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Femizid: Wenn Frauen sterben müssen, weil sie Frauen sind

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Von: Emily Erhold

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Bei einer Kundgebung gegen Femizid wird eine rot angemalte Hand in die Kamera gestreckt.
Bei einer Kundgebung in Berlin setzen Demonstantinnen ein Zeichen gegen Femizide. © Christian Ditsch/Imago

2020 gab es in Österreich 31 Femizide. Im Jahr davor waren es sogar 39 Morde an Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Die Täter waren meist Partner oder Ex-Partner der Opfer.

Wer 2021 am Yppenplatz in Wien-Ottakring vorbeigegangen ist, wusste, wie viele Femizide es in Österreich seit Anfang des Jahres bereits gab. Hier prangerte auf einer schwarzen Wand eine große rote Zahl, die bis Anfang 2022 übermalt und aktualisiert wurde, sobald wieder eine Frau sterben musste, weil sie eine Frau war.

Was bedeutet Femizid?

Femizid bezeichnet die Ermordung von als Frauen gelesenen Personen aufgrund ihres Geschlechts oder aufgrund bestimmter Vorstellungen von Weiblichkeit. Obwohl der Begriff bereits im 19. Jahrhundert verwendet wurde, war es die Soziologin Diana Russell, die Femizid 1976 in seiner heutigen Bedeutung prägte.

Bei dem viertägigen Internationalen Tribunal zu Gewalt gegen Frauen sprach Russell von „Femicide“, also dem Mord an Frauen, weil sie Frauen sind. Die südafrikanische Soziologin entschied sich bewusst für diesen Begriff, denn sie wollte die Taten bewusst vom englischen Wort „homicide“, also Mord, abgrenzen. So wollte sie betonen, dass das weibliche Geschlecht bei Femiziden eine zentrale Rolle spielt.

Der Begriff Femizid soll zudem klarmachen, dass es sich bei diesen Frauenmorden nicht um Einzelfälle oder - wie in den Medien noch immer oft als solche bezeichnet - Beziehungsdramen handelt, sondern um ein strukturelles Problem der Gesellschaft. Die Opfer werden ermordet, weil sie sich von ihren Partnern trennen, weil sie die Ehre der Familie verletzt haben oder weil sie sich nicht dem von der Gesellschaft geprägten Frauenbild anpassen. Gründe, die auch in Österreich jährlich zu einer hohen Anzahl an Frauenmorden führen. Das mitteleuropäische Land gehört laut der EU-Statistikbehörde zu den Ländern, in denen mehr Frauen als Männer Opfer von Gewaltverbrechen werden.

Arten von Femizid

Die Weltgesundheitsorganisation unterscheidet vier Arten von Femizid:

Diana Russell hat 2008 ebenfalls vier Arten von Femiziden definiert. Sie unterscheidet dabei nach der Beziehung zwischen Opfer und Täter:

Vienna Declaration on Femicide

Um sich dem weltweiten Problem von Femiziden anzunehmen, fand anlässlich des Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen (25. November) im Jahr 2012 ein Symposium im UN-Büro in Wien statt. Dort wurde die sogenannte „Vienna Declaration on Femicide“ erarbeitet. Sie zählt neben der Tötung durch (Ex-)Partner und „Ehren“-Morden auch die Tötung von Frauen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung sowie Infantizide und Fetizide, also die Abtreibung von weiblichen Babys oder die Tötung von Mädchen, weil man sich einen männlichen Nachkommen gewünscht hat, zu Femizid.

