1. BuzzFeed.at
  2. News
  3. Gender

Liebe Medien! Häusliche Gewalt ist kein „Beziehungsdrama“ und auch keine „Tragödie“

Erstellt:

Von: Emily Erhold

Kommentare

Zwei Polizisten sowie ein Rettungsauto stehen vor einem Wohnhaus in Hohenems.
In Hohenems in Vorarlberg wurden eine Frau und ein Mann mit mehreren Schnitt- und Stichverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Beide verstarben kurz darauf. © Mathis Fotografie/APA-PictureDesk

Ein Fall in Hohenems sorgt für Schlagzeilen. In der Berichterstattung über häusliche Gewalt läuft meiner Meinung nach aber so einiges schief. Meine 2Cents dazu:

30 mutmaßliche Frauenmorde gab es laut den Autonomen Österreichischen Frauenhäusern 2021 bereits. Am 16. Dezember kam es wieder zu einem tödlichen Fall von häuslicher Gewalt. Ob es sich hier auch um einen Fall von Femizid handelt, ist noch nicht geklärt. Femizid beschreibt die Tötung oder den Mord an Frauen aufgrund ihres Geschlechts.

Eine 35-jährige Frau und ein 47-jähriger Mann wurden mit schweren Schnitt- beziehungsweise Stichverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert, wo beide kurz darauf verstarben. Was genau passiert ist, soll eine Obduktion klären. Die Polizei geht jedenfalls Berichten zufolge von einem „Beziehungsstreit“ aus und nannte den Mann am Donnerstag „tatverdächtig“. Als wahrscheinlich gelte nach momentanen Ermittlungsstand, dass der Mann die Frau mit einem Messer attackierte und sich dann selbst umbringen wollte. Österreichische Medien griffen die Meldung schnell auf. „Bluttat in Hohenems“ oder „Beziehungsdrama in Hohenems“ war in den Online-Artikeln über den Vorfall zu lesen.

Die Berichterstattung zeigt wieder einmal, wie wichtig es ist, sensibel mit dem Problem häuslicher Gewalt umzugehen. Bitte nennt doch die Gewalt beim Namen!

Häusliche Gewalt ist Gewalt! Punkt!

Die Berichterstattung über Gewalt, vor allem sexualisierte Gewalt, häusliche Gewalt und Femizide finde ich leider oft noch immer viel zu verharmlosend. Auch, wenn es mittlerweile eine größere Sensibilisierung für das Thema gibt als noch vor ein paar Jahren. Trotzdem betiteln Medien die Meldungen zu Morden oder anderen Formen von Gewalt weiterhin mit klingenden Bezeichnungen wie „Beziehungsdrama“, „Familientragödie“ oder „Eifersuchtsdrama“. Doch das echte Leben ist keine Daily Soap.

Grey‘s Anatomy is ein Drama. Gewalt, egal ob unter Fremden oder innerhalb der Familie beziehungsweise Beziehungen, ist kein Drama. Es ist Gewalt. Wieso müssen diese Fälle immer schön umschrieben werden? Eine Tragödie kannst du dir im Theater ansehen. Ein Mord in den eigenen vier Wänden ist und bleibt aber ein Mord und sollte nicht unter dem Begriff „Familientragödie“ verharmlost werden.

Meldungen über häusliche Gewalt werden gerne dramatisiert dargestellt. Das Problem dabei ist, dass diese Art der Berichterstattung die Tat nicht nur herunterspielt, sondern auch dem Opfer gegenüber respektlos ist. Häusliche Gewalt ist eine Form von Gewalt. Punkt!

Das Problem mit dem Wort „Beziehungsstreit“

Streit gibt es in jeder Beziehung. Wenn ein „Beziehungsstreit“ einem Mord oder einer anderen Gewalttat vorausgeht, ist das eine Tatsache. Ob dieser Streit allerdings die Ursache für die Tat war, ist damit noch lange nicht bestätigt. Denn Morde innerhalb der Familie, egal ob es sich nun um Femizide handelt oder nicht, sind meist nur das Ende einer langen Gewaltspirale.

Häusliche Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem und kein Einzelfall. Außerdem ist keine Form von Gewalt zu rechtfertigen. Wer einen Beziehungsstreit als Ursache eines Mordes beschreibt, vermittelt aber eine Mitschuld des Opfers. und rechtfertigt die Tat.

Das Problem mit dem Wort „Beziehungsdrama“

Um das Problem hinter Morden in der Familie oder Beziehung zu bekämpfen, müssen Morde als Morde bezeichnet werden und Femizide als Femizide. „Beziehungsdrama“ klingt vielleicht spannend und sorgt für eine reißerische Überschrift, verharmlost aber, dass hinter häuslicher Gewalt ein größeres Problem steckt. Begriffe wie „Familientragödie“ und „Eifersuchtsdrama“ sind ebenfalls einfach nur Beschönigungen eines Problems, das tief in unserer Gesellschaft verwurzelt ist.

Das Problem mit dem Wort „Bluttat“

Was ist eine Bluttat? Auch dieser ungenaue Begriff nervt mich in der Berichterstattung über Gewalttaten. Ein Mord ist ein Mord. Eine Messerattacke ist eine Messerattacke. Und ich kann mich nur wiederholen: Gewalt ist Gewalt! Laut der Plattform „aufstehn.at“ ist dieser Begriff übrigens ebenfalls verharmlosend. Umgekehrt ist es voyeuristisch und respektlos, einen Mord unnötig detailliert zu beschreiben.

Dabei kann es doch so einfach sein, angebracht über häusliche Gewalt zu berichten. Was ist für den Leser oder die Leserin wichtig zu wissen? Häusliche Gewalt ist immer noch ein Problem in unserer Gesellschaft, das wir bekämpfen müssen! Punkt!

Was wir in Österreich noch vorhaben, um vor allem Frauen besser vor Gewalt zu schützen, könnt ihr übrigens hier nachlesen.

Auch interessant

Kommentare