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Die Anfänge der Frauenbewegung in Österreich: Der Kampf für das Wahlrecht

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Von: Emily Erhold

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Sozialdemokratische Frauen. Stehend: Therese Schlesinger und Adelheid Popp. Sitzend: Anna Posch, Amalie Seidl, Lotto Glas-Phohl
Die Forderung der sozialdemokratischen Frauen (stehend: Therese Schlesinger und Adelheid Popp, sitzend: Anna Posch, Amalie Seidl, Lotto Glas-Phohl) nach dem Wahlrecht sollte bis 1919 noch unerfüllt bleiben. © Austrian Archives/Imagno/APA-PictureDesk

Gleichberechtigung bedeutet, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben. Das ist nicht selbstverständlich. In Österreich sind Frauen und Männer gesetzlich gleichgestellt - so steht es in der Verfassung. Der Kampf dafür war lang und schwer.

Die Anstrengungen der Frauenrechtsaktivist:innen haben eine lange Geschichte. Auch wenn der Kampf noch nicht zu Ende ist, ihre Errungenschaften ermöglichen das Leben, das Frauen heute führen.

Frauenrechtsaktivistinnen: Olympe de Gouges in Frankreich und Karoline von Perin in Österreich

„Eigens geschaffen, um dem Mann zu gefallen“: Zu diesem Schluss kommt Jean-Jacques Rousseau, einer der wichtigsten Philosophen der Aufklärung, in seinem Erziehungsroman „Emile“. Rousseau, der anerkennt, dass Frauen und Männer als Menschen gleiche Organe, Bedürfnisse und Fähigkeiten besitzen, ordnet ihnen als Geschlechter aber unterschiedliche Rollen zu. So müssen Männer laut Rousseau aktiv und stark sein, Frauen hingegen passiv und schwach. Seine Beobachtung und Einordnung sind nicht überraschend, wenn man die Rollenverteilung zu seiner Zeit betrachtet. Frauen im 18. Jahrhundert haben weder Mitspracherecht in der Politik noch können sie am öffentlichen Leben teilhaben. Frauen ist der Zugang zu Bildung erschwert.

Während in der Zeit der Aufklärung die Gleichheit aller Menschen in den Fokus rückt, ist noch nicht weitgehend akzeptiert, dass Frauen ebenfalls zu diesen Menschen gehören. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte im Zuge der Französischen Revolution 1789 lässt Frauen (sowie auch Juden, Schwarze und Arbeiterklassen) vor allem bezüglich ihrer politischen Rechte außen vor.

Gleichzeitig erlebt der Feminismus zur Zeit der Aufklärung einen großen Aufschwung. Eine wichtige Figur des damaligen Frankreichs ist Olympe de Gouges, eine hartnäckige Verfechterin der Menschenrechte der Frau, die als eine der ersten Frauenrechtlerinnen bezeichnet werden kann. Als Protest gegen die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte verfasst sie 1791 die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin.

De Gouges wird später unter der Schreckensherrschaft von Maximilien de Robespierres verhaftet und unter anderem aufgrund ihres Einsatzes für Frauenrechte, der als unerwünschte Einmischung in die den Männern vorbehaltene Politik angesehen wird, zum Tode verurteilt. Am 3. November 1793 stirbt sie durch die Guillotine.

Rund zwölfeinhalb Jahre nach dem Tod von Olympe de Gouges wird am 12. Februar 1806 Karolina Rosalia Franziska von Pasqualati in Wien geboren. Später wird sie unter dem Namen Karoline von Perin als Pionierin in der österreichischen bürgerlichen Frauenbewegung bekannt werden.

