Eishockey-Experte Sascha Tomanek erklärt im Interview den historischen WM-Erfolg Österreichs

Benjamin Nissner vor seinen Teamkollegen.
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Österreich spielt derzeit bei der Eishockey-WM so gut wie schon seit Jahren nicht mehr.
  • Johannes Pressler
    VonJohannes Pressler
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Österreich sorgt bei der Eishockey-WM gerade für eine Sensation nach der anderen. Sascha Tomanek, Ex-Profi und TV-Experte, erklärt den Erfolg des heimischen Nationalteams.

Es ist ein kleines Wunder, das wir hier in Finnland bei der Eishockey-Weltmeisterschaft gerade erleben. Die Rede ist vom österreichischen Herren-Nationalteam, das derzeit so gut performt wie schon lange nicht mehr. Sogar die starke Tschechische Republik konnte erstmals in der Verbandsgeschichte besiegt werden. Grund genug für uns, bei einem wahren Experten nachzufragen. Sascha Tomanek spielte sechs Jahre lang in der höchsten österreichischen Eishockeyliga. Nach rund einem Jahrzehnt als TV-Experte bei ServusTV ist der gebürtige Wiener neben seinem Job bei der Arbeiterkammer Wien Vorsitzender der ersten heimischen Gewerkschaft für Eishockeyspieler:innen.

Eishockey-Experte Sascha Tomanek (links) gemeinsam mit dem österreichischen Teamchef Roger Bader.

Eishockey-Experte Sascha Tomanek im Interview mit BuzzFeed Austria

Herr Tomanek, seit Jahren pendelt das österreichische Herren-Nationalteam zwischen der höchsten und zweithöchsten Weltmeisterschaft. Nun bei der A-WM ein Punktegewinn gegen Eishockey-Großmacht USA, am Dienstag (17. Mai) sogar der erste Sieg überhaupt gegen den sechsfachen Weltmeister, die Tschechische Republik. Was ist da bitte los?
Wenn man sich die letzten 15 Jahre ansieht, in denen sich diese Fahrstuhlfahrt zwischen A- und B-WM festgesetzt hat, ist es so, dass viele Abstiege wirklich oft sehr unglücklich ausgefallen sind. Einmal hätte es etwa Deutschland erwischt. Die durften aber nicht absteigen, weil sie im nächsten Jahr WM-Veranstalter waren. In der A-WM gibt es diese acht bis zehn Topnationen, zu denen gehören wir grundsätzlich nicht. Danach wird es aber verdammt eng, und da entscheidet oft ganz wenig - mit sehr, sehr großer Auswirkung. Österreich wäre heuer ja eigentlich gar nicht dabei gewesen, hätte es nicht aufgrund des Ukraine-Kriegs den Ausschluss von Russland und Belarus gegeben. Teamchef Roger Bader hat es geschafft, aus diesen Spielern eine einheitliche Mannschaft zu formen. Tschechien hat viele internationale Stars in ihren Reihen, das war den Österreichern aber einfach wurscht. Die machen das über ihre Mannschaftsleistung. Das finde ich extrem toll zum Ansehen.
Ein Kumpel von mir verglich die Sensation gegen Tschechien sogar mit einem WM-Sieg der österreichischen Fußballnationalmannschaft gegen Brasilien. Wie kann man aus Ihrer Sicht diesen Erfolg des österreichischen Eishockey-Teams einordnen?
Ich kann nicht genau sagen, wie gut Brasilien im Fußball gerade ist, aber das kann man so schon vergleichen. Die Tschechen haben zwar selbst gerade einen kleinen Durchhänger, aber nach 19 WM-Spielen ist es jetzt Österreich erstmals gelungen, die Tschechische Republik zu besiegen. Im Vergleich zur Fußball-WM bringt ein Sieg alleine bei der Eishockey-WM aber so gut wie gar nichts. Wenn die weiteren Spiele gegen die direkten Konkurrenten jetzt verloren werden, droht immer noch der Abstieg zurück in die B-Klasse.
Von einer Sensation zu sprechen, ist in diesem Fall aber schon berechtigt?
Aus Sicht von Teamchef Bader wohl nicht, denn die Ergebnisse davor gegen Schweden und die USA waren ebenfalls schon toll - mit ein bisschen Abstand werden wir aber in ein paar Jahren wohl sagen, das war eine Sensation.
Seit mehr als 20 Jahren spielen fortlaufend ein paar Österreicher in der besten Eishockeyliga der Welt, der National Hockey League (NHL). Zudem gibt es in Österreich mit der ICE Hockey League eine heimische Liga mit internationaler Beteiligung aus Italien, Slowenien, der Slowakei und Ungarn. Wie gut ist der Eishockey-Sport in Österreich aufgestellt?
Die sportliche Leistung ist schon gut, die in der Liga hier geboten wird. Dass die heimischen Spieler jetzt auch auf internationalem Weltniveau mithalten können, das spricht schon dafür, dass die Klasse in der österreichischen Liga nicht so schlecht ist, wie oft gesagt wird. Wichtig ist nur, dass auch das Rundherum so professionell wie möglich sein sollte. Da sehen wir als UNION für Eishockeyspieler:innen schon noch einiges an Verbesserungsbedarf.
Im Oktober 2020 gründeten Sie gemeinsam mit den Ex-Profis Patrick Harand und Philipp Lukas diese Gewerkschaft eigens für Eishockeyspieler:innen. Bei manchen Vereinen bestehe aus arbeitsrechtlicher Sicht nämlich enormer Nachholbedarf, hat es damals geheißen. Was konnten Sie seitdem bewirken und welche Baustellen gibt es weiterhin?
Bei manchen Spielern wurde zu Saisonende das Entgelt nicht in voller Höhe ausgezahlt, dort haben wir eingegriffen. Im ersten Corona-Jahr wurde gestritten, wer nach welchem Regulativ trainieren muss und wer nicht mehr. Hier waren wir mit einzelnen Managern in Kontakt. Eine unserer Hauptaufgaben ist die Beratung der Spieler:innen, das geht hin bis zu sozialversicherungsrechtlichen Fragen. Da stehen wir mit Rat und Tat zur Seite. Wir sind hier im Hintergrund sehr oft in einer Vermittlungsrolle aktiv und wollen von der Liga und den Vereinen als Verhandlungspartner ernst genommen werden. Unser Ziel ist nicht, mit irgendwem zu streiten. Unser Ziel ist, die Interessen der Spieler:innen zu vertreten. Und wenn hier irgendjemand irgendetwas wegnehmen will, dann muss man am Ende des Tages tatsächlich manchmal streiten. 95 Prozent konnten wir bisher aber gut lösen.

Update vom 19. Mai, 7.39 Uhr: Nach den sensationellen Leistungen gegen die USA und die Tschechische Republik setzte es für Österreich am Mittwochnachmittag (18. Mai) gegen Norwegen eine ersten Dämpfer. Mit 3:5 musste man sich dem leicht favorisierten Gegner aus Skandinavien geschlagen geben. Noch ist aber nichts verloren, das nächste Match findet am Freitagabend (20. Mai) gegen Lettland statt.

Ebenfalls für viel Begeisterung sorgten die österreichischen Athlet:innen bei den diesjährigen Olympischen Winterspielen in China. BuzzFeed Austria war beim Medaillenempfang in der Wiener Hofburg live vor Ort.

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