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Nach dem Tod von Mahsa Amini verbrennen Frauen im Iran ihr Kopftuch und schneiden ihre Haare ab

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Mahsa Amini wurde von der Sittenpolizei im Iran festgenommen und starb Tage später. Die darauf folgenden Proteste wurden zu einer Art Revolution gegen das iranische Regime.

Die Wut über den Tod einer iranischen Frau, die von der Sittenpolizei festgenommen wurde, hat sich zu einer Art Revolution gegen das streng islamistische Regime im Iran ausgeweitet. Die Zusammenstöße zwischen Demonstrant:innen und iranischen Sicherheitskräften werden von Tag zu Tag heftiger. Frauen schneiden sich die Haare und legen ihr Kopftuch in der Öffentlichkeit ab und widersetzen sich damit der strengen Kleiderordnung des Landes.

Am 21. September sollte sich Präsident Ebrahim Raisi in einem Gespräch mit der CNN-Moderatorin Christiane Amanpour Fragen zu den tödlichen Protesten stellen. Laut Amanpour sagte Raisi das Interview jedoch ab, als sie sich weigerte, ein Kopftuch zu tragen.

Raisi, ein konservativer Hardliner, der im Juni 2021 zum Präsidenten gewählt wurde, hielt sich zur UN-Generalversammlung in New York City auf, wo er in einer Rede am Vortag „die Doppelmoral einiger Regierungen in Bezug auf die Menschenrechte“ kritisierte. Für den Abend war ein Interview mit Amanpour geplant, sein erstes auf US-amerikanischem Boden überhaupt, wie die Moderatorin im Internet über Twitter mitteilte.

Frauen protestieren in der Türkei vor dem iranischen Generalkonsulat.
Eine Frau verbrennt ein Kopftuch während eines Protests gegen den Tod von Mahsa Amini vor dem iranischen Generalkonsulat in Istanbul, 21. September 2022. © picture alliance/dpa/AP | Francisco Seco

Iran Proteste: Präsident Ebrahim Raisi sagt Interview mit CNN-Moderatorin ab

Vierzig Minuten nachdem das Interview hätte anfangen sollen, so Amanpour, habe Raisis Berater sie aufgefordert, ein Kopftuch zu tragen, was sie „höflich abgelehnt“ habe. „Der Berater machte deutlich, dass das Interview nicht stattfinden würde, wenn ich kein Kopftuch tragen würde“, schreibt sie auf Twitter. „Er sagte, es sei ‚eine Frage des Respekts‘ und verwies auf ‚die Situation im Iran‘ – eine Anspielung auf die Proteste, die das Land erschüttern.“

Doch die Moderatorin und ihr Team blieben standhaft: „Ich sagte erneut, dass ich dieser unerhörten und unerwarteten Bedingung nicht zustimmen könne. Und so zogen wir von dannen. Das Interview kam nicht zustande. Da die Proteste im Iran weitergehen und Menschen getötet werden, wäre es ein wichtiger Moment gewesen, mit Präsident Raisi zu sprechen.“

Mahsa Amini wurde wegen ihres Kopftuches von der iranischen Sittenpolizei verhaftet

Der Tod von Mahsa Amini, einer 22-jährigen Kurdin, die sich in Teheran im Gewahrsam der Sittenpolizei befand, hatte im Iran Proteste ausgelöst. Amini wurde am 13. September 2022 verhaftet, weil sie ein „unpassendes Kopftuch“ trug und enge Hosen anhatte, sagte der Polizeichef von Teheran, Brigadegeneral Hossein Rahimi. Nach den Gesetzen, die nach der islamischen Revolution in den 70er-Jahren erlassen wurden, sind Frauen im Iran verpflichtet, ihr Haar vollständig zu bedecken und weite Kleidung zu tragen, die ihren Körper verdeckt.

