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Was sich Frauen auf Wiens Straßen anhören müssen: „Hab auch einen Schw*** für dich“

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Von: Emily Erhold

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Bildmontage: Frau auf der Straße und Screenshot von catcallsof.vie
„Catcalls of Vienna“ kreiden sexuelle Belästigung an. © Westend61/catcallsof.vie/Instagram/BuzzFeed AT

Der Nachhauseweg von uns Frauen unterscheidet sich von dem der Männer: Wir müssen mit Catcalling, anzüglichen Blicken und im Extremfall körperlichen Übergriffen rechnen.

Es ist dunkel. Nur das Licht der Straßenlaternen erhellt den Weg vor mir. Im künstlichen Schein tanzen die Regentropfen, vor denen mich meine Kapuze schützt. Aus meinen Kopfhörern dringen die letzten Zeilen von Shirin Davids „Gib ihm“, dann ist es still. Die Playlist ist vorbei. Ich höre nur die Stille der Straße. Aus Gewohnheit spitze ich die Ohren, nehme die Kopfhörer raus, konzentriere mich auf die Geräusche hinter mir.

Ich höre ein Geräusch. Ein Zweig, der unter dem Gewicht eines Menschen zerbricht? Die Kapuze schränkt mein Gesichtsfeld ein. Ich setze sie ab. Versuche unauffällig meine Umgebung zu checken. Drehe mich um. Ein Mann kommt mit großen Schritten auf mich zu. Er starrt mich an, lächelt leicht. Ich gehe automatisch schneller und wechsle die Straßenseite. Der Mann tut es mir gleich. Mein Herz beginnt zu rasen. Ich entscheide mich, stehenzubleiben und hole mein Handy aus meiner Tasche.

Mit dem Daumen drücke ich auf den Namen einer Freundin, von der ich weiß, dass sie noch wach ist. Während ich das Telefon an mein Ohr führe, beobachte ich, wie der Mann immer näherkommt. Sein Blick ist starr auf mich gerichtet. Als er auf meiner Höhe ist, höre ich ihn sagen: „Was los? Hast e einen schönen Arsch.“ Er geht weiter. Ich bin erleichtert und beende den Anruf noch bevor meine Freundin abgehoben hat. Nichts Schlimmes, denke ich mir. Wieder mal eine blöde Anmache, ein dummer Catcall. Dann ärgere ich mich: wieder einmal ein Catcall!

Frauen müssen im öffentlichen Raum mit Catcalling und Street Harassment rechnen

Fast jede Frau hat bereits eine ähnliche Situation wie ich erlebt. In Österreich haben drei Viertel der Frauen bereits sexuelle Belästigung erlebt. Ob Nachpfeifen, anzügliche Bemerkungen, sexuelle Gestiken: Catcalling (das englische Wort für sexuell anzügliches Rufen) und Street Harassment (übersetzt: „Straßenbelästigung“) sind in unserer Gesellschaft noch immer alltäglich und führen dazu, dass Frauen im öffentlichen Raum ihre Umgebung scannen oder in keinen leeren U-Bahn-Wagon einsteigen.

Und genau, weil es so alltäglich ist, wird nur selten darüber gesprochen, dass es ein Problem ist. Es ist nicht einmal genau geklärt, was unter Catcalling fällt. „Weder für Catcalling noch für Street Harassment gibt es im deutschsprachigen Raum eine einheitliche Definition“, erklärt mir Jana von catcallsof.vie. Der Instagram-Account, der fast 5.000 Follower:innen hat, sammelt Erfahrungen von Frauen, die auf der Straße belästigt wurden.

Von Catcalls wie „So ein hübsches Mädchen“ über Aufforderungen wie „Ich geb dir 100 € wenn du eine Stunde mit mir kommst“ bis hin zu körperlichen Übergriffen, zum Beispiel eine ungebetene Hand auf dem Hintern. Die DMs von catcallsof.vie sind voll mit solchen Erlebnissen. Jana ist seit 2019 dabei. Die Kellnerin und das restliche Kernteam hinter dem Account greifen mittlerweile sogar auf eine Support-Gruppe von 20 Leuten zurück, die dabei helfen, die Catcalls und Erfahrungen auf die Straßen von Wien zu kreiden.

Die Fotos davon werden dann auf Instagram gepostet. Catcalls-Accounts gibt es auch in vielen anderen Städten wie Graz, Linz, Innsbruck, Stuttgart, Hannover oder München. Die Idee des wortwörtlichen Ankreidens stammt ursprünglich aus New York. Dem Account „catcallsofnyc“ folgen 171.000 Menschen.

Das Machtverhältnis macht‘s aus

Die Aktion von catcallsof.vie wird nicht von jedem gefeiert. Hin und wieder beschweren sich Mütter, dass die Zitate nicht jugendfreundlich seien, obwohl Jana und das restliche Team Schimpfwörter zensiert auf die Straße kreiden. Immer wieder machen Männer darauf aufmerksam, dass nicht nur Frauen belästigt werden.

„Das versuchen wir sehr ernst zu nehmen. Wir bestreiten nicht, dass auch Männer belästigt werden“, erklärt mir Jana und führt aus: „Der wesentliche Unterschied ist aber der Aspekt der Kontrolle und der Angst. Männer verspüren in solchen Situationen in der Regel nicht das nagende Gefühl des Kontrollverlusts. Die körperliche Überlegenheit von Männern kann man in vielen Fällen einfach nicht bestreiten.“ Eine wesentliche Rolle spiele auch das Machtverhältnis und die Rollenverteilung in unserer Gesellschaft. „Es sind alte Rollenbilder, die patriarchalen Ursprung haben und, die noch nicht aufgebrochen sind. Das sieht man auch in der Erziehung und in der Schule“, kritisiert Jana.

Wie haben Frauen zu sein? Und wie Männer? Jahrelang wurde das in unserer Gesellschaft ganz klar definiert. Die Frau an zweiter Stelle hinter dem Mann -passiv und oft nur in ihrem Verhältnis zum Mann betrachtet. Der starke Mann, der die Kontrolle hat und sich über Macht definiert. Diese alten Rollenbilder sind oft noch tief in unseren Köpfen und unserer Selbstwahrnehmung verankert. „Catcalling ist in den meisten Fällen auch eine Machtsituation“, erklärt Jana.

Ein anderes Sicherheitsgefühl

Wer schon einmal gecatcallt wurde, weiß: So eine von vielen Catcallern als „Kompliment“ bezeichnete verbale Belästigung kann das eigene Sicherheitsgefühl beeinträchtigen. Ein Gefühl, das bei Frauen ohnehin ganz anders ist als bei Männern. Denn Frauen bewegen sich vorsichtiger als Männer durch den öffentlichen Raum. Jana von catcallsof.vie fühlt sich dennoch relativ sicher auf Wiens Straßen. Und das, obwohl sie nahezu täglich Erfahrung mit Catcalling macht.

Doch ihr Sicherheitsgefühl musste sie sich antrainieren.: „Man überlegt sich mit der Zeit einfach Strategien, mit denen man sich sicherer fühlt. Ich habe beispielsweise einen ganz langen Schlüsselbund, den kann ich mir ums Handgelenk binde, um im Fall eines Übergriffs mit den Schlüsseln jemanden zu verletzen. Außerdem habe ich einen Selbstverteidigungskurs gemacht.“

Catcalling ist nicht strafbar

Bleibt es nur beim Catcalling, ist es für die Betroffenen sehr schwer, sich rechtlich zu wehren. Beschimpfungen, Verspottungen oder Drohungen sind in Österreich zwar strafbar. Ob es aber tatsächlich zu einer Verurteilung kommt, liegt dann natürlich an der Nachweisbarkeit.

Doch nicht jeder Catcall beinhaltet eine nach rechtlicher Definition Beschimpfung oder Verspottung. Für Catcalling an sich gibt es in Österreich keinen eigenen Tatbestand. Hinzu kommt, dass das Problem auch vonseiten der Polizei nicht immer ernst genommen wird. Der Instagram-Account catcallsofgraz hat deswegen eine Petition gestartet, um verbale sexuelle Belästigung strafbar zu machen. Auch catcallsof.vie unterstützt dieses Vorhaben.

„Die Petition fordert, dass Catcalling absolut strafbar gemacht wird mit leichten Zugangsbeschränkungen. Und auch bei der Polizei bessere Aufklärung stattfindet, wie man mit solchen Situationen umgehen soll“, erklärt mir Jana.

Was man übrigens selbst tun kann, um sich als Frau auf dem Nachhauseweg sicherer zu fühlen, könnt ihr hier nachlesen.

Ob Catcalling in Zukunft strafbar wird? Wir werden sehen. Bei anderen Formen der Belästigung hat sich in den letzten Jahren zumindest etwas getan. Upskirting ist seit 2021 strafbar.

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