1848 kürzt der damalige Arbeitsminister Ernst Schwarzer den Lohn von Erdarbeiterinnen von 20 auf 15 Kronen, während ihre männlichen Kollegen 25 Kronen für die gleiche Arbeit erhalten. Am 21. August kommt es daher zur ersten Frauendemonstration in Österreich. Zwei Tage später gehen die Frauen, denen sich nun auch männliche Arbeiter angeschlossen haben, erneut auf die Straße. Die Demonstration wird beim Wiener Praterstern von der kaiserlichen Nationalgarde blutig auseinandergeschlagen. 18 Menschen sterben bei der Praterschlacht. 282 werden verletzt. Als Reaktion darauf gründet Karoline von Perin nur fünf Tage später den „Wiener demokratischen Frauenverein“.

Karoline von Perin: „Schmutzige Amazone“ tritt für Frauenrechte ein

Der „Wiener demokratische Frauenverein“ setzt sich zur Zeit der Revolution 1848 für die Gleichberechtigung der Frauen und den Zugang zu Bildung ein. Die Mitglieder des Vereins treffen sich im Volksgarten, die Zusammenkünfte werden regelmäßig von Männern gestört und unterbrochen. Am 17. Oktober 1848 organisiert der Verein im Zuge des Oktoberaufstands eine Demonstration vor dem Reichstag, an der 300 Frauen teilnehmen. Sie überreichen eine Petition mit 1.000 Unterschriften, um die Rückeroberung Wiens durch die kaiserlichen Truppen zu verhindern.

Die Aktion wird belächelt. Die Presse beschimpft Karoline von Perin als „schmutzige Amazone“. Nach der Niederschlagung der Revolution wird von Perin verhaftet. Nur zwei Monate nach seiner Gründung wird der Frauenverein wieder aufgelöst.

Marianne Hainisch: Begründerin der Frauenbewegung in Österreich

Als von Perin den „Wiener demokratischen Frauenverein“ gründet, ist die Niederösterreicherin Marianne Perger, die in eine Industriellenfamilie hineingeboren wurde, gerade neun Jahre alt. Später wird sie als Marianne Hainisch zur Begründerin der Frauenbewegung in Österreich. Ihr Sohn, Michael Hainisch, wird später Bundespräsident Österreichs. Mit 18 Jahren heiratet Marianne Hainisch einen Industriellen. Weil durch den amerikanischen Bürgerkrieg der Baumwollexport nach Österreich eingestellt wird, stürzen viele Textilarbeiter:innen in die Armut.

Die Frau eines Textilfabrikanten, die statt ihrem Mann selbst für die Familie sorgen möchte, wendet sich an Hainisch und bittet um Rat. Diese erkennt ein ernsthaftes Problem der Gesellschaft: Frauen aus dem höheren Bürgertum haben weder die Kenntnisse noch das Recht, einen gutbezahlten Beruf auszuüben. Es ist ein Problem, das nicht nur Hainisch bemerkt. Durch die Wirtschaftskrise der 1860er-Jahre beginnen sich viele Frauen zu fragen, was mit ihnen passiert, wenn der Ehemann nicht mehr für sie sorgen kann.

Kurz nach diesem aufrüttelnden Erlebnis, im Jahr 1870, hält Hainisch eine Rede über die Versäumnisse in der Ausbildung von Frauen und Mädchen. Sie fordert die Errichtung von Realgymnasien für Mädchen und die Zulassung von Frauen zum Hochschulstudium. Bei der Gemeinde Wien wird eine entsprechende Petition eingereicht.

Erst 1892 kommt es zur Eröffnung eines Gymnasiums für Mädchen - das erste Gymnasium für Mädchen im deutschsprachigen Raum. Zuvor gründet Hainisch aus privaten Geldern ein Mädchengymnasium, das 1891 Öffentlichkeitsrecht erhält. Die Frauenrechtsaktivistinnen Auguste Fickert, Marie Lang und Rosa Mayreder gründen 1893 den „Allgemeinen Österreichischen Frauenverein“ und fordern die Gleichstellungen von allen Staatsbürger:innen, die Zulassung von Frauen zu Bildungsstätten und gleiche Berufsmöglichkeiten für Frauen bei gleichem Lohn. 1902 gründet Hainisch den „Bund Österreichischer Frauenvereine“.

Foto von Marianne Hainisch
Marianne Hainisch gründet 1902 den „Bund Österreichischer Frauenvereine“. © picture-alliance/dpa-Picture Alliance/Apa-PictureDesk

Die bürgerliche Frauenbewegung und die Frauenbewegung der Arbeiterklasse

Diese Vielzahl an Frauenvereinsgründungen ab der zweiten Hälte des 19. Jahrhudnerts wird vor allem als „bürgerliche Frauenbewegung“ zusammengefasst. Ihre zentralen Forderungen sind der Zugang zu Bildung, Berufsfreiheit, Rechtsfragen, soziales Wirken und Wahlrecht. Mit ihren Forderungen nach Veränderung bleiben die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen aber stets in der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. Diesem Ungleichgewicht wird von der sogenannten proletarischen (Proletariat: Arbeiterklasse) Frauenbewegung entgegengewirkt.

Die sozialdemokratisch organisierte Frauenrechtsbewegung löst sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts von der bürgerlichen Bewegung ab. In der von den sozialdemokratischen Frauen herausgegebenen „Arbeiterinnenzeitung“ wird 1894 erstmals ein Frauenwahlrecht gefordert.

Die Führerin der sozialdemokratischen Frauen, Adelheid Popp, wird später, im Jahr 1919, Abgeordnete zum Nationalrat und eine der ersten Frauen, die ins Parlament gewählt werden. Die zentralen Forderungen der proletarischen Frauenbewegung sind die Reduzierung der Tagesarbeitszeit, ein Verbot der Kinderarbeit, eine bessere Stellung der Hausarbeit und die Neugestaltung des Mutter- und Kinderschutzes. Auch sie fordern politische Rechte und das Wahlrecht. Entgegen der bürgerlichen Frauenbewegung ordnen sie Frauenrechte aber auch der Klassenfrage zu und sehen die Frage um Gleichstellung als Teil einer sozialen Frage.

Frauenbewegungen: Die Forderung nach dem Wahlrecht und die ersten Frauen im Parlament

Anfang des 20. Jahrhunderts wird die Forderung nach dem Frauenwahlrecht immer lauter. In der Sozialistischen Partei der Arbeiter:innen ist zwar seit dem Parteitag 1891, das gleiche Wahlrechte im Parteiprogramm festgeschrieben, nicht alle Parteimitglieder sind darüber aber glücklich.

Adelheid Popp fährt 1907 nach Stuttgart, um an der ersten sozialistischen Internationalen Frauenkonferenz teilzunehmen. Es geht vor allem um das Erreichen des Frauenwahlrechts. 1911 organisiert Popp gemeinsam mit anderen Sozialdemokratinnen am 19. März 1911 eine Demonstration für das Frauenwahlrecht. Diese Demonstration findet von nun an jährlich statt. Auch während des Ersten Weltkrieges wird protestiert. Im Oktober 1918, kurz vor dem Ende des Krieges, setzen die bürgerliche und sozialdemokratische Frauenorganisationen eine Petition für das Frauenwahlrecht auf.

Als am 12. November die Republik Österreich ausgerufen wird, wird auch das Gesetz für Staats- und Regierungsform erlassen. Darin ist in Artikel 9 festgehalten, dass das Wahlrecht für nationale Wahlen universal und unabhängig vom Geschlecht sei. Das Frauenwahlrecht ist offiziell eingeführt (auch wenn noch nicht alle Frauen wählen dürfen, denn Sexarbeiterinnen werden noch bis 1923 aufgrund „moralischer Bedenken“ vom Wahlrecht ausgeschlossen). Im Februar 1919 werden die ersten Frauen ins Parlament gewählt. Als 1920 das Bundesverfassungsgesetz beschlossen wird, ist die gesetzliche Grundlage für die Gleichstellung der Geschlechter geschaffen. Tatsächliche Gleichberechtigung bedeutet das aber nur theoretisch....

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