Frauenmorde in Österreich

Österreich liegt bei Femiziden über dem EU-Durchschnitt. 2019 waren mehr als ein Drittel der Mordopfer in der Europäischen Union Frauen. In Österreich waren es über 50 Prozent. Laut der polizeilichen Kriminalstatistik wurden im Jahr 2020 31 Frauen ermordet, 2019 waren es 49 und 2018 gab es einen Höchststand von 41 Femiziden. Die Zahl der weiblichen Todesopfer, die aufgrund ihres Geschlechts getötet werden, zeigt wie tief die Gewalt an Frauen in unserer Gesellschaft verankert ist. Laut einer Erhebung der Europäischen Union für Grundrechte zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen ist jede fünfte Frau in der EU ab ihrem 15. Lebensjahr körperlicher und bzw. oder sexueller Gewalt ausgesetzt. Jede dritte wurde ab dem 15. Lebensjahr bereits sexuell belästigt.

Femizid in Lateinamerika: Von Femicidio und Feminicidio

Nicht nur in Österreich gibt es ein Femizid-Problem. Auf der ganzen Welt werden Frauen von Männern aufgrund struktureller Geschlechterverhältnisse umgebracht. Besonders häufen sich die Fälle in Lateinamerika. Vierzehn der 25 Länder mit den höchsten Femizid-Raten sind Teil Lateinamerikas. Täglich werden 12 Frauen in Lateinamerika Opfer eines Femizids. Einen hohen Beitrag zu dieser Zahl liefern die Frauenmorde von Ciudad Juárez. Sie bezeichnen eine seit den 90er Jahren andauernde Mordserie an Frauen. Anders als bei den meisten Femiziden werden die Morde hier aber nicht von Angehörigen verübt. Vielmehr handelt es sich um eine systematische Jagd nach Frauen durch Drogenkartelle, Polizei und Politik. Alleine 2010 starben 300 Frauen in der nordmexikanischen Grenzstadt. Die meisten Morde sind bis heute nicht geklärt.

Um die Situation in Ciudad Juárez zu beschreiben, suchten auch spanische Akademiker:innen nach dem passenden Begriff. Die spanische Übersetzung von Femizid beziehungsweise „femicide“ wäre „femicidio“. Doch die mexikanische Anthropologin Marcela Lagarde wollte den Taten noch eine neue Dimension verleihen. So prägte sie den bis heute in Lateinamerika gängigen Begriff „feminicidio“, der auch das Verhalten von staatlichen und behördlichen Einrichtungen beinhaltet, die Femizide nicht nur in Kauf nehmen, sondern auch verharmlosen.

Gewalt bekämpfen, um Femizide zu verhindern

Von der Politik brauche es noch mehr Maßnahmen zur Gewaltprävention, so Expertinnen und Experten. Der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser forderte 2021 die Umsetzung von Fallkonferenzen bei gefährlichen Tätern, Information und Austausch seitens der Behörde mit Opferschutzeinrichtungen sowie verpflichtende Schulungen zu häuslicher Gewalt und Partnergewalt für Justiz und Polizei. In Österreich bleiben acht von zehn Anzeigen bei häuslicher oder sexueller Gewalt ohne Urteil. Auch wenn Frauen durch die Gesetze ausreichend geschützt sind, scheitert es hierzulande an der Umsetzung. Ende November 2021 stieg die Zahl der mutmaßlichen Femizide in Österreich auf 30.

Aufgrund der hohen Femizid-Rate in Österreich kündigte die Grüne Justizministerin Alma Zadić im Frühling 2021 zusätzliche Mittel für den Opferschutz an. Besonders in Präventionsmaßnahmen soll künftig investiert werden. In Österreich stehen 24,5 Millionen Euro für Gewaltschutz und Prävention zur Verfügung. Laut den Frauenhäusern brauche es aber 228 Millionen. Einige Schritte in die richtige Richtung wurden bereits gesetzt. Durch das neue „Hass im Netz“-Gesetzespaket ist seit 2021 Upskirting, also das unerlaubte Fotografieren in den Intimbereich, verboten. Seit September 2021 müssen zudem Gefährder, über die ein Betretungs- und Annäherungsverbot verhängt wurde, insgesamt sechs Stunden einer verpflichtenden Gewaltpräventionsberatung absolvieren.

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