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Dreister Student will nicht gendern und geht rechtlich gegen die Uni Wien vor

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Von: Christian Kisler

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Montage: Die Universität Wien von außen, eine Tafel, auf der das Wort „Lehrer“ auf unterschiedliche Arten gegendert wird
Ein Dolmetsch-Student der Uni Wien will nicht gendern und setzt sich mit rechtlichen Mitteln zur Wehr. © Sebastian Pucher/EXPA/Uli Deck/dpa/APA-PictureDesk

Ein Wiener Student geht mit rechtlichen Mitteln gegen die Uni Wien vor. Er fühlt sich benachteiligt, weil er in seinem Dolmetsch-Studium nicht gendern will. Die Uni selbst weiß nicht, wo das Problem ist.

Das Leben an der Uni kann sich am Anfang schwer gestalten. Du kennst oft niemanden, du verstehst bei Einführungsvorlesungen nur Bahnhof und musst dir deinen Stundenplan auch noch selbst zusammenstellen. Und dann noch das Benotungssystem, da soll noch jemand durchblicken. Ich weiß nicht, ob es einem bestimmten Wiener Studenten der Transkulturellen Kommunikation, etwa Dolmetsch, auch so gegangen ist. Sicher ist: Er fühlt sich benachteiligt. Warum? Weil er beim Schreiben seiner Arbeiten auf das generische Maskulinum besteht. Das bedeutet, wenn nur die männliche Nennform benutzt wird, aber alle Geschlechtsidentitäten mitgemeint sein sollen.

Student gendert nicht, weil er sich in seiner Meinungsfreiheit eingegrenzt fühlt

Ein Beispiel: „Alle Schüler sind fleißig.“ Das soll in der deutschen Sprache alle, wirklich alle mit einschließen. Tut es aber nicht. Deswegen haben sich bestimmte Möglichkeiten eingebürgert, um alle Menschen sichtbar zu machen, zumindest in bestimmten Medien und im wissenschaftlichen Bereich. Dann wird aus dem Beispielsatz ganz einfach „Alle Schüler:innen sind fleißig.“ Das nennt sich „gendern“, ist gerade bei älteren Menschen Gegenstand heftiger Debatten, stört aber den Lesefluss nicht und schließt niemanden aus. Und viel Aufwand ist es auch nicht.

Oder etwa doch? Besagter Student will nicht gendern, er fühlt sich dadurch in seiner Meinungsfreiheit eingegrenzt. Mehr noch: Er beklagt, wenn er das nicht tut, Punkteabzüge bei seinen Arbeiten zu riskieren. Er sei „ständig mit Lehrveranstaltungsleitern und Prüfern konfrontiert“, die ihm die Verwendung des generischen Maskulinum untersagen wollen und stattdessen gendergerechten Sprache bestehen. Sonst gebe es eben Punkteabzüge. Deswegen gebe es auch Richtlinien und Leitfäden zum geschlechtergerechten Sprachgebrauch.

Der Student geht in die Offensive und engagiert einen Anwalt

Statt aber das Gespräch mit den Lehrkräften zu suchen oder aber die Richtlinien und Leitfäden zu berücksichtigen, geht der Student, der anonym bleiben will, in die Offensive. Er engagiert einen Anwalt und beschließt, den rechtlichen Weg zu gehen. Dazu habe er sich entschieden, „weil durch die Richtlinien der Universität Wien zur ‚Gender-Sprache‘ seine akademische Freiheit und sein Recht auf freie Meinungsäußerung in unangemessener Form beschnitten werden“, verrät uns der ihn vertretende Anwalt Gerald Ganzger. „Gerade an einer Universität sollte die Freiheit der Wissenschaft hochgehalten werden, ohne dass den Studierenden eine ‚politisierte Sprachform‘ vorgeschrieben wird. Jede Person sollte das Recht haben, sich sprachlich frei ausdrücken zu dürfen, ohne Nachteile bei der Leistungsbeurteilung befürchten zu müssen.“

Konkret soll ein Feststellungsantrag eingebracht werden, in dem eine Klarstellung gefordert wird: Nämlich, dass der Dolmetsch-Student in wissenschaftlichen Arbeiten und Prüfungen das generische Maskulinum verwenden darf. Und das, ohne eine schlechtere Benotung fürchten zu müssen. Er will also schwarz auf weiß, dass er nicht gendern muss. „Natürlich hält sich unser Mandant an Vorgaben, wenn es um das Zitieren und Quellenangaben geht“, so Anwalt Ganzger. „Eine ‚Sprachpolizei‘ an der Universität lehnt er aber zu Recht ab.“ Eine konkrete Textpassage in den Uni-Bestimmungen wird im Feststellungsantrag aber nicht genannt.

Von der Uni Wien gibt es keine Vorgaben bezüglich Gendern

Von der Uni Wien kommt eine nüchterne Antwort. Gegenüber der APA erklärt man, dass man sich zu geschlechtergerechtem Sprachgebrauch bekenne und diesen in eigenen Schreiben - intern wie extern - auch anwende. Aber: Der bereits erwähnte Leitfaden „Geschlechtergerechte Sprache“ stelle „keine Vorgabe für das Formulieren in Lehrveranstaltungen und Prüfungen und schriftlichen Arbeiten dar“. Lehrende könnten „im Rahmen ihrer akademischen Expertise entscheiden, ob und - wenn ja - in welcher Form sie geschlechtergerechte Sprache verwenden beziehungsweise vorgeben“. Vorschriften seitens der Uni gibt es dabei keine.

Jetzt kommt jedoch ein weiteres großes „Aber“: „Lehrende können aus fachlichen Gründen und mit Blick auf die Lehr- und Lernziele verlangen, geschlechtergerechte Sprache zu verwenden.“ Allerdings verhält es sich so, dass Puntkteabzüge, wenn nicht gegendert wird, „mit den Inhalten beziehungsweise den Lehr- und Lernzielen der jeweiligen Lehrveranstaltung begründbar sein“ müssen. Und genau darauf beruft sich Klaus Kaindl, Studienprogrammleiter am Zentrum für Translationswissenschaften, wo der genderunwillige Student eingeschrieben ist. Gegenüber dem Online-„Standard“ betont er, dass es zwar keine generelle Verpflichtung zur Verwendung gendergerechter Sprache gebe und auch keine schlechtere Benotung für jene, die sich nicht an die Leitlinie halten. Allerdings könne es aus fachlichen Gründen sein, dass Texte zu Übungszwecken gendergerecht übersetzt werden müssen, zumindest in einzelnen Lehrveranstaltungen. Dann sei das auch relevant für die Note. Denn auch im Alltag kann es sein, dass vom Dolmetsch gewünscht wird, zu gendern.

Der Streit zwischen dem Studenten und der Uni Wien könnte sich ziehen

So schnell wird der Streit zwischen dem namenlosen Studenten und der Universität Wien in Sachen Gendern nicht geschlichtet sein. „Wenn nicht eine Entscheidung innerhalb von sechs Monaten erfolgt, kann eine Säumnisbeschwerde an das zuständige Verwaltungsgericht eingebracht werden“, so Anwalt Ganzger. Eine zähe Angelegenheit also. Ich bin kein Jurist, aber ich schätze, besagter Student hat nicht unbedingt die besten Karten. Dreistigkeit und Hartnäckigkeit kann man ihm aber nicht absprechen.

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