1. BuzzFeed.at
  2. News
  3. Gender

Diese Frau eröffnet mit ihrem Video über Sterilisation ein Gespräch über Frauen, die keine Kinder wollen

Erstellt:

Kommentare

„Letzten Endes ist ‚Ich möchte keine Kinder haben‘ Grund genug und sollte somit respektiert werden.“

In letzter Zeit ist es fast schon unwahrscheinlich, durch die sozialen Medien zu scrollen, ohne auf Fotos von Schwangerschaftsankündigungen, Gender-Reveal Partys oder Babyshowers zu stoßen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum über 3,8 Millionen Menschen so sehr von der 24-jährigen Abby Ramsay fasziniert gewesen sind, die für ein Sterilisations-Fotoshooting posiert hat.

Abby lacht und hält die Sterilisationsunterlagen hoch
Abbys langersehnter Wunsch geht endlich in Erfüllung. © @abbysworldsastage/via tiktok.com

In einem mittlerweile viralen Video, zusammengesetzt aus Bildern, die Abbys Freund von ihr in ihrem nahegelegenen Park aufgenommen hat, geht die Kalifornierin auf eine Schachtel zu, auf der „Congratulations“ steht. Sie nähert sich, die Aufregung steht ihr ins Gesicht geschrieben, bevor sie den Deckel anhebt und Papierdokumente über ihren Kopf hält. „Es ist eine ... Sterilisation!“

Am 4. Februar unterzog sich Abby einer kombinierten Operation mit einer beidseitigen Salpingektomie, bei der ihre beide Eileiter entfernt wurden, um so den Weg der Eizelle von den Eierstöcken zum Uterus zu unterbrechen. Außerdem wurde eine Endometriumablation durchgeführt, bei der eine Schicht der Gebärmutterschleimhaut entfernt wird.

Laut Johns Hopkins Medicine verringert die Entfernung dieser Schicht der Gebärmutterschleimhaut die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft, weil „die Gebärmutterschleimhaut, in der sich das Ei nach der Befruchtung einnistet, entfernt wurde“.
Abby entschied sich für diese Kombination nicht nur, um das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft auszuschließen, sondern auch wegen der Erleichterung, die eine Endometriumablation für Frauen wie Abby bedeuten kann, die unter langen, starken Regelblutungen leiden, die ihr tägliches Leben unterbrechen.

Die Endometriumablation kann laut dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein die Menstruationsblutung stark reduzieren und in circa 40 % der Fällen sogar ganz ausfallen lassen. Das Universitätsklinikum berichtet jedoch auch, dass dies nicht immer dauerhaft so ist. Bei einigen Patient:innen können mehrere Jahre nach der Operation lang anhaltende, starke Blutungen auftreten, sodass der Uterus möglicherweise ganz entfernt werden muss.
Andere chirurgische Möglichkeiten für Menschen mit einem Uterus, die eine Sterilisation anstreben, sind die Eileiterligatur, ein Verfahren, bei dem Chirurg:innen die Eileiter durchtrennen, abbinden oder versiegeln. Laut Frauenärzte im Netz sei die Wirksamkeit hier sehr hoch: Im Schnitt gäbe es 1 Schwangerschaft bei 1000 Sterilisationen.

Auch eine Hysterektomie - die vollständige Entfernung des Uterus - ist möglich. Eine nicht-chirurgische Option wäre eine hysteroskopische Sterilisation, bei der mit einem Endoskop Metallspiralen in die Eileiter eingeführt werden. Nach dem Einsetzen beginnt der Körper der Frau, Gewebe um die Spiralen herum zu bilden, das verhindert, dass die Eizellen von den Eierstöcken in den Uterus wandern können. Ohne Versicherung hätte Abby rund 116.000 Dollar bezahlen müssen, die Gesamtkosten beliefen sich am Ende auf 1.000 Dollar, da die meisten Versicherungen die Kosten für eine dauerhafte Verhütungsmethode übernehmen.

Für ihre Zuschauer:innen sind die Nachrichten über Abbys Operationen neu, doch Abby hat einen langen Weg hinter sich.

Erst nach sechs Jahren fand sie eine ärztliche Fachperson, die bereit war, die Operation durchzuführen. Und das obwohl sie ihren Wunsch, keine Kinder zu haben und ein Leben ohne Sorgen und Schmerzen zu führen, deutlich gemacht hatte – eine Erfahrung, die in ihrem Kommentarbereich Zuspruch fand, als Menschen, die an ähnlichen Operationen interessiert waren, ihre negativen Erfahrungen bei der Suche nach ärztlichem Fachpersonal teilten:

Der Kommentar „I‘m so tired of being told no, denied year after year“
Tik-Tok User:innen teilen ihre Erfahrungen © @abbysworldsastage / Via tiktok.com

Als sie mit BuzzFeed US darüber sprach, warum die Fachpersonen, die sie aufgesucht hat, die Operation ablehnten, sagte Abby: „Hauptgründe waren das Alter und die Möglichkeit, dass ich es irgendwann bereuen könnte.“

Ein junges Mädchen steht auf einer Wiese neben einem Stein auf dem „Congratulations“ steht
Abbys langer Weg zur Sterilisation. © @abbysworldsastage / Via tiktok.com

„Eine sagte, sie halte nichts von ‚unnötigen Operationen‘ und sei auch gegen solche Sachen wie plastische Chirurgie. Die dritte ärztliche Fachperson, die ich aufsuchte, unterstellte mir, dass mit mir etwas nicht stimme, weil ich keine Kinder wolle, und riet mir, eine Therapie zu machen, um mein Gehirn zu reparieren, um eines Tages Kinder haben zu können.“

Nicht selten wird eine Sterilisation von ärztlicher Seite mit Bedenken betrachtet. In einem Gespräch mit der Chicago Tribune äußerte ein Arzt aus Ohio die Befürchtung, dass Frauen ihre Meinung später im Leben ändern könnten. Laut einer von der US Collaborative Review of Sterilization durchgeführten Studie, gaben jedoch nur 12,7% der Frauen an, innerhalb der ersten 14 Jahre nach dem Eingriff Reue zu empfinden.

Etwa 1 von 5 der Befragten, die ihr Bedauern zum Ausdruck brachten, waren unter 30 Jahre alt. Denjenigen, die Abby vor einer möglichen zukünftigen Unzufriedenheit warnten, sagte sie: „Es ist besser, zu bereuen, kein Kind zu haben, als zu bereuen, eins bekommen zu haben. Wenn ich es bereue, bin ich am Ende die Einzige, die darunter leidet.
Ich glaube, viele Menschen ignorieren einfach die Tatsache, dass es manchmal [auch] Leute gibt, die es bereuen, Eltern geworden zu sein. Das ist nicht ungewöhnlich, auch wenn es ein Tabu ist, darüber zu sprechen. Ich denke wirklich, wir sollten mehr über das Bedauern des Elternseins sprechen, anstatt so zu tun, als sei es immer perfekt und magisch. Der gesellschaftliche Druck, sich fortzupflanzen, schadet allen, und vielleicht könnten mehr Eltern Hilfe bekommen, wenn wir mehr darüber sprechen würden.“ 

Trotz ihrer Überzeugung machte das Abbys Suche nach ärztlichem Personal nicht einfacher.

„Es gab Zeiten, in denen ich weinend nach Hause ging. Ein anderes Mal wollte ich einfach nur schreien. Andere Male fühlte ich mich einfach nur taub und leer. Es war frustrierend“, erzählt Abby. „Mein Schmerz, meine Wünsche, meine Ziele und mein Leben wurden wegen eines Babys, das es gar nicht gab, einfach abgetan. Eine hypothetische Person hatte mehr Kontrolle über meine Zukunft als ich selbst.“

Abby hält die Sterilisations Dokumente in einem roten Ordner in der Hand
Endlich kann Abby die Sterilisation durchführen. © @abbysworldsastage / Via tiktok.com

Um im besten Interesse einer Patientin oder eines Patienten zu handeln, sollten ärztliche Fachpersonen alle Vorurteile ablegen. Das ist jedoch immer und immer wieder nicht der Fall und die Frauen im Kommentarbereich von Abbys Video sind nur ein Bruchteil derer, die glauben, dass keine derartigen Hürden überwindet werden sollten, um informationsbasierte Entscheidungen über ihren eigenen Körper treffen zu können.

Zwei Kommentare auf Abbys Tik-Tok, die der Meinung sind, dass der Weg zu einer Sterilisation einfacher sein sollte
Zuspruch von Abbys Tik-Tok Community © abbysworldsastage / Via tiktok.com

BuzzFeed US hat mit Dr. Kiarra King gesprochen, die seit 15 Jahren als Gynäkologin tätig ist, um mehr über die Schwierigkeiten zu erfahren, die bei der Suche nach einer dauerhaften Verhütung auftreten können.

„Ich kann das Zögern einer anderen Person nicht charakterisieren oder beurteilen. Im Allgemeinen denke ich jedoch, dass die Menschen ihre persönlichen Überzeugungen auf andere projizieren, und in der Diskussion über eine dauerhafte Sterilisation kann dies dazu führen, dass gezögert wird“, sagte Dr. King. 

„In vielen amerikanischen Staaten gibt es Gesetze zur dauerhaften Sterilisation. Es gibt Altersvorschriften. Darüber hinaus verlangen einige der Versicherungen, dass die behandelte Person und das zuständige ärztliche Fachpersonal eine Einverständniserklärung ausfüllen, in der die Art des Eingriffs und die Tatsache, dass der Eingriff zur Unfruchtbarkeit führt, genau beschrieben werden“, führt Dr. King weiter aus.

„Ich bin der Meinung, dass eine Patientin, die ordnungsgemäß aufgeklärt wurde, d. h. eine informierte Zustimmung geben kann, sich der Risiken, Vorteile und Alternativen zur Sterilisation bewusst ist, ausreichend Zeit hatte, um eine Entscheidung zu treffen, und sich außerdem sicher ist, dass sie den Eingriff wünscht, unbelastet fortfahren können sollte.“

In Abbys Kommentarbereich sind sich viele, die sich für das Austragen von Kindern entschieden haben, ebenfalls einig, dass die Entscheidung bei jedem Einzelnen liegen sollte.

„Ich bin selber Mama und möchte dir gratulieren“, schrieb eine Nutzerin an Abby. „Genauso wie ich mich dafür entscheiden konnte, Kinder zu bekommen, solltest du dich dafür entscheiden können und respektiert werden, es nicht zu tun.“

Ein Kommentar einer Mutter, die der Meinung ist, dass jungen Frauen die Sterilisation ermöglicht werden sollte
Auch einige Mütter sind auf Allys Seite © @abbysworldsastage / Via tiktok.com

Abby fand diesen Respekt, nachdem sie endlich eine Ärztin gefunden hatte, die schließlich „Ja“ sagte, auch wenn ihr das zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst war.

Mit einem Stapel an Informationen und ihrer Argumentation ging sie in die Praxis und hatte die Antworten auf die Fragen und Hypothesen, die sie aus der Vergangenheit kannte, vorbereitet. „Aber das brauchte sie alles nicht“, sagte Abby. „Alles, was sie brauchte, war, mir fünf Minuten lang zuzuhören, bevor sie meinte, dass es in Ordnung sei, und mir sofort meine Optionen und die Verfahren mitteilte, die ihrer Meinung nach für mich infrage kommen könnten. In diesem Moment brach ich vor Freude fast in Tränen aus.“

Abby sitzt auf einem großen Stein und hat einen roten Ordner in der Hand, der ihre Sterilisationsunterlagen enthält
Abby hat es geschafft © @abbysworldsastage / Via tiktok.com

„Mir war gar nicht bewusst gewesen, wie sehr ich es gebraucht hatte, dass mir endlich einmal jemand zuhörte. Zu glauben, dass ich mich selbst vielleicht doch besser kenne als sie mich. Ich sprach sie ein wenig darauf an, und auch die Ärztin, die mich schließlich operierte – meine ursprüngliche Ärztin musste sich selbst operieren lassen und hatte mich an ihre Kollegin weiterempfohlen - und beide sagten im Grunde: ‚Sie wissen ganz genau, was Sie wollen, und haben lange darüber nachgedacht.‘ Das war wie eine frische Brise.“

Sich nicht immer wieder neu erklären und für eine Prozedur werben zu müssen, die sie durchführen wollte, war die ultimative Erleichterung.

„Ich habe zwar viele Gründe, nicht schwanger zu werden und kinderlos zu bleiben – von der Genetik bis hin zu Ängsten und medizinischen Bedenken – aber letztendlich ist ‚Ich will keine Kinder haben‘ Grund genug und sollte respektiert werden“, so Abby abschließend.

Du möchtest mehr über Abby und ihre Sterilisation wissen? Auf ihrem TikTok Kanal beantwortet die 24-Jährige viele Fragen!

Diese Post von Alexa Lisitza wurde aus dem Englischen übersetzt.

Auch interessant

Kommentare