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Wie die Gaspreis-Erhöhung um 600 Prozent meine WG echt kaltlässt

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Von: Felicitas Breschendorf

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Gasrechnung. Mädchen in Decke vor Laptop. Weniger heizen wegen Gaspreiserhöhung? Geht nur dick eingekuschelt in Decken.
Weniger heizen wegen Gaspreiserhöhung? Geht nur dick eingekuschelt in Decken. © Felicitas Breschendorf/ privat

Der Preis für das Gas, mit dem wir in meiner WG heizen, ist um 600 Prozent gestiegen. Das teilte uns der Gasversorger mit. Wie sollen wir den Winter überleben?

Vor einem Monat kam das Schreiben unseres Gaslieferanten: Unser Gaspreis soll von 5 Cent auf 30 Cent pro kWh erhöht werden – also um fast 600 Prozent. Die Energiekrise hat meine WG erreicht, und zwar nicht zu knapp. Statt 117 Euro zahlen wir ab Oktober 864 Euro im Monat. Meine Mitbewohnerinnen und ich sind geschockt. Wie kommen wir durch den Winter? Können wir uns eine warme Wohnung noch leisten? Wir überlegen uns die verrücktesten Ideen, um so wenig wie möglich zu heizen – und fangen direkt mit dem Sparen an.

Meine drei Mitbewohnerinnen und ich leben in einer 150 qm-großen Wohnung in Prenzlauer Berg in Berlin. Wir haben das Glück, dass unser Mietpreis im Vergleich zu den aktuellen Berliner Mietpreisen relativ gering ist. Zurzeit zahle ich für mein 24 qm großes Zimmer 450 Euro Miete. Ab Oktober werde ich mit der Gaspreiserhöhung eine Miete von 650 Euro zahlen. Für mich als Volontärin ist das eine Menge Geld. Der Tarif für auszubildende Journalist:innen liegt im ersten Ausbildungsjahr bei etwas mehr als 2000 Euro brutto im Monat.

Die Energiepauschale hilft gerade einmal einen Monat

Für den Oktober hilft uns die Energiepauschale von 300 Euro. Ich als Volontärin bekomme das Geld mit meinem nächsten Gehalt. Meine drei Mitbewohnerinnen studieren noch. Seit das dritte Entlastungspaket beschlossen wurde, ist klar, dass auch sie davon profitieren. Über den langen Winter wird uns die einmalige Zahlung aber kaum helfen. Auch Wohngeld kann ich erst im Januar beantragen, wenn die Heizkostenkomponente eingeführt wird.

Müssen wir jetzt kalt duschen?

Kurz nach dem Schreiben teilte meine Mitbewohnerin einen Instagram-Post in unserer WG-Nachrichtengruppe: Eine Statistik, die zeigt, wie man durch weniger Duschen Energie sparen kann. Der Chef der Bundesnetzagentur findet täglich Duschen unnötig. Auch kalt duschen wäre eine Option. Aber kalt duschen im Winter? Klingt nach einer ekligen Angelegenheit. Ausgiebig duschen gehört zu den Dingen, auf die Menschen trotz Sparmaßnahmen nicht verzichten wollen.

Bald wurde uns außerdem klar, dass Duschen den geringsten Anteil an den Gaskosten ausmacht. Viel ausschlaggebender ist das Heizen. Wir haben das Glück, in einer Wohnung mit zwei Bädern zu wohnen. Also beschließen wir, den Winter über nur das kleinere von beiden zu heizen. Das Problem: Wenn alle drei meiner Mitbewohnerinnen vor mir duschen wollen, muss ich ganz schön lange warten. Morgens muss ich dann wohl etwas früher aufstehen, um zur Arbeit zu kommen.

Maßnahme aufgrund der explodierenden Gaspreise: Es ist arschkalt, aber wir heizen nicht vor Oktober

Schon jetzt im September ist es bei uns kalt in der Wohnung. Wir wohnen in einem Altbau mit hohen Decken. Die Wohnung liegt im Erdgeschoss, unter uns befindet sich direkt der Keller. Der Boden ist eiskalt. Während ich diesen Artikel schreibe, sitze ich mit warmen Wollsocken am Schreibtisch. Ich trage ein Unterhemd, eine enges langärmliges Oberteil mit Rollkragen und darüber einen warmen Pullover. Dabei hat es draußen immer noch sonnige 16 Grad – und keine Minus 5. Wie ich mich in Sachen Outfit und Wärme über den Winter hin noch steigern soll, ist mir unklar.

