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„Wir sind so viel mehr als Schubladen“: Non-binäre Österreicher:innen sprechen über ihren Alltag

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Von: Emily Erhold

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Bildmontage: Frau beim Einkaufen von Kleidung und Toiletten-Schilder.
Die Toiletten im Restaurant oder die Abteilungen in Kleidergeschäften: Alltägliche Hürden für non-binäre Menschen. © Levine-Roberts/Imago/Ernst Weingartner/Weingartner-Foto/APA-PictureDesk

Die Toiletten im Restaurant oder die Abteilungen in Kleidergeschäften: Österreich ist oft in männlich und weiblich aufgeteilt. Menschen, die sich mit diesen beiden Geschlechtern nicht identifizieren können, treffen im Alltag auf viele Hürden.

Wir haben mit non-binären Personen darüber gesprochen, was ihnen das Leben in Österreich besonders schwer macht.

Die Pronomen-Frage

Der blaue Strampler ist für Buben, der pinke für Mädchen. Richtig? Und die Nichte bekommt zum Geburtstag eine Barbie, ihr Bruder das Spielzeug-Auto. So einfach ist es, oder? Wir Menschen denken gerne in Schubladen. Der rosa Rasierer kommt in die weibliche Schublade, der blaue in die männliche. Das Ganze wird dann noch absurder, wenn es um Charaktereigenschaften geht. Frauen seien emotional, Männer wiederum aggressiv. Dabei gibt es nicht nur zwei Schubladen, sondern ganz viele. Immer mehr Menschen identifizieren sich als non-binär. Charlie studiert in Graz und gehört zu ihnen. Charlie fühlt sich keinem der binären Geschlechter, also männlich oder weiblich, zugehörig. Wie viele non-binäre oder non-binary Menschen in Österreich leben ist schwer zu sagen, denn derzeit gibt es noch keine eindeutigen Zahlen dafür.

Dass nichtbinäre Geschlechtsidentitäten in Österreich noch immer ein Rand-Thema sind, hat Charlie auf der Suche nach den richtigen Pronomen bemerkt. Genderneutrale Pronomen, wie sie es im Englischen mit „they“ und „them“ gibt, sind in der deutschen Sprache noch lange nicht im Mainstream angekommen. „Anfangs war es für mich sehr schwer, weil ich keine für mich passende deutsche Übersetzung zu they/them gefunden habe. Ich bin mir ziemlich sicher: Hätte ich nicht die Englisch-Kenntnisse, die ich habe, wäre ich nie zu dem Schluss gekommen, dass ich tatsächlich nicht-binär bin“, erklärt Charlie.

Mittlerweile hat Charlie die passenden Pronomen gefunden: „Ich habe viel herumexperimentiert mit meinen Pronomen. Das konnte ich vor allem online in englischsprachigen Safe Spaces. Irgendwann habe ich gelernt, dass ein binäres Pronom wie „er“ nicht unbedingt heißen muss, dass ich mich als Mann identifiziere. Im