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Männer bewerben sich eher für eine Beförderung als Frauen - ist der Confidence Gap schuld?

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Von: Sophie Marie Unger

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Ein selbstbewusster Mann und eine an sich zweifelnde Frau
Frauen haben ein geringeres Selbstbewusstsein als Männer - woher kommt das? (Fotomontage) © APA Picturedesk/BuzzFeed

Bewerbungsprozesse sind an sich schon komplex. Doch auch hier gibt es deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Was das mit dem Confidence Gap zu tun hat und welche Faktoren sonst noch so reinspielen, erfährst du hier.

Seit rund 10 Jahren bewerbe ich mich relativ regelmäßig für diverse Jobs und da ist es mir nicht selten passiert, dass ich bei Anforderungen wie „langjährige Erfahrung in der Videoproduktion“ ins Grübeln kam. Okay, ich hatte ca. drei Jahre mit Schnittprogrammen zu tun, aber ist das schon langjährig?

Hmm... vermutlich suchen die eher jemanden, der wirklich schon seit fünf, sechs Jahren dabei ist und regelmäßig filmt. In der Kameraführung bin ich eher weniger gut, ich mein, ich bin bereit es zu lernen, aber ... lieber nicht. Danach klicke ich die Stellenausschreibung auch schon wieder weg und bewerbe mich erst, wenn ich sicher bin, allen Anforderungen gerecht zu werden. Kennst? Dann liegt das möglicherweise am Confidence Gap.

Was ist der Confidence Gap?

Der „Confidence Gap“ beschreibt die Geschlechterunterschiede in Sachen Selbstbewusstsein. Frauen haben aufgrund ihrer Sozialisierung und der jahrzehntelangen patriarchalen Strukturen - die noch immer nicht beseitigt sind - ein geringeres Selbstbewusstsein. Das bestätigt etwa die US-Studie „Self-Esteem Gender Gap More Pronounced in Western Countries“, welche rund eine Million Frauen und Männer in zahlreichen Ländern der Welt hinsichtlich ihres Selbstbewusstseins befragte. Dabei zeigte sich, dass in ALLEN Ländern Männer selbstbewusster durchs Leben gehen als Frauen. Zudem sticht heraus, dass in westlichen Ländern die Unterschiede sogar noch drastischer sind als in ärmeren Ländern.

Gesellschaftlich wird nämlich noch immer reproduziert, dass Dominanz „männlich“ sei und sich Mädchen und Frauen anzupassen haben. Und das schlägt sich natürlich auch auf Berufsebene nieder. Doch wie genau sieht das aus?

Männer bewerben sich eher als Frauen

Ein interner Report des PC- und Druckherstellers Hewlett-Packard (HP) zeigte bspw., dass sich sich männliche Mitarbeiter eher für eine Beförderung bewerben. Das machen sie schon dann, wenn sie 60 Prozent der Anforderungen erfüllen – Frauen mehrheitlich erst, sobald sich alle Qualifikationen mit den gestellten Anforderungen decken. Natürlich ist dieser Report nicht allgemein repräsentativ, trotzdem zeichnet sich eine klare Tendenz ab.

Mit den Gründen, warum das so ist, beschäftigte sich der neue „Gender Insights Report“ der Business-Plattform LinkedIn. Darin wurde ganz klar nachgewiesen, dass bei Frauen die Sorge besteht, vermeintlich geringere Chancen zu haben, wenn sie nicht alle Anforderungen des Jobprofils erfüllen. Zudem führten zahlreiche Frauen an, dass sie die Zeit der Recruiter:innen nicht verschwenden wollen. Dies ist natürlich erschreckend, denn es zeigt, dass wir auch im Jahr 2022 noch immer nicht frei von internalisierten Sexismen sind.

Frauen haben keinen Grund, unsicher zu sein

Natürlich liegt es nicht an unzureichenden Fähigkeiten der Frauen. Das bestätigt auch eine Studie der Cornell Universität. Die Mehrheit der untersuchten 5.000 Männer überschätze ihre Fähigkeiten und ihre Leistung, während der Großteil der 5.000 teilnehmenden Frauen beides unterschätze, hieß es. Obwohl viele der befragten Frauen mehrere Sprachen sprechen und mehrere Abschlüsse an Hochschulen vorweisen konnten, lautete ihre Antwort auf die Frage, warum sie ihre Position ergattern konnte, oft wie folgt: „Ich hatte einfach Glück und war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Das ist in den meisten Fällen einfach wirklich eine falsche Bescheidenheit.

Auch andere Faktoren spielen eine Rolle

Natürlich ist geringes Selbstbewusstsein der Frauen ein wichtiger Einflussfaktor. Doch auch andere Faktoren, die wir euch nicht vorbehalten wollen, tragen zu solchen drastischen Unterschieden bei. Der LinkedIn Studie zufolge sind Frauen bspw. auch wählerischer und vorausschauender, wenn es um ein Jobangebot geht. Sie gehen auf ihre eigenen Bedürfnisse schon vorab ein und wägen schon im Vorhinein ab, welche Belastungen durch den neuen Job eventuell auf sie zukommen können - Männer machen dies nicht in demselben Ausmaß.

Zudem liegt es auch am Bewerbungsprozess an sich. Eine McKinsey-Studie fand zum Beispiel heraus, dass Männer oft aufgrund ihres Potenzials befördert oder angestellt werden, Frauen häufiger aufgrund ihrer Berufserfahrung und der Stationen in ihrem Lebenslauf. Statt dem Selbstbewusstsein ist hier also eher die eigene Erfahrung und die Einschätzung während des Bewerbungsprozesses Schuld. 

Man muss nicht 100 Prozent der Anforderungen erfüllen

Egal ob Mann oder Frau - man muss natürlich nicht allen Anforderungen nachkommen. Das ist sogar nicht förderlich. Denn der Job, der sich eventuell ein bissl zu groß für euch anhört, wird wahrscheinlich genau der richtige sein. Wenn dich ein Job so richtig erfüllen soll, dann ist es vermutlich jener, der dich fordert und an dem du noch wachsen kannst. Alles andere wäre ja zugegebenermaßen ziemlich fad.

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