Trotz der Kälte haben wir beschlossen, das Heizen so lange wie möglich herauszuzögern. Auf keinen Fall wollen wir vor Oktober damit anfangen.

Gas-Verschwendung: Unsere Fenster sind undicht, unser Boiler uralt

Auch wenn der Winter richtig losgeht, wollen wir so wenig wie möglich heizen. Einfach ist das nicht. Kürzlich war der Reparaturdienst in unserer Wohnung. Nicht um unsere Fenster zu reparieren, sondern einfach um sie zu schließen. Sie sind so alt und rostig, dass sie schwer zugehen. Kalte Luft kommt trotzdem durch. Meine Mitbewohnerin will jetzt ihr Bett an die andere Seite des Zimmers zu stellen – weg von den Fenstern. Damit nachts nicht immer ein kalter Luftzug über ihr Gesicht weht.

Unsere undichten Fenster sind ein Grund, warum wir deutlich mehr heizen müssen. Der Reparaturdienst hat uns empfohlen, neue Fenster bei der Hausverwaltung zu beantragen. Bis diese ersetzt werden, kann es dauern. Wir überlegen deshalb, Mietminderung zu beantragen. Parallel ist auch unser Boiler nicht mehr der Jüngste, was den Gasverbrauch nochmal erhöht. Bevor er kürzlich repariert wurde, ist dort manchmal Gas in die Küche ausgetreten. (Das ist lebensgefährlich.) Wir haben schon wiederholt, von der Hausverwaltung aufgefordert, ihn zu ersetzten – nichts ist passiert.

Ins Wohnzimmer ziehen und andere absurde Energiespar-Ideen

Unser neues WG-Hobby ist es, uns Energiespar-Hacks auszudenken, damit wir nicht pleite gehen. Eine Idee ist zum Beispiel, dass wir alle gemeinsam in unser Wohnzimmer ziehen. Wir müssen dann nur ein Zimmer heizen und sparen eine Menge Kosten. Kuschelig wäre es bestimmt. Tun werden wir es voraussichtlich nicht. Privatsphäre ist uns doch zu wichtig. Ähnlich absurde Energiespartipps haben auch schon Politiker:innen gegeben. Robert Habeck hat laut der Frankfurter Allgemeinen etwa vorgeschlagen, abends die Gardinen zuzuziehen. Vielleicht versuchen wir das.

Mit dem Sparen habe ich schon begonnen. In den Urlaub bin ich dieses Jahr vorsorglich nicht gegangen. Sondern zu meinen Eltern – da gebe ich weniger aus. In dem Dorf, aus dem ich komme, gibt es nicht viel zu tun. Ob ich bei der Arbeit in der Mittagspause zum Bäcker gehe, überlege ich mir jetzt zweimal. Ich habe einen Vorrat an Nudeln und Pesto gekauft und versuche, weniger essen zu gehen. Hier findest du weitere Tipps, um in der Energiekrise zu sparen.

In der Energiekrise: Warmes Büro statt kaltes Homeoffice

Im Büro arbeiten hat ein paar Nachteile. Man kann nicht seine Lieblingsjogginghose tragen. Aber: Im Sommer gibt es Klimaanlage. Und im Winter eine Heizung. Sobald es kalt wird, werde ich so viel es geht ins Büro gehen. Vielleicht komme ich sogar früher oder bleibe länger, um es noch ein bisschen warm zu haben. Wenn ich während der Arbeitszeit meine Heizung zu Hause runterdrehe, wird es ja erstmal kalt sein, wenn ich zurückkomme. „Ganz ohne heizen wird es aber nicht gehen“, hat meine Mitbewohnerin nüchtern festgestellt. Als WG müssen wir uns das eingestehen.

Gasumlage und Strompreiserhöhung: Das war‘s noch nicht mit den Kosten

Vergangene Woche erhielten wir den nächsten Brief. Durch die Gasumlage wird unser Gaspreis nochmal erhöht. Statt die sowieso schon krassen 860 Euro würden wir ab November 950 Euro zahlen. Nach neuen Diskussionen in der Politik, ist es noch nicht klar, ob wir die Gasumlage tatsächlich zahlen müssen. Auch unser Strompreis könnte noch erhöht werden. Bisher war die Anpassung hier nur gering. Nachdem wir durch den Gaspreis-Stress abgehärtet sind, ist eines aber sicher: Schlechte Nachrichten werden uns kaltlassen.

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