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Trotz Lockdown konntest du in Österreich weiterhin ins Fitnesscenter gehen und da steckt eine ziemliche Doppelmoral dahinter

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Von: Helena Dimmel

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Ein Schild, auf dem „Covid 19 Geschlossen“ steht und eine asiatische Frau, die im Fitness Center trainiert
Trotz Lockdown können manche Leute pumpen gehen. © Bihlmayerfotografie/BIANCA DE MARCHI/Imago/Buzz Feed Austria

Trotz geschlossener Fitnesscenter konnte man in Österreich im Lockdown an ein professionelles Einzeltraining oder Gerätetraining kommen, und zwar mit ärztlicher Überweisung. Hinter dem kuriosen Lifehack verbirgt sich allerdings ein größeres Problem.

Dass alle Fitnesscenter im Lockdown geschlossen hatten, so wie zumeist in den Medien berichtet wurde, ist nicht ganz richtig. Hat man nämlich ein körperliches Leiden oder einer Verletzung, kann man sich in Österreich vom Arzt Physiotherapie verschreiben lassen, oder aber direkt bei einem medizinischen Trainingszentrum einschreiben.

Kann schon mal passieren, dass man dann in einem Raum voller Fitnessgeräte steht, der dem normalen Gym verdächtig ähnlich sieht. Aus einem „Personal Training” wird rechtlich gesehen plötzlich eine „Behandlung”, selbst wenn man die gleichen Kniebeugen und Deadlifts macht, wie im normalen Fitnesscenter.

Trainieren im Lockdown: Im Namen der medizinischen Notwendigkeit

Matthias* (*Name von der Redaktion geändert) betreibt ein physikalisches Zentrum in Niederösterreich. Neben Physiotherapie werden auch Personal Trainings (mitunter mit Fitnessgeräten) und Massagen angeboten. Er wurde im ersten Lockdown von den Behörden informiert, dass sein Trainingszentrum zu den „Gesundheitsbetrieben” zählt und deshalb geöffnet bleiben darf. Als Gesundheitsbetriebe gelten in Österreich all jene, die „medizinisch notwendige“ Leistungen anbieten - Im Einzelfall können auch körperliches Training und Sport darunter fallen.

An dem Grundkonzept der medizinischen Notwendigkeit hat Matthias einiges auszusetzen: „Die klare Grenze, die da bürokratisch gezogen wird, gibt es in dieser Form nicht. In Österreich erfolgt die Einteilung nach Gesundheit und Krankheit völlig willkürlich“. Außerdem definiere die WHO (Weltgesundheitsorganisation) „Gesundheit” nicht nur als die bloße Abwesenheit von Krankheit: Auch das psychische Wohlergehen müsse man in Betracht ziehen. „Manche haben kein nachweisliches körperliches Leiden, aber sie brauchen das Gym für ihre geistige Gesundheit.

Wenn jemand vier bis fünf Mal die Woche trainieren geht und diese Struktur wegfällt, ist das psychisch sehr belastend.” Für Matthias’ Zentrum habe der Lockdown keine Auswirkungen auf das Patientenpensum gehabt: „Ich hatte immer noch ungefähr gleich viele Patienten und Patientinnen. Sie sind halt alle mit ärztlichem Attest zu mir gekommen.” 

Undurchsichtige Regelungen

Fitnesscenter gehören laut Gesetz zu den “Freizeit- und Sportbetrieben”, die im Falle eines Lockdowns schließen müssen - selbst wenn sie das Gleiche anbieten, wie ein Gesundheitsbetrieb. Das Ummelden zum Gesundheitsbetrieb bei der Wiener Wirtschaftskammer sei zwar unter Umständen möglich, aber für größere Studios nicht rentabel, erzählt Peter*, dem ein Gym in Wien gehört: „Natürlich hätten wir auch professionelle Einzeltrainings anbieten können, aber das ist an der Umsetzung gescheitert”. Wenn man nur einzelne Leute mit Time Slots zu je 30 Minuten einlassen könne, sei es finanziell gesehen immer besser, den Lockdown abzuwarten und Branchen-Förderungen zu beziehen.

Was ihm viel mehr den Kopf zerbreche sei das ewige Hin und Her bei den Corona-Maßnahmen: „Wir erfahren immer erst aus den Medien, ob wir nach einem Lockdown wieder aufsperren dürfen und was diesmal die neuen Regelungen sind. Das ist jetzt noch immer die 2G-Kontrolle. Durch einen Hinweis unseres Rechtsanwaltes sind wir aber draufgekommen, dass wir als Gymbetreiber:innen rechtlich gesehen gar nicht danach fragen dürften, ob jemand einen 2G-Ausweis erbringen kann, weil es sich ja um ein medizinisches Dokument handelt. Bei der Stadt Wien konnte man uns dazu nicht wirklich was sagen.” Nach dem ewigen Auf- und Zusperren ist für Peter jedenfalls eines klar: Sport hat in der Pandemie für die Politik keinen hohen Stellenwert.

Sport ist nicht nur eine Freizeitbeschäftigung

„Körperliches Leiden“ und „medizinische Notwendigkeit“ sind also die ausschlaggebenden Faktoren, ob jemand im Lockdown mit Geräten in einer Fitness-Einrichtung trainieren kann oder nicht. Körperliche Leiden hat man jedoch schnell einmal, und seien es nur Spannungskopfschmerzen oder Verdauungsprobleme. Schon vor Corona haben sich die Österreicher:innen zu wenig bewegt: Laut Statistik Austria waren rund 9 Prozent der Todesfälle in Österreich aus dem Jahre 2019 auf Bewegungsmangel zurückzuführen. Die Pandemie hat das Problem jedoch noch zusätzlich verstärkt. Ausgangssperren, Homeoffice ohne ergonomische Einrichtung oder auch das Wegfallen des Arbeitsweges führen bei vielen einmal mehr zu chronischem Bewegungsmangel, Schmerzen und Haltungsschäden.

Laut der österreichischen Bundes-Sportorganisation gibt es zahlreiche Studien, die belegen, dass Sport eine effiziente Krankheitsprävention ist. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes und Krebserkrankungen kann damit unter anderem vorgebeugt werden. Die WHO gibt außerdem in ihrer Bewegungsempfehlung für Erwachsene an, dass gesunde Menschen im Alter von 18-64 Jahren zumindest 150 Minuten wöchentlich mit mittlerer Intensität aktiv sein sollten. Zusätzlich wird empfohlen, dass an mindestens zwei Tagen der Woche „muskelkräftigende Bewegungsformen“ durchgeführt werden. Da liegt es nahe, die Frage zu stellen, ob man Sport wirklich nur als Freizeitbeschäftigung definieren kann.

Symptome behandeln oder lieber gleich daran arbeiten, dass es gar nicht so weit kommt?

Florian* kennt die Branche als Sportwissenschafter und medizinischer Trainingstherapeut. Derzeit arbeitet er als Personal Trainer. Auch in einem Trainingszentrum der ÖGK Wien war er schon beschäftigt. Das österreichische Gesundheitssystem sei ganz klar auf Symptombehandlung fokussiert, präventiv würde man nur wenige Behandlungen bewilligen, erzählt er. Dass im Lockdown die Gyms nicht öffnen können, Gesundheitsdienstleister aber schon, ist für ihn der Beweis: „Kassenleistungen wie Heilmassagen und Physiotherapie werden erst dann bewilligt, wenn man schon Schmerzen hat. Dabei könnte man vielen Krankheiten des Bewegungsapparates vorbeugen, wenn man die Menschen einfach trainieren lässt.”

Auch für Florian ist die medizinische Notwendigkeit ein unverständliches Konzept: „Sport ist für uns alle notwendig. Kranke Menschen belasten das Gesundheitssystem. Dafür müssen wiederum Gesunde die Kosten tragen.” Außerdem stärke Sport das Immunsystem, was doch gerade während der Coronapandemie wichtig sei. „Ich würde mir von der Politik wünschen, dass die Hygienekonzepte für Fitnesscenter ausgebaut werden, anstatt dass man bei jedem Lockdown komplett zusperren lässt. Die Menschen haben nach fast zwei Jahren Pandemie ohnehin schon genug Probleme, da muss man ihnen nicht auch noch das Sporteln wegnehmen.” 

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