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Deshalb ist ein feministischer Radshop wichtig: „Ich mag‘s nicht, wenn mir Männer Dinge aus der Hand reißen!“

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Von: Sophie Marie Unger

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Mischa, Ana und Jovina in ihrem feministischen Radshop „Velo Peaches“ im 9. Bezirk in Wien
Mischa, Ana und Jovina eröffnen den feministischen Radshop „Velo Peaches“ im 9. Bezirk in Wien. (Fotomontage) © Instagram/BuzzFeed

Braucht es einen weiteren Radshop in Wien? Eher nicht. Braucht es den ersten feministischen Radshop in Wien? Unbedingt! Velo Peaches im 9. Bezirk hat dies Anfang des Jahres in die Tat umgesetzt. Die drei Gründerinnen erzählen, was sie dazu bewegt hat.

Stell dir vor, du magst Radfahren so sehr, dass es wortwörtlich einfach deine Berufung ist. Das merkt man eventuell daran, dass du nicht nur Schönwetterfahrer:in bist, dem Hobby Bike-Polo nachgehst oder bei der Radrettung tätig bist. Zudem hast du seit jeher Freude am Herumschrauben und Handwerken. Der Job in einem Bikeshop klingt dann eigentlich ideal, wäre da nicht eine klitzekleine Sache, die dem Ganzen schon sehr die Freude nimmt. Nämlich die Tatsache, dass du eine Frau bist und von Männern in dieser Szene oft belächelt wirst. Das ist nämlich Ana, Jovina und Mischa passiert. Um dem entgegenzuwirken, gründeten die drei kurzerhand den Fahrradshop Velo Peaches in der Spitalgasse im 9. Wiener Gemeindebezirk. Wir haben gefragt, warum ihnen das so wichtig war.

Ana, ihr positioniert euch ganz klar als feministischer Radshop. Warum war euch das wichtig, dass es so etwas gibt?

Für uns war es wichtig, dass wir an einem Ort arbeiten können, wo wir uns wohlfühlen. Und vor allem auch, dass sich die Kund:innen wohlfühlen. Denn in der Fahrradindustrie haben wir immer wieder gesehen, dass sie als Männerdomäne geführt und auch so verstanden wird und das gibt FLINTA* [Anm.: Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre und trans* Personen, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität patriarchal diskriminiert werden] eindeutig ein Gefühl der Unsicherheit. Immer wieder schilderten uns FLINTA*, dass sie von oben herab behandelt wurden und bei der Beratung extremes Mansplaining [Anm.: Die Erklärungen eines Mannes, der davon ausgeht, er wisse mehr über den Gesprächsgegenstand als das Gegenüber]. Aber nicht nur das, wir wollten natürlich auch zeigen, dass FLINTA* genauso gute Arbeit in technischen Berufen leisten können und andere somit inspirieren.

Gibt es technisch gesehen Unterschiede bei eurer Beratung?

Ja, männerdominierte Radshops sind natürlich nicht so über spezifische FLINTA* Themen informiert. Angefangen bei der Anatomie, hier gibt es natürlich Unterschiede, die man kennen muss. Radtechnisch gesehen wären das bspw. bestimmte Sattel oder auch kleinere Bikes relevant. Weil oft passen FLINTA* dann die Rahmen nicht und das ist schade für das gesamte Raderlebnis. Generell ist es uns wichtig, das richtige Rad zu finden, egal ob FLINTA* oder nicht. Unsere Herangehensweise ist daher, dass wir zunächst einmal zuhören, was die Kund:innen zu sagen haben und zu verstehen, welchen Nutzen das Rad hat und was man sich vom Raderlebnis erwartet. Und dann bieten wir verschiedene Optionen an, welche explizit zugeschnitten sind.

Was würdest du dir vom gesamten System - und damit auch von der österreichischen Politik - wünschen?

Ein wichtiger Punkt wäre da beispielsweise die Erziehung und die Bildung. Bereits im Kleinkindalter ist das problematisch. Noch immer ist alles so vergeschlechtlicht. Schön wäre da, wenn sich Kinder ganz ohne Einteilungen austoben können. Und dafür brauchen sie halt Menschen, die ihnen das vorleben und sich bereits von diesen Geschlechterzuweisungen gelöst haben. Die sind einfach schon zu lange im System und haben schon so viel Schlechtes angerichtet. Und Repräsentation ist somit ein wichtiger Weg, um zu zeigen, dass es nicht nur pinke und blaue Räder gibt, sondern viel, viel mehr. Zu zeigen, dass technische und handwerkliche Berufe nicht nur für Männer interessant sind und nur sie darin erfolgreich sein können. Das liegt eben nicht daran, dass Frauen nicht fähig sind, sondern, dass diese Möglichkeiten gar nicht erst aufgezeigt werden. Als Mädchen habe ich so oft erfahren, dass wenn ich technische Dinge in die Hand genommen habe, diese mir von Männern aus der Hand gerissen wurden. Auch, dass gesagt wurde, dass ich mich damit verletzen werde. Das mag ich gar nicht. Also bitte, da benutze ich ja gefährlichere Dinge in der Küche. Wenn dir immer das Gefühl eingepflanzt wird, dass du das nicht machen darfst, dann entsteht Angst und somit kann auch kein Selbstvertrauen diesen Dingen gegenüber entwickelt werden.

Auch Jovina hat Ähnliches erlebt und erkannt, dass es einen Wandel bedarf. Mit Velo Peaches konnte sie diesen - zumindest für sich selbst - vollziehen und ist mehr als glücklich drüber.

Jovina, was hat dich am Technischen so begeistert und was hast du da erlebt?

Ich war immer schon im technischen Bereich zu Hause. Ich bin in eine HTL gegangen, ich war ganz lange in einer Firma in Wien, wo‘s zu 80 Prozent Männer gegeben hat und man boxt sich irgendwie durch. Man wird belästigt, man wird belächelt. Nur leider war ich damals noch so jung, dass mir gar nicht bewusst war, wie schlimm und wie schei*e das eigentlich ist und dass ich mir das eigentlich nicht gefallen lassen darf. Erst wie ich älter war - so Ende 20 - bin ich draufgekommen, dass ich das so nicht machen will. Das interessiert mich nicht. Ich hab dann meine eigenen Konditionen festgelegt und mit dem Shop ist es halt wirklich das erste Mal, dass ich das Gefühl hab, ich hab alles unter Kontrolle und ich darf machen, was ich will, hab Freiheiten und darf meine Kreativität so ausleben, wie ich das will.

Glaubst du das hat auch damit zutun, dass in Wien Menschen offener sind?

Ja auf jeden Fall. Ich hab halt den Vergleich, weil ich komm ursprünglich vom Land und wollt eigentlich nie wirklich nach Wien. Aber seitdem ich da bin, bin ich nimmer weggekommen. Wien reißt dich in solchen Sachen dann schon echt mit. Es gibt einfach keine geilere Stadt.

Was eine Leserin im Bewerbungsprozess um einen technischen Beruf erlebt hat, kannst du hier nachlesen.

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