Kurdische Frauen protestieren in Beirut gegen den Tod von Mahsa Amini.
Kurdische Aktivistinnen halten Porträts von Mahsa Amini während einer Demonstration gegen ihren Tod auf dem Märtyrerplatz in der Innenstadt von Beirut am 21. September 2022. © picture alliance/dpa | Marwan Naamani

Auch in Afghanistan müssen sich Frauen nach der Rückkehr der Taliban voll verschleiern – auch TV-Journalistinnen.

Iranische Behörden behaupten, Mahsa Amini sei an einem Herzinfarkt gestorben

Die Behörden im Iran behaupten, Amini habe in der Haft einen Herzinfarkt erlitten, sei ins Koma gefallen und schließlich gestorben.
Diese Darstellung wird jedoch weitgehend zurückgewiesen, auch von Mahsa Aminis Familie, die angibt, Amini habe keine gesundheitlichen Probleme gehabt. Ihr Vater, Amjad Amini, sagt gegenüber BBC Persian, er habe Prellungen an ihren Beinen gesehen, aber man habe ihm nicht erlaubt, ihren Hinterkopf zu sehen, bevor sie beerdigt wurde.
Brigadegeneral Hossein Rahimi bestritt, dass die junge Frau von der Polizei geschlagen worden war, und nannte die Anschuldigungen „feige“, wie Al-Jazeera berichtete.

Iran: Grund für Proteste ist die Beerdigung von Mahsa Amini

Nach der Beerdigung Aminis am 17. September kam es in Aminis Heimatstadt Saqez zu Protesten. Diese breiteten sich schnell über das ganze Land aus, wurden immer größer und weitreichender, während immer mehr Demonstrant:innen den Sturz des Regimes, ja eine Art Revolution fordern. Videos zeigen Frauen, die sich bewaffneten Beamten entgegenstellen, ihr Kopftuch verbrennen und sich die Haare abschneiden.

BBC Journalist Shayan Sardarizadeh berichtete bereits am 17. September von den beginnenden Protesten: „Die 22-jährige Mahsa Amini, die im Gewahrsam der iranischen Sittenpolizei wegen des Kopftuch-Zwangs starb, wurde heute in ihrer Heimatstadt Saqqez in der Provinz Kurdistan beigesetzt. Ihre Beerdigung wurde zu einem Schauplatz großer Proteste, gegen die die Sicherheitskräfte gewaltsam vorgingen.“

Er twittert weiter: „Bei der Beerdigung von Mahsa Amini in ihrer Heimatstadt Saqqez in der Provinz Kurdistan nehmen Frauen aus Protest gegen das iranische Kopftuch-Gesetz ihre Kopftücher ab und schreien ‚Tod dem Diktator‘. Mahsa, 22, starb in Haft, nachdem sie von der Sittenpolizei verhaftet worden war.“

„Ein Mädchen schneidet sich während der heutigen Proteste in Zahedan mit der Parole ‚Tod dem Diktator‘ die Haare.“, schreibt ein User und teilt ein Video der Proteste.

„Flagge von Mazeni ✌️👏 Sari, 29. September; Verbrennung des Kopftuchs!“, twittert der iranische Journalist Pouria Zeraati.

Die iranische Aktivistin Masih Alinejad schreibt auf Twitter: „Nach 40 Jahren der Unterdrückung sagen iranische Frauen #No2Hijab. Keine Unterdrückung mehr. Die Menge ist voll von Männern, die die Frauen im Iran unterstützen. Die Ermordung von #MahsaAmini war ein Weckruf für die Iraner und sie brauchen die internationale Unterstützung. Bitte unterstützt die Iraner:innen. Sagt ihren Namen #مهسا_امینی“

Journalist schildert Polizeigewalt bei Protesten im Iran – „kein Ende in Sicht“

BBC Journalist Shayan Sardarizadeh berichtet vom fünften Tag der Proteste: „In Mashhad schlägt ein Beamter in Zivil Demonstrantinnen am Straßenrand mit einem Schlagstock, während eine Frau versucht, eine andere zu schützen, indem sie sich vor sie stellt. Dies ist der fünfte Tag der Proteste im Iran wegen des Todes von #MahsaAmini in Polizeigewahrsam.“

Auch am sechsten Tag der Unruhen ist kein Ende in Sicht: „Videos vom sechsten Tag der Proteste im Iran wegen des Todes von #MahsaAmini werden trotz des langsamen Internets immer mehr. In Gonbad Kavous in der Provinz Golestan verbrennen Frauen ihre Kopftücher in einem Lagerfeuer, während die Demonstrant:innen ‚Habt keine Angst, wir sind alle zusammen‘ rufen.“

Der iranische Blogger Kianoosh Sanjari twittert: „Gerade in Teheran: ‚Tod dem Diktator‘
Das Kopftuch wird abgenommen.“

Iran-Proteste: Mehrere Tote und abgeschaltetes Internet

Es gibt keine offiziellen Angaben darüber, wie viele Menschen bei den Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften in der vergangenen Woche getötet wurden. Associated Press berichtete, dass mindestens neun Menschen ums Leben gekommen sind. Iran Human Rights, eine in Oslo ansässige NGO (Nichtregierungsorganisation), gab an, dass 31 Zivilpersonen getötet wurden.

Auch die Mobilfunknetze wurden abgeschaltet und der Zugang zu Instagram und WhatsApp wurde vom Regime im Iran eingeschränkt. Netblocks, das die Netzbeschränkungen verfolgt, erklärte, der Iran erlebe die „schwersten Internetrestriktionen“ seit den tödlichen Protesten im November 2019, die durch eine Benzinpreiskrise ausgelöst wurden.

Der Iran wird international für den Tod Aminis und das gewaltsame Vorgehen gegen die Demonstranten verurteilt. Menschen demonstrierten vor iranischen Konsulaten und Botschaften in Städten auf der ganzen Welt. Am 22. September kündigten die USA Sanktionen gegen die Sittenpolizei des Landes an, „wegen Missbrauchs und Gewalt gegen iranische Frauen und der Verletzung der Rechte friedlicher iranischer Demonstrant:innen“.

Demonstant:innen versammeln sich vor dem iranischen Konsulat in München.
Auch in Deutschland gehen Menschen für Mahsa Amini auf die Straße: Demonstrant:innen versammeln sich vor dem iranischen Konsulat in München, 22. September 2022. © ZUMA Wire/IMAGO

Frauen werden im Iran seit Jahrzehnten misshandelt

Bereits in der Vergangenheit nahm die iranische Regierung Menschen ins Visier, die sich der Kopftuchpflicht widersetzten und gegen die Behandlung von Frauen im öffentlichen Raum protestierten. Doch in den vergangenen Monaten haben die Behörden ihre Durchsetzung der Kleiderordnung für Frauen ausgeweitet und Frauen, die ihrer Meinung nach einen „lockeren Hijab“ tragen, verhaftet und körperlich misshandelt, so das UN-Menschenrechtsbüro.

Das Büro erklärte, es habe Videos verifiziert, die zeigen, wie die Behörden Frauen ohrfeigen, mit Schlagstöcken verprügeln und in Polizeifahrzeuge werfen, weil sie ihr Kopftuch nicht richtig tragen. Eine iranische Frau, von der BBC Sara genannt, sagt, die systematische Unterdrückung von Frauen im öffentlichen Raum könne nicht länger hingenommen werden.

„Im Iran gibt es keine Freiheit. Wenn ich zum Beispiel als Solosängerin singen möchte, dann darf ich das nicht. Wenn ich als Solotänzerin tanzen möchte, dann darf ich das nicht“, sagt sie. „Die Hälfte aller Berufe kann ich aufgrund meines Geschlechts und der islamischen Regeln, die in unserem Land gelten, nicht ausüben. Es gibt keine Freiheit für uns.“

Auch in Kabul (Afghanistan) protestierte diese junge Frau gegen die frauenverachtende Politik der Taliban und musste 27 Tage in Haft.

Autorin ist Clarissa Jan-Lim. Der Artikel erschien am 22. September 2022 auf buzzfeednews.com. Aus dem Englischen übersetzt von Friederike Hilz.

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