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Karriere im Abseits: Wieso Frauenfußball noch immer nicht den gleichen Stellenwert wie Männerfußball hat

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Von: Emily Erhold

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Ada Hergerberg am Spielfeld.
Frauenfußball hat noch immer nicht den gleichen Stellenwert wie Männerfußball. Top-Spielerinnen wie Ada Hergerberg zeigen, wieso das falsch ist. © Anthony Devlin/ PA/APA Picturedesk

Wer das Stichwort Fußball hört, denkt an Ronaldo, Messi oder vielleicht Neymar. Lucy Bronze, Ada Hergerberg oder Sam Kerr sind wohl den wenigsten ein Begriff. Dabei zählen sie zu den besten Fußballerinnen der Welt. Doch Frauenfußball ist noch lange nicht im Mainstream angekommen.

Das zeigt allein die Tatsache, dass es das Wort „Frauenfußball“ gibt. Würde ein:e Sportreporter:in über „Männerfußball“ schreiben, die Fragezeichen stünden den Leser:innen wohl ins Gesicht geschrieben.

Frauenfußball: Im Schatten der Männer

Es ist der 17. Mai 2019. Manchester City-Trainer Pep Guardiola sitzt vor der Presse. Sein Team hat am nächsten Tag die Chance, das nationale Triple aus Meisterschaft, League Cup und FA Cup zu gewinnen. Ein Sportreporter spricht den Trainer darauf an: „Morgen haben Sie die Aussicht, als erster englischer Verein ein heimisches Triple zu gewinnen. Wie aufgeregt sind Sie?“ Die Frage scheint keine:n der anwesenden Journalist:innen zu überraschen, nur Guardiola selbst antwortet: „Der erste englische Verein der Männer. Die Frauen haben es bereits geschafft.“

Kleine, scheinbar unbedeutende Szenen wie diese zeigen: Frauenfußball zählt nicht zur Überkategorie „Fußball“. Es sind die Männer, die diesen Bereich für sich reserviert haben. Es sind die Männer, die als „erster englischer Verein“, der ein nationales Triple gewonnen hat, gefeiert werden. Auch, wenn die Frauen diese Leistung schon lange vor ihnen erbracht haben. Es sind die Männer, denen der Großteil der medialen Aufmerksamkeit geschenkt wird und es sind auch die Männer, die wie Cristiano Ronaldo ein geschätztes Vermögen von 450 Millionen Euro mit ihrer Fußball-Karriere verdienen können.

Eine Gage von der die 23-jährige Leah Mayer nur träumen kann. Die Amateurfußballerin ist die Verteidigerin in der Spielgemeinschaft Laufen Leobendorf Fridolfing in Bayern. Ein Leben ohne den Ballsport kann sie sich nicht mehr vorstellen. Für eine Profi-Karriere hat sie sich dann aber doch nicht entschieden. „Für eine wirklich erfolgreiche Damenmannschaft muss man hier schon mindestens eineinhalb Stunden fahren. Der Zeitaufwand für Training und Spiele wäre einfach immens hoch“, erklärt die junge Sportlerin. Ein Zeitaufwand, der sich für Fußballer eher auszahlt als für Fußballerinnen.

Gender Pay Gap: Die Gehaltsunterschiede im Fußball sind groß

Zugegeben: Von 450 Millionen Euro kann der männliche Durchschnittskicker zwar meist auch nur träumen. Dennoch: Beschweren können sich Profi-Fußballer wirklich nicht. Laut dem Global Sports Salaries Survey 2018 verdiente ein Mann in der dritten Liga in Deutschland durchschnittlich 120.000 Euro jährlich. Zum Vergleich: Eine Frau in der deutschen Bundesliga bekam im Schnitt 39.000 Euro pro Jahr. Jonas Puck, Leiter des Instituts für International Business an der Wirtschaftsuni Wien und Vizepräsident des Fußballklubs First Vienna FC, hat diesen Gender Pay Gap im Rahmen einer noch laufenden Studie näher beleuchtet. Das bisherige Fazit: Männer verdienen im Fußball 50 bis sogar 200 Mal mehr als Kolleginnen derselben Liga.

Wenn die Herren spielen, ist das eben ein Riesen-Event. Die deutsche Bundesliga, die englische Premier League oder die spanische Primera Divisón: Sie alle locken mehrere tausend Fans in die Stadien. Während den Europa- und Weltmeisterschaften der Herren gibt es große Viewing-Events, die auch von Menschen besucht werden, die den Sport das restliche Jahr über nicht verfolgen. Hinter dem Fußball der Herren steht eine riesige Marketing-Maschine, die ihren Spielern lukrative Verträge und Werbedeals sichern kann. Die Frauen hingegen kämpfen währenddessen um faire Bezahlung.

Am Ball geblieben: Die Geschichte des Frauenfußballs

Der Gender Pay Gap ist in fast allen Sportarten präsent, doch fast nirgends ist er so groß wie im Fußball. In den Medien wird das aber erst seit ein paar Jahren hinterfragt. Halbherzige Erklärungsversuche wie der geringere Beliebtheitswert der Spiele und die dadurch resultierende schlechtere Vermarktungsfähigkeit scheinen aber Fehl am Platz, wenn man die Geschichte des Frauenfußballs näher beleuchtet.

Im Jahr 1919 ist der Erste Weltkrieg seit wenigen Monaten beendet. Rund 750.000 militärische Todesfälle hat Großbritannien zu beklagen. Viele Männer sind gefallen oder verwundet. Schon während des Krieges hat sich die Abwesenheit der Männer in vielen Sektoren bemerkbar gemacht - auch im Fußball. So kommt es, dass eine junge Frau namens Lily Parr am Höhepunkt ihrer Karriere steht.

Die Stürmerin der „Dick, Kerr Ladies“ kickt bereits, seit sie 14 Jahre alt ist. Die Spiele ihres Teams werden mittlerweile von mehr als 50.000 Zuseher:innen besucht. Das Team reist nach Frankreich, wo sich während des Ersten Weltkrieges die ersten Frauenteams gebildet haben. Die Sportlerinnen werden sogar in Wochenschauen vorgestellt. Es sind die goldenen Jahre des Frauenfußballs. Seit dem Krieg sieht man über die Tatsache hinweg, dass Fußball als „unfeminin“ gilt.

Das Verbot von Frauenfußball

Doch der Schein trügt und der Wandel soll nur von kurzer Dauer sein. Der Krieg ist vorbei, die Männer kehren zurück in ihr altes Leben und auch auf das Fußballfeld. Die alte Diskussion um Fußball als geeigneter Sport für Frauen entfacht erneut. Am 5. Dezember 1919 verbietet die englische Football Association den Frauen ins Stadion zurückzukehren. Die Begründung: „Fußball ist für Frauen nicht geeignet und sollte deshalb nicht gefördert werden“. Das Verbot in Großbritannien hält bis 1970 an.

Auch in anderen europäischen Ländern legt man den Kickerinnen Steine in den Weg. Bis zu den 50ern bilden sich in Deutschland jedenfalls Frauenvereine. 1954 gewinnt das deutsche Männerteam die WM. Fußball ist in aller Munde. Durch das große Interesse steht auch der Frauenfußball wieder im Fokus. 1955 verbietet der DFB seinen Vereinen, Frauenfußball anzubieten, da „diese Kampfsportart der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd ist“. Trotz des Verbots kommt es zu Länderspielen. Ende der 60er hebt der DFB das Verbot wieder auf. Auch in der DDR spielen Frauen ab Ende der 50er Fußball. Die Frauenteams werden zunächst nicht staatlich gefördert. Ab 1968 integriert sie der Fußballverband, es gibt sogar eine Nationalmannschaft.

Einen richtigen Aufschwung erlebt der Frauenfußball in Deutschland in den 80ern. 1988 qualifiziert sich die deutsche Nationalmannschaft erstmals für die EM. Das Halbfinale ist das erste Frauenspiel, das im deutschen Fernsehen live übertragen wird. Deutschland besiegt Italien nach Elfmeterschießen. Am 2. Juli 1989 holen sich die deutschen Fußballerinnen nach einem 4:1-Sieg gegen Norwegen zum ersten Mal den Europameisterschaftstitel.

Frauenfußball heute: Sportlerinnen fordern Gleichberechtigung

Heute ist der Frauenfußball in Deutschland eine der am schnellsten wachsenden Sportarten. Auch im Rest der Welt gewinnen die Frauenteams immer mehr an Bedeutung. Spätestens nachdem das US-Team unter Torschützin Megan Rapinoe 2019 Weltmeister wird und öffentlich für mehr Lohn kämpft, schenken die Medien den Kickerinnen vermehrt Aufmerksamkeit.

Die Ungleichbehandlung zwischen Männern und Frauen im Sport wird immer lauter kritisiert und hinterfragt. 2017 wird der norwegische Fußballverband Vorreiter und bezahlt als erster Fußballverband seinen Nationalspielerinnen genauso viel Lohn wie seinen Nationalspielern. Um den Ausgleich zu schaffen, verzichten die männlichen Spieler auf einen Teil ihres Gehalts. 2020 machen die Niederlande Schlagzeilen, als sie eine Frau im Amateurfußball in einem Männerteam mitspielen lassen. Es handelt sich um ein Pilotprojekt.

In der Nationalmannschaft der Herren mitspielen - ein Traum, den auch Leah Mayer kennt, auch wenn sie sich bewusst gegen den Profi-Sport entschieden hat. „Ich glaube, viele Mädchen denken gar nicht erst an eine Profi-Karriere im Fußball, weil sie glauben, dass sie nebenbei sowieso noch arbeiten müssen und da ist der Zeitaufwand vielleicht einfach zu groß.“

Fußball von Frauen und Männer: Keine Unterschiede

Wieso der Frauenfußball noch immer im Schatten der Männer steht, begründen Medien und Vereine gerne mit Unterschieden in der Spieldynamik. Laut Sportwissenschaftern ist das Spiel der Damen um ein Drittel langsamer als jenes der Männer. Für Leah bedeutet das aber nicht, dass Frauenfußball automatisch langweiliger sein muss: „Meiner Meinung nach wird im Damenfußball mehr mit Köpfchen gespielt.“ In den letzten Jahren wird die Unterscheidung von Männern und Frauen im Fußball übrigens immer stärker hinterfragt.

Eine Studie der Deutschen Sporthochschule Köln nimmt 2020 die Unterschiede zwischen dem Spielverhalten von Frauen und Männern genauer unter die Lupe. Anhand von Event- und Positionsdaten wird die taktische Leistungsfähigkeit von Frauen und Männern in Europa verglichen. Unter Event-Daten fällt alles, was auf dem Spielfeld passiert - also Einwurf, Gelbe Karte oder Tor. Die Positionsdaten werden ermittelt, in dem alle Spieler:innen und der Ball durch ein optisches Kamera-System 25 Mal pro Sekunde erhoben werden.

Das Ergebnis der Studie: Zwischen Männern und Frauen lassen sich objektiv keine taktischen Leistungsunterschiede feststellen. Spitzenfußballerinnen wie die Norwegerin Ada Hegerberg, Lucy Bronze oder Sam Kerr zeigen, dass Frauen ihren männlichen Kollegen um nichts nachstehen. Hegerberg holt sich 2018 als erste Frau den Ballon d‘Or féminin, das neu eingeführte Pendant zum Ballon d‘Or, der ausschließlich an Männer vergeben wird. Lucy Bronze gewinnt mit Olympique Lyon dreimal die UEFA Women‘s Champions League. Die Australierin Kerr ist mit 48 Treffern die Rekordtorschützin ihres Landes.

Ein langer Weg zur Gleichstellung

Frauenfußball ist weder eine neue Nischensportart ohne Potenzial für ein größeres Publikum, noch gibt es Unterschiede in der spielerischen Leistung von Männern und Frauen. Doch auch wenn in den letzten Jahren viele Hürden im Frauenfußball abgebaut wurden, ist es noch ein langer Weg bis zum tatsächlichen Gleichstand zwischen Männern und Frauen.

Denn erst, wenn das mediale Interesse am Frauenfußball auch abseits von den Gleichberechtigungsbestrebungen der Spielerinnen liegt und die Vereine den Gender Pay Gap endgültig schließen, wird der Überbegriff „Fußball“ für Frauen und Männer gleichermaßen gelten. Für Leah wäre eine Lösung wie in Norwegen denkbar, um die Gehaltsschere zu schließen: „Ich könnte mir vorstellen, dass man die Bezahlung der Herren auf ein ‚normales Gehalt‘ herunterschrauben könnte und den Rest im Ausgleich den Damen bezahlt.“

Für die Zukunft des Frauenfußballs wünscht sich die 23-Jährige, dass durch ein stärkeres Interesse der Öffentlichkeit immer mehr Mädchen den Sport für sich entdecken und auch mehr Zuseher:innen den Damen zujubeln, und zwar auch im Amateurbereich: „Es ist immer schöner und spannender vor den heimischen Zuschauer:innen zu spielen und natürlich auch zu gewinnen.“

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