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Queere Menschen werden in den USA an den Rand der Gesellschaft gedrängt: „Als wären wir eine Art Virus“

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Von: Sophie Marie Unger

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Mitarbeiter des National Park Service bringen Regenbogenflaggen an einem Zaun in New York an.
Mitarbeiter des National Park Service bringen 2019 Regenbogenflaggen an einem Zaun am Stonewall National Monument in New York an. © Craig Ruttle/dpa

In den USA sehen sich queere Menschen zunehmend an den Rand gedrängt. Gesetze verbieten etwa in Florida LGBTQ-Themen in Grundschulen. Einige wandern deshalb sogar aus.

Wie eine Schockwelle schlug die Nachricht in der amerikanischen LGBTQIA+-Community ein: Der Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, hat trotz massiver Widerstände vonseiten vieler Eltern, Tausender queerer Schüler:innen und Disney World-Mitarbeiter:innen im Streik ein Gesetz namens „Parental Rights in Education“ unterzeichnet, welches damit zum Juli 2022 rechtskräftig wird.

Die finale Unterzeichnung des Gesetzes ist der bisherige Höhepunkt des amerikanischen Kulturkampfes zwischen konservativen Republikanern und liberalen Demokraten. Als Schlachtfeld haben die US-Hardliner dabei die amerikanischen Schulen und Universitäten auserkoren. Abseits von landesweiten, dank Präsident Biden eher queerfreundlichen Gesetzen, dürfen hier die einzelnen Bundesstaaten frei entscheiden, welche Regeln sie einführen. Und das geschieht auch, wie jetzt im Fall von Florida - künftig wird es unter Strafandrohung verboten sein, in den Grundschulen über das Thema LGBTQIA+ auch nur zu reden, sei es im Unterricht selbst oder beispielsweise auch, wenn Schüler:innen über ihre queeren Eltern erzählen wollen.

Verbote in Florida: Keine LGBTQIA-Themen in Grundschulen

Verstoßen Lehrer:innen gegen die neuen Richtlinien, drohen ihnen Bußgelder von 10.000 US-Dollar. Eltern haben künftig die Möglichkeit, die Lehrer:innen direkt zu verklagen, wenn sie der Auffassung sind, dass diese einen „unangebrachten“ Stoff vermittelt haben. Der Gesetzestext ist dabei so schwammig formuliert, dass er viel Platz für persönliche Interpretationen lässt. Zudem sollen auch „unangebrachte Bücher“ mit queeren Inhalten aus den Schulbibliotheken verschwinden. Umgangssprachlich wird das Gesetz in den USA deswegen sarkastisch auch „Don´t Say Gay“ genannt.

Das Pikante – Florida wird wohl nicht der einzige Bundestaat in den USA bleiben, der queere Lebensweisen von den Schulen verbannen wird. Mehr als ein Dutzend weiterer Bundesstaaten planen aktuell ganz ähnlich Gesetze – teilweise mit absurden Auswucherungen. In Oklahoma beispielsweise soll ein geplantes Gesetz allen Jungen auch in ihrer Freizeit verbieten, sich mit „lesbischen, schwulen, bisexuellen oder transsexuellen Themen oder Sexualisierung im Allgemeinen“ zu beschäftigen.

Deutsch-Amerikaner zieht mit Partner und Kindern nach Deutschland um

Einer, der deswegen jetzt ganz persönliche Konsequenzen ziehen wird, ist der Deutsch-Amerikaner Gregory Mitchum (38). Der IT-Spezialist arbeitet für ein Hamburger Unternehmen und lebt abwechselnd in der Hansestadt und in Miami. Nach den jüngsten Entwicklungen will er mit seinem Ehemann Paul und ihren zwei gemeinsamen Kindern Tim und Sarah ganz nach Deutschland ziehen. „Das ist wirklich ein schwieriger und großer Schritt für mich und noch mehr für uns alle. Unsere beiden Kinder können zwar glücklicherweise ein wenig Deutsch, aber mit Sicherheit wird das eine enorme Umstellung für sie. Aber auf der anderen Seite haben mein Mann und ich extrem große Angst davor, dass sich die Lage in den USA immer weiter radikalisieren wird“, so Gregory.

Sein Ehemann Paul arbeitet als Autor und kann ortsungebunden seinem Beruf nachkommen – trotzdem verlassen beide ihren Freundeskreis. „Das ist natürlich sehr traurig, wenn man die Freunde und die Familie in den USA dann nur noch ein- oder zweimal im Jahr sieht. Aber sie haben alle Verständnis dafür, dass wir unsere Kinder nicht in diesem bigotten Staat aufwachsen lassen wollen“, so Gregory weiter.

