria

Einsamkeit kann alle treffen, unabhängig von Alter und Geschlecht. Das hat nicht zuletzt die COVID-19-Pandemie gezeigt. Der Österreichische Aktionstag gegen Einsamkeit will darauf aufmerksam machen und Lösungen anbieten.

Einige meiner Lieblingssongs haben das Thema Einsamkeit zum Inhalt. Einer davon, wahrscheinlich der bekannteste, ist „The Sun Ain‘t Gonna Shine (Anymore)“ von den Walker Brothers aus dem Jahr 1966. Er beginnt mit den Worten: „Loneliness is a cloak you wear / A deep shade auf blue is always there.“ Frei übersetzt: „Einsamkeit ist ein Umhang, den du trägst / Ein dunkelblauer Schatten ist stets da.“ Bumm. Für einen unfassbar erfolgreichen Popsong aus den 1960er Jahren harter Stoff. Unterstrichen wird die Trostlosigkeit von Scott Walkers dramatischer Baritonstimme - ein Meisterwerk in nicht einmal dreieinhalb Minuten.

Das Thema ist durchaus ernst, auch wenn es in dem Song eher um frisch getrennte Menschen geht. Einsamkeit hat viele Gesichter, das hat uns auch der Ausbruch der COVID-19-Pandemie deutlich vor Augen geführt. „Einsamkeit ist ein Thema, das oft mit älteren Menschen verbunden wird“, erklärt Katrin Weber, Projektleiterin der neuen Plattform gegen Einsamkeit von der Social City Wien. „Spätestens in den vergangenen zwei Jahren Pandemie zeigte sich aber, dass Einsamkeit in jeder Altersgruppe vorzufinden ist.“

Tatsächlich sind Personen im Alter von 20 Jahren oder jünger mehr als dreimal so oft von sogenannten „starken Einsamkeitsgefühlen“ betroffen wie über 30-Jährige, laut einer Studie des Austrian Corona Panel Project der Universität Wien. Auch Menschen zwischen 20 und 30 wiesen ein höheres Einsamkeitsempfinden auf als ältere Befragte. Verstärkt ausgewirkt hat sich die COVID-19-Pandemie außerdem besonders auf Frauen, Arbeitslose und Alleinlebende. Johann Bacher und Martina Beham-Rabanser von der Universität Wien schreiben dazu: „Jüngere Alleinlebende fühlen sich einsamer als ältere, wobei innerhalb der Altersgruppe bemerkenswerte Unterschiede bestehen. Bei den Jüngeren fühlen sich insbesondere Frauen einsamer; bei den Älteren sind es die Männer.“

Einsamkeit ist nach wie vor mit Scham verbunden

Nicht zuletzt deshalb hat die Social City Wien für den 30. März den Österreichischen Aktionstag gegen Einsamkeit ausgerufen, bei dem auch die erwähnte Plattform gegen Einsamkeit präsentiert wird. Wozu das alles? „Einsamkeit ist nach wie vor ein tabuisiertes Thema, weil es mit Scham und Stigmatisierung verbunden ist“, so Katrin Weber. „Einsamkeit kann jede und jeden treffen und darum möchten wir das Thema mutig und offen ansprechen. Der Aktionstag soll einerseits auf die gesellschaftliche Relevanz des Themas aufmerksam machen, weil es nicht als ein rein individuelles Problem zu verstehen ist, wenn sich Menschen einsam fühlen.

Denn viele leiden unter Einsamkeit, weil sie nicht ausreichend an unserem gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Erfreulicherweise gibt es andererseits viele engagierte Menschen, die Lösungen entwickeln und umsetzen, um auf isolierte Menschen zuzugehen und ihnen beim Schritt aus der Einsamkeit zu helfen. Auch darauf soll der Aktionstag aufmerksam machen, damit es betroffenen Menschen in Zukunft leichter fällt, für sie passende Wege aus der Einsamkeit zu finden.“

Schon seit März 2020 gibt es die Kampagne #LauteStimmenGegenEinsamkeit seitens der Social City Wien, mit der Plattform gegen Einsamkeit will man die Idee auf ganz Österreich ausweiten. Am 30. März soll das neue Programm vorgestellt werden. Das Datum ist nicht zufällig gewählt, so Katrin Weber: „Die Aufbruchstimmung zu Beginn der wärmeren Jahreszeit passt gut zum Aktivwerden gegen Einsamkeit, da viele Menschen nach dem Winter wieder vermehrt raus und aufeinander zugehen.“

Oft wird Einsamkeit mit Alleinsein verwechselt oder gar gleich gesetzt. Dabei ist das eine nicht weniger als eine soziale Isolation, das andere ein freiwillig gewählter Zustand. Zeit mit sich allein zu verbringen ist ja an und für sich nichts Schlechtes, manche Leute mögen das länger, andere gar nicht. Einsamkeit bleibt aber Einsamkeit und muss auch als solche ernst und wahrgenommen werden.

Alleine gegen die Einsamkeit anzukämpfen ist schwer

Alleine gegen die Einsamkeit anzukämpfen ist schwer, ohne Unterstützung von außen kann das zu einem Ding der Unmöglichkeit werden. Auch ein Rezept zur Vorbeugung gibt es kaum - es kann wie gesagt alle treffen, Gründe gibt es viele, sei es Krankheit, eine Trennung, Jobverlust - oder der Ausbruch einer Pandemie.

„Einerseits kann jeder und jede im Kleinen etwas gegen Einsamkeit tun, indem wir aktiv auf andere Menschen zugehen, uns Zeit nehmen für ein Gespräch und dem Bedürfnis nach Austausch oder dem Fehlen von zwischenmenschlichen Kontakten bei unserem Gegenüber Aufmerksamkeit schenken“, erklärt Katrin Weber. „Andererseits können wir als Gesellschaft mit dieser Herausforderung nur angemessen umgehen, wenn wir die Verantwortung für das Leiden an Einsamkeit nicht auf Betroffene abschieben, sondern sensibel über das Thema sprechen.“

Also: Mehr Möglichkeiten für niederschwellige und unverbindliche Kontakte schaffen, auf dass wir unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mehr in unser Zusammenleben einbeziehen und es ihnen ermöglichen, an dem teilzunehmen, was wir „Gesellschaft“ nennen. Einfach nur zu sagen: „Geh halt raus, wirst schon jemanden treffen“ ist zu wenig. Je länger wir einsam sind, des weniger gelingt uns der Ausbruch daraus. Und auch unser Umfeld neigt dazu, das zu übersehen. Nicht zuletzt deshalb sind Aktionstage und Plattformen wie die der Social City Wien so wichtig. Denn: Gemeinsam sind wir weniger allein.

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