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Die Karriere einer Drag Queen während Corona: „Ich wusste nicht, wann ich wieder Ryta Tale bin“

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Von: Emily Erhold

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Ryta Tale
Ryta Tale hat sich während der Corona-Pandemie dazu entschlossen, als Drag Queen aufzutreten. © Marco Sommer

Ryta Tale ist eine Wiener Drag Queen, die ihre Karriere ausgerechnet in Zeiten von Lockdowns und Corona-Maßnahmen startete.

Die Pandemie hielt sie nicht davon ab, in der Wiener Drag-Szene Fuß zu fassen, wo sie mittlerweile mehr als angekommen ist.

Drag: Eine Kunstform mit vielen Gesichtern

„Noch nicht. Noch nicht ganz. Ich bin noch nicht so weit“, sagt Michael im Dezember 2020 zu seiner Freundin, der bekannten Wiener Drag Queen Kleinkunstprinzessin, auch als Grazia Patricia bekannt, als diese ihn ermutigen möchte, ebenfalls als Drag Queen aufzutreten. Dabei ist der Schauspieler, Sänger, Tänzer und Musicaldarsteller ein großer Fan der Kunstform und spielt schon länger mit dem Gedanken ein Drag Alter-Ego zu kreieren. 

Der Begriff Drag Queen existiert bereits seit etwa 1900. Er stammt aus dem Theater, wo die Kleider von Männern, die weibliche Charakter spielten, auf dem Boden schliffen (drag=ziehen). Die Dragkultur erlangte vor allem in den letzten Jahren durch Shows wie „RuPaul‘s Drag Race“ in den USA und „Queen of Drags“ in Deutschland immer größere Bekanntheit. Doch Drag gibt es schon viel, viel länger - auch in Österreich. Vera de Vienne etwa, die eigentlich in Graz geboren wurde, war bereits in den 60ern ein internationaler Revuestar. Seit damals hat sich viel getan. Gab es lange Zeit noch die Annahme, dass ausschließlich schwule Männer in Frauenkleider Drag Queens sein können, kann heute eine Vielzahl an Geschlechtern und Identitäten unter den aufwendigen Kostümen und dem dramatischen Make-up stecken.

„Darf ich ein Selfie mit dir?“

Für Ryta ist es ausgerechnet die Corona-Pandemie, die ihr die nötige Zeit gibt, um sich an diesem extravaganten Make-up zu üben. Im ersten Lockdown 2020 beginnt sie mit Make-up zu experimentieren. „Ich musste mich schon im Theater schminken und wusste daher, was ich für mein Gesicht brauche, was funktioniert und was nicht. Außerdem hatte ich schon zuvor unzählige Drag-Make-up-Tutorials auf YouTube geschaut. Aber selbst geschminkt als Drag Queen hatte ich mich zuvor noch nie. Bis ich dann meine ersten Produkte bestellt habe“, erklärt sie. Sie probiert sich aus. Schminkt sich immer anders, lernt ihr Gesicht dabei kennen und weiß, welcher Eyeshadow und welche Lip Color bei ihr funktionieren. Sie merkt, dass sie Talent hat. 

Trotzdem braucht es noch einige Zeit, bis sie sich in Drag der Öffentlichkeit präsentiert. Auf der Pride 2021 ist es schließlich so weit. Ryta Tale zeigt sich das erste Mal auch fremden Menschen. Die Besucher:innen der Regenbogenparade sind begeistert. „Darf ich ein Selfie mit dir?“, fragt jemand. Eine andere Person kommt auf Ryta zu: „Darf ich ein Foto machen?“. „Da dachte ich mir zum ersten Mal: ‚Okay, ich mache offensichtlich etwas richtig‘“, erklärt die Drag Queen.

Der Höhenflug der Ryta Tale

Es soll nicht bei dem ersten Ausflug auf der Pride bleiben. Ryta Tale beschließt, dass die Zeit endlich reif ist für ihren ersten offiziellen Auftritt. Beim Drag Lab, einer Open Stage, die von der Drag Queen Metamorkid veranstaltet wird, können alle möglichen Drag Artists auftreten. „Es ist ein Safe Space, wo man sich ausprobieren kann. Am Ende wird eine freie Spende unter den Künstler:innen aufgeteilt“, erklärt Ryta Tale. Auch sie probiert sich auf dieser Bühne aus und performt ein Mash-Up von Aqua‘s Barbie Girl und den Aussagen der österreichischen Reality-TV-Kult-Frau Tara von Saturday Night Fever. „Ich habe dazu gelipsynct. Das war meine allererste Performance in Drag und sie ist sofort gut angekommen. Das war mega schön“, schwärmt Ryta.

Ihr Auftritt kommt auch bei anderen Drag Queens gut an. Veranstalterin Metamorkid ist ebenfalls begeistert. Ryta Tale fühlt sich bestätigt und erhält auch gleich ihr erstes Booking für den Club Couleur, eine Revue-Veranstaltung der Kleinkunstprinzessin und Metamorkid. Es kommen immer mehr Bookings dazu. Ryta Tale tritt bald ein- bis dreimal die Woche auf. Die Karriere der Drag Queen ist angelaufen.

Corona-Drag

Im November nimmt der Höhenflug ein abruptes Ende. Der Lockdown kurz vor Weihnachten macht der Veranstaltungsszene und somit auch der Drag Community einen ordentlichen Strich durch die Rechnung. „Es gab Fotoshootings da, Auftritte dort. Und dann plötzlich, von heute auf morgen, wusste ich nicht mehr wann ich das nächste Mal wieder in Drag bin. Wann ich wieder Ryta Tale bin“, erzählt sie. Alle Auftritte im Dezember werden abgesagt. Die Veranstalter sind verunsichert. Auch wenn der Lockdown vorbei ist, wissen sie nicht, wann es einen nächsten geben wird. Keiner kann in die Zukunft sehen. Keiner kann planen. „Ich hatte schon leichte Depressionen. Ich wusste nicht, wie das jetzt alles weitergeht“, erzählt Ryta.

Sie versucht sich, langsam wieder selbst zu motivieren, überlegt sich Lipsync-Ideen und Choreograhien. Zu Weihnachten bekommt sie von ihrem Bruder eine Nähmaschine geschenkt. Ryta wagt erste Gehversuche als Amateur-Schneiderin und näht ein paar Stofffetzen zusammen. Das neue Hobby bringt sie auf die Idee, eine befreundete Drag Queen der Rhinoplasty Crew zu fragen, ob sie ein Kleid für den nächsten Auftritt von Ryta Tale schneidern könnte. Es ist genau dieses Kleid, das die Drag Queen Ende Jänner anhat, als sie das erste Mal nach zwei Monaten wieder die Bühne betritt und in die Gesichter ihres Publikums blickt. „Seit diesem Auftritt sehe ich wieder ein Licht am Ende des Tunnels“, erzählt Ryta.

Ryta Tale ist angekommen

Ryta Tale is back. Sie tritt wieder auf und kann auch endlich wieder im Voraus planen. Mittlerweile steht die Drag Queen mit beiden Beinen in der Szene. „Es gibt verschiedene Dunstkreise in der österreichischen Drag-Szene. Es gibt die Gruppe um Tamara Mascara, die Gruppe um Naomi King, das Haus of Lipstick und die Rhinoplasty Crew. Und auch die Kleinkunstprinzessin und Metamorkid haben einen Kreis um sich gebildet, zu dem ich mich mittlerweile auch dazu zähle“, beschreibt Ryta. Aber man versteht sich auch sonst untereinander gut. „Die Dunstkreise überlappen sich natürlich teilweise und teilweise geht man sich bewusst aus dem Weg“, erklärt die junge Drag Queen, die gemeinsam mit der Kleinkunstprinzessin und Metamorkid eine Show zu dritt plant.

Ryta Tale ist also angekommen in der Drag-Szene. Was sie an ihren engen Freundinnen in der Community besonders schätzt, ist deren Authentizität: „Ich liebe es zum Beispiel, dass Metamorkid mit ihrem grafischen Club-Kid-Fantasy-Make-up und ihren High Fashion Outfits trotzdem einfach noch immer so ist wie sie ist, mit ihrem oberösterreichischem Dialekt.“ Ryta Tale unterscheidet abseits der Bühne auch nicht viel von Michael. „Es würde mir auch schwerfallen, etwas anderes zu sein“, erklärt die Drag-Künstlerin. Ein Spiel mit den Geschlechterrollen ist es für die Künstlerin auch nicht: „Ich fühle mich als Drag Queen absolut nicht weiblich. Ich weiß, dass ich in Drag diese hyperfeminine Version von mir bin und ich weiß, welche Außenwirkung ich habe, aber das Korsett zwickt, das Kleid kratzt, die Zehen tun weh. Mir ist heiß, mir ist kalt. Die Perücke ist zu fest geklebt und ich habe Kopfweh. Ich schwitze. Es tut fucking weh.“

Ohnehin sollten die Geschlechter bei Drag keine Rolle spielen, denkt Ryta. „Es ist egal, welches Geschlecht, welche Identität, welche Person als Drag Queen auftritt. Es ist vollkommen gleich, ob das jetzt ein homosexueller Mann, ein heterosexueller Mann, eine non-binäre Person oder eine Frau ist. Ich werde niemandem absprechen, Drag Künstler:in zu sein“, erklärt die junge Drag Queen. Für Michael ist Ryta eine Kunstfigur, die er geschaffen und über die er die vollkommene Kontrolle hat: „Als Schauspieler schlüpfe ich immer wieder in andere Rollen, aber da sagt mir die Regisseurin oder der Regisseur, was ich tun soll. Bei Ryta Tale bestimme ich.“ 

Ryta Tale
„Es ist egal, welches Geschlecht, welche Identität, welche Person als Drag Queen auftritt“: Ryta Tale © Marco Sommer

Safe Spaces

Die Drag Queen kann sich als Künstlerin komplett ausleben: „Ich bin ja schon diese Kunstfigur und merke, dass es nicht mehr viel braucht, um beim Publikum gut anzukommen. Da kann ich mich dann komplett auf die Performance konzentrieren und muss nicht auch noch darüber nachdenken, was ich mit meinem Gesicht mache. Denn mein ganzes Gesicht ist ja schon Kunst.“ Ist ein Auftritt einmal vorbei, versucht sie aber oft ihr Drag komplett abzulegen bevor sie nach Hause fährt: „Mein zu Hause und der Veranstaltungsort sind mein Safe Space. In der Öffentlichkeit bin ich aber nicht gerne in Drag, weil ich mich da nicht sicher fühle.“ erklärt Ryta. Sie bekommt täglich Nachrichten von Männern, die Sex von ihr wollen. Kinder, die fragen: „bist du schwul oder was?“, sind im Vergleich dazu nur eine Lästigkeit. Schlimmer ist es, im Taxi zu sitzen. „Ein Fahrer hat mich einmal gefragt, ob wir Sex haben wollen. Ich bin sofort ausgestiegen“.

Innerhalb der Drag Community lebt Ryta Tale aber in ihrer „sicheren, queeren Bubble“, die sie wohl um keinen Preis der Welt wieder verlassen wird. Die nächsten Outfits sind schon bestellt und die nächsten Auftritte sind schon geplant. Ein wichtiger Meilenstein in Ryta Tales Karriere fehlt aber aufgrund der Corona-Pandemie: ein internationaler Auftritt im Ausland. Den gibt es bisher noch nicht. Aber bald bestimmt.

Du willst mehr Geschichten über die Queer-Community lesen? In Deutschland haben sich vor Kurzem 125 Mitarbeitende der Katholischen Kirche geoutet und fordern eine Reform des kirchlichen Arbeitsrechts.

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