Mit Blick auf die Begründungen, die den einzelnen Gesetzesentwürfen mit Bezug auf die queere Community zugrunde liegen, eine mehr als verständliche Kritik. In den meisten Gesetzesvorhaben ist zu lesen, dass künftig Informationen zu „homosexuellen oder queeren Handlungen oder Lebensweisen“ sowie Themen zu „Vielfalt, Gleichberechtigung und gleichgeschlechtliche Ehe“ zu untersagen seien, denn diese würden die Schüler:innen nur „indoktrinieren“.

„Ich hätte das alles nicht für möglich gehalten, was gerade in meiner Heimat passiert. Waren wir nicht einmal das Land der Mutigen und Freien? Ich bemerke davon nichts mehr. Wenn ich Kollegen in Hamburg davon erzähle, schauen sie mich meistens nur ungläubig an, als käme ich aus einer Diktatur oder einem homophoben Hotspot wie dem Nahen Osten, aber doch nicht aus Amerika, der angeblich mächtigsten Demokratie der Welt. Das ist alles so absurd!“, Gregory hält kurz inne, bevor er weitersprechen kann. „Wer sagt uns denn, dass es nicht noch schlimmer wird, so wie in Texas? Müssten wir dann auch über Nacht unsere Sachen zusammenpacken und flüchten?“

Texanischer Gouverneur leitet Verfahren gegen Eltern ein, die transsexuellen Kindern eine Behandlung zur Geschlechtsanpassung möglich machten

Gregory spielt dabei auf einen besonders dreisten Fall von queerphoben Verhalten an – der texanische Gouverneur Greg Abbott setzt die Behandlung von transsexuellen Jugendlichen mit Kindesmissbrauch gleich und beauftragte das Familienministerium, Ermittlungsverfahren gegen all jene Eltern einzuleiten, die ihren transsexuellen Kindern eine Behandlung zur Geschlechtsanpassung möglich gemacht hatten. Es dauerte rund drei Wochen, bevor ein Gericht per Eilverfahren vorläufig die Hetzjagd aussetzte – einige Dutzend Eltern hatten da bereits fluchtartig den Bundesstaat mit ihren Kindern verlassen. Wie die Sache ausgehen wird, ist noch offen und beschäftigt aktuell die texanischen Gerichte.

„Zum einen verstehe ich nicht, wie erwachsene Menschen mit allen Möglichkeiten an Bildung und Informationsgewinn Angst davor haben, dass queere Themen an Schulen oder homosexuelle Menschen ihre Kinder irgendwie auch schwul, lesbisch oder transsexuell machen könnten. Als wären wir eine Art Virus, den man sich ganz schnell einfangen kann. Und zum anderen begreife ich auch nicht, warum so viele meiner Mitbürger nicht sehen, dass diese gesamte homophobe Ideologie nur darauf abzielt, konservative Wählerstimmen zu bündeln. Die LGBTQIA+-Community ist einfach der perfekte Sündenbock“, so Gregory weiter.

Der schwule IT-Spezialist hat dabei abermals Gouverneur Ron DeSantis im Blick – der Republikaner gilt als heißer Anwärter für die Präsidentschaftswahlen 2024. So verwundert es auch nicht, dass er bei der Unterzeichnung von „Don´t Say Gay“ erklärte, dass das neue Gesetz als Teil des Kampfes gegen die „woke Gender-Ideologie“ zu verstehen sei. Der Feldzug um die Macht im Weißen Haus hat dabei gerade erst begonnen: Insgesamt wurden in den ersten drei Monaten dieses Jahres bereits 238 Gesetzesentwürfe gegen LGBTQIA+-Menschen bundesweit eingereicht. Die Zahlen basieren auf einer aktuellen Analyse der American Civil Liberties Union (ACLU) sowie der Organisation Freedom for All Americans in Zusammenarbeit mit NBC News.

„Natürlich werden nicht alle diese Vorhaben wirklich umgesetzt. Manch ein mutiger Gouverneur stemmt sich gegen die eigenen Parteikollegen, wie jüngst in Utah – und wird dann trotzdem überstimmt. Aber spielt es am Ende eine Rolle, ob jetzt 30, 40 oder 60 Prozent dieser Gesetze umgesetzt werden? Was sie schon jetzt erreicht haben, ist doch, dass der Hass und die Gewalt gegenüber queeren Menschen stark gesellschaftsfähig geworden sind und die Suizidraten unter LGBTQIA+-Jugendlichen explodieren. Ich will nicht mehr in einem Land leben, indem ich per Gesetz je nach Auslegung über Nacht zum kriminellen Pädophilen umdefiniert werde. In einem Land, in dem meine Kinder Scham fühlen müssen, nur weil sie zwei schwule Väter haben. Klingt es nicht absurd, dass eine amerikanische Familie wie unsere nach Deutschland immigriert, weil sie sich in den USA nicht mehr sicher fühlt?“

Autor: JHM Schmucker

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