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In aller Öffentlichkeit zu altern ist für Frauen schwierig - nicht nur in Hollywood

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Von: Christian Kisler

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Montage: Erni Mangold streckt die Zunge raus, Adele lacht
Die österreichische Schauspielerin und Regisseurin Erni Mangold lässt sich auch mit 95 nicht vom Jugendwahn unterkriegen, die britische Sängerin Adele mit 32 auch nicht. © Viennareport/ZUMA Wire/IMAGO/BuzzFeed Austria

Wenn ein einstiger Hollywood-Star sich zurückzieht und dann Jahre später ein Foto auftaucht, dann sorgt das für Aufregung. Für immer jung, für immer schön: Warum das in unserer Gesellschaft so wichtig ist, das haben wir eine Psychologin gefragt.

Einer meiner Lieblingsfilme ist der Streifen „Singles“, deutscher und ziemlich blöder Verleihtitel: „Singles - Genmeinsam einsam“. Erzählt wird in einer losen Abfolge verschiedener Handlungssträngen das Leben eines Haufens junger Menschen Mitte zwanzig, die unabhängig voneinander nicht mehr länger allein sein wollen und die große Liebe suchen. Daher der Name. Ort ist Seattle Anfang der 1990er, zur Hochblüte der Grunge-Ära. Vielleicht ist er kein cineastisches Meisterwerk, aber ich mag in aus persönlichen Gründen sehr und kann die Dialoge teils auswendig mitsprechen.

Bridget Fonda sorgt 13 Jahre nach ihrem Abtauchen für Schlagzeilen

Warum erzähl ich das hier? Weil die weibliche Hauptrolle eine gewisse Bridget Fonda gespielt hat. Womöglich sagt dir der Name nichts, aber in den 1990er Jahren war sie ein Star und trat sowohl in Komödien, Thrillern und Arthouse-Produktionen auf, am bekanntesten „Weiblich, ledig, jung sucht ...“, „2 Millionen Dollar Trinkgeld“ oder Quentin Tarantinos „Jackie Brown“. Nach einer letzten Hauptrolle im eher missglückten Fernsehfilm „Die Schneekönigin“ beendete sie 2002 ihre Schauspielkarriere - im Alter von 38 Jahren. Seitdem lebt sie zurückgezogen. Mit Ausnahme eines Auftritts bei der Karriere des Tarantino-Films „Inglourious Basterds“ 2009.

Dieser Tage hyperventilierte die Boulevardpresse, als Paparazzi ein Foto von Bridget Fonda beim Lebensmitteleinkauf veröffentlichten. Ja, Fonda hat sich in den letzte 12, 13 Jahren stark verändert, aber das ist alleine ihre Sache. Vielmehr zeigt es einmal mehr auf, wie sehr die Unterhaltungsindustrie dem Traum immerwährender Jugend und Anmut nachhechelt.

Berühmte Frauen sollen jung und schön in Erinnerung bleiben

Das erzeugt nicht nur, aber vor allem bei Frauen für enormen Druck, sind so doch einer ständigen Bewertung ihres Aussehens ausgesetzt. Bridget Fonda ist nicht die erste, die sich relativ jung zurückgezogen hat. Auch sogenannte Filmdiven wie Greta Garbo oder die zu ihrer Zeit als „schönste Frau der Welt“ vermarktete Schauspielerin und Erfinderin Hedy Lamarr beendeten in den 1940er- und 1950er-Jahren in einem ähnlichen Alter ihre Karrieren. Bis zu ihrem Tod lebten sie vollkommen zurückgezogen. Die Nachwelt sollte sie jung und schön in Erinnerung behalten.

„Heute haben wir durch Social Media noch mehr Druck“, erklärt uns die klinische und Gesundheitspsychologin Caroline Erb. „Da wird jede Falte, jedes Kilo mehr gesehen und kommentiert. Viele tappen in eine Perfektionsfalle. Bei der Besetzung von Rollen, sei es in Hollywood oder im Theater, klagen Frauen ab einem gewissen Alter, dass nach optischen Kriterien bewertet wird. Das ist bitter, weil es nichts mit Ausbildung, Können, Persönlichkeit oder Intelligenz zu tun hat.“

Warum wollen wir nicht altern?

Das ständige Abgleichen mit wie auch immer gearteten Vorbildern fand aber schon viel früher statt. Kaiserin Elisabeth wird in Verfilmungen wie „Sissi“ und der jüngsten Serie „Sisi“ stets jung und strahlend schön dargestellt. Die junge Frau hungerte, um ihre Wespentaille zu halten, ihr wallendes Haar zu waschen nahm einen Tag in Anspruch. Bilder der älteren oder gar alten Elisabeth? Gibt es nicht. Die Kaiserin verbot ungefähr ab ihrem 30. Lebensjahr, Aufnahmen von ihr zu machen.

Die Klinische und Gesundheitspsychologin Caroline Erb im Porträt.
Caroline_Erb_Psychologin © Alex Gotter/parship.at

Warum will jemand aber nicht alt wahrgenommen werden? Caroline Erb: „Gerade beim Älterwerden setzt man sich mit der eigenen Vergänglichkeit auseinander, eines der größten Tabuthemen in unserer Gesellschaft. Der Jugendwahn steht im Vordergrund, um all diese mühsam erscheinenden Themen wie Alter, Krankheit, Tod zu übertünchen und zu überspielen.“

Nicht nur Alter, auch Körpergewicht wird diskutiert. Sängerin Adele tauchte für einige Zeit unter. Als sie sich wieder öffentlich zeigte, war sie stark erschlankt. 45 Kilo habe sie abgenommen. Das war natürlich für den Boulevard ein gefundenes Fressen. Adele gab damals an, dass es darum ginge „stark zu werden“. Nicht körperlich, sondern psychisch. Wobei Body und Soul natürlich zusammen hängen.

Österreichische Charakterfrauen Erika Pluhar und Erni Mangold

Es gibt aber auch Menschen, die auch sich auch im hohen Alter noch in der Öffentlichkeit zeigen. Zurecht! finden Die kürzlich 99-jährig verstorbenen Betty White war da ein gutes Beispiel. Mit der bald 83-jährigen Schauspielerin, Sängerin und Schriftstellerin Erika Pluhar und der kürzlich 95 gewordenen Schauspielerin und Regisseurin Erni Mangold finden sich zwei Paradebeispiele in Österreich. „Das sind zwei ganz starke Charakterfrauen. Dass sie sich nicht die Haare färben kommt natürlich und schön, selbstbewusst und klar“, so Psychologin Caroline Erb. „Auf beide trifft auch ein Stichwort zu: Haltung. Haltung nach außen zu tragen, was Überzeugungen betrifft, was Wertesysteme betrifft, sich den Mund nicht verbieten zu lassen, das eint hier beide Beispiele. Immer noch streitbar bleiben, sich zur Wehr setzen, für Rechte einstehen, aber neugierig aufs Leben sein. Diese Lebenslust und der offene Umgang mit Tiefschlägen und Schicksalsschlägen, all das macht einen ja zum Menschen. Letztlich trägt das zum Gesamtbild bei.“

Dass sich Bridget Fonda zurückgezogen hat, dürfte wohl nicht an einer vermeintlichen Sehnsucht nach ewiger Jugend und Schönheit liegen. Kurz nach ihren letzten Dreharbeiten hatte sie einen schweren Autounfall, bei dem sie sich einen Rückenwirbel brach. Für den gefährlichen Schönheitskult sind nicht Schauspielerinnen verantwortlich, das ist immer noch die Unterhaltungsindustrie, die damit einhergehende Bewertungsmaschinerie. In letzter Konsequenz die nach makellosem Äußerem lechzende Gesellschaft. Und das sind am Ende wir alle.

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