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„Wollen Sie Kinder?“: Diese heftigen Erfahrungen mussten eine Leserin und ein Leser bei einer Bewerbung machen

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Von: Sophie Marie Unger

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Eine Frau und ein Mann während eines Bewerbungsgesprächs.
Der Bewerbungsprozess und seine genderspezifischen Unterschiede - ein erschreckendes Experiment (Symbolbilder) © Unsplash/BuzzFeed Austria

Zwei Personen bewerben sich mit gleichwertigen Lebensläufen für ein und denselben Job bei einem großen österreichischen Tech-Unternehmen. Der einzige Unterschied: das Geschlecht. Im Experiment machen die beiden echt heftige Erfahrungen, die bestimmt nicht nur als Einzelfall auftreten. Mit uns haben sie darüber gesprochen.

Der Bewerbungsprozess ist kräftezehrend und komplex. Unterschiede gibt es bei Frauen und Männern oft schon vor einem Bewerbungsgespräch, wie etwa der Confidence Gap zeigt. Während eines Interviews geht‘s dann ans Eingemachte. Was unseren Leser:innen in Hinblick auf das Geschlecht passiert ist, ist fast unglaublich.

Wie lief der erste Kontakt mit dem Unternehmen ab? Wie wurdet ihr kontaktiert und in welchem Zeitraum?

Marie: Nachdem ich meine Unterlagen (CV, Bewerbung, Motivationsschreiben) abgeschickt hatte, bekam ich zwei Wochen mal überhaupt keine Antwort. Kein muh, kein mäh. Das finde ich eigentlich immer respektlos - man könnte ja antworten, dass die Bewerbung eingetroffen sei und man sich in den nächsten Tagen melden würde. Schlimmer noch war aber, dass sie sich bei Lukas gleich am nächsten Tag gemeldet haben, obwohl wir die Bewerbung zeitgleich abgeschickt hatten. Nach 15 Tagen haben sie sich dann plötzlich doch noch erbarmt und geschrieben, dass „meine Fähigkeiten mit den gestellten Anforderungen gut übereinstimmen“ und sie mich deshalb aufgrund von Corona zum Online-Bewerbungsgespräch einladen wollen würden. Dieses sollte aber erst in einer Woche stattfinden.

Lukas: Genau, wie Marie richtig sagt, wurde ich bereits am nächsten Tag telefonisch kontaktiert. Eine Frau war überaus euphorisch und erklärte mir, dass das Unternehmen mich gerne näher kennenlernen würde und ich einen „sehr interessanten und außerordentlichen Lebenslauf“ vorzuweisen habe. Man hat mir dann einen persönlichen Termin drei Tage später angeboten. Ich sollte eigentlich nur einen negativen PCR-Test mitbringen - das war‘s.

Wie habt ihr euch auf das Gespräch vorbereitet?

Marie: Wie immer hab ich mich in die Unternehmenskultur eingelesen, recherchierte Daten und Fakten, aber auch Hintergründe. Die klassischen fachlichen Fragen waren mir nach einigen misslungenen Bewerbungsgesprächen ja schon recht bekannt. Technische Details habe ich mir aber nochmals genauer angeschaut und einiges aufgeschrieben.

Lukas: Ich hab mir einen Wikipedia-Artikel durchgelesen und dabei ist mir aufgefallen, dass ich extrem wenig über diesen Bereich weiß. Einige Begriffe googelte ich dann aus privatem Interesse nochmals nach.

Wie verlief das Bewerbungsinterview? Musstet ihr die gleiche Anzahl an Runden absolvieren? Wie wirkte der potenzielle Arbeitergeber auf euch?

Marie: Mit Lukas hatte ich übrigens einen Monat keinen Kontakt, da wir das Ergebnis nicht verfälschen wollten. In meinem Google-Call waren eine Personalerin und zwei Abteilungsleiter mit dabei. Sie waren nicht unbedingt freundlich und auch nicht gerade gesprächig. Im ersten Satz haben sie bereits darauf hingewiesen, dass - sollte ich diese Runde „überstehen“ - noch zwei weitere Runden auf mich warten würden. Danach fokussierten sie sich auf fachliche Fragen und sparten auch nicht mit gemeinen Detailfragen. Ich lag bei den meisten Fragen richtig und fügte sogar noch einiges hinzu. Ihre Reaktionen blieben meist kühl, ich kann mich nicht erinnern, dass jemand zwischendurch gelächelt hätte. Sie wollten auch nicht wissen, welche Erwartungen ich an den Job hatte und verblieben mit: „Wir melden uns in ca. zwei Wochen bei Ihnen.“

Lukas: Bei mir war‘s ganz anders, obwohl wir definitiv dieselbe Jury hatten. Da ich ja persönlich eingeladen wurde, war der erste Kontakt auch lockerer. Wir führten kurz Smalltalk über Corona, bevor ich frei erzählen durfte. Ich plapperte also eher nach, was im Lebenslauf stand, als irgendwelche fachlichen Fragen zu beantworten. Dann fragten sie, wie ich mir den beruflichen Alltag im Unternehmen so vorstelle und welche Gehaltswünsche mir vorschwebten. Ich war ziemlich perplex und stammelte irgendwas von „im Team arbeiten“ und „Projekte realisieren“. Auf die Gehaltsfrage antwortete ich mit einer recht mutigen Ansage. Sie schickten mich sofort in die zweite Runde - dafür sollte ich mir die kommenden Tage freihalten.

Marie, hast du‘s auch in die zweite Runde geschafft? Wie ging‘s weiter?

Marie: Ja, sie gaben mir eineinhalb Wochen später Bescheid, dass ich zu einem weiteren Online-Gespräch eingeladen war. Das verlief ähnlich wie das erste - eine weitere Person war dabei. Die einzige Frage, die sie in dieser Runde zu meiner Person stellten, war, ob ich zukünftig plane, Kinder zu haben. Diese Frage ist an sich sogar verboten. Ich wollte keine Antwort geben und signalisierte, dass die Fragestellung höchst unangebracht war. Das ist mir wirklich noch nie passiert, schockiert hab ich das Experiment an dieser Stelle abgebrochen.

Lukas: Mein Termin fand wieder persönlich statt. Sie fragten mich eigentlich nur, ob ich mich mit fünf Prozent weniger Gehalt zufrieden geben würde und ob ich bereit wäre, auch mal ins Ausland zu gehen. Ich verneinte beides und führte das Experiment ebenfalls nicht weiter.

Fazit

Die beiden waren mehr als schockiert, als sie sich über den Ablauf ihres Bewerbungsprozesses updateten. Auch wenn ein Schluss auf die Allgemeinheit unzulässig ist, gibt es zu viele gravierende Unterschiede, als dass man nicht von Benachteiligung sprechen kann. Allein der abweichende Zeitrahmen, die Wortwahl und die unterschiedlichen Settings - geschweige denn die Frage nach der Familienplanung, all das muss als Diskriminierung gewertet werden. Dass solche Strukturen an Österreichs Arbeitsplätzen noch immer aktiv gelebt werden, ist inakzeptabel. Deshalb muss die Thematik weiter ausgerollt und ähnliche Fälle publik gemacht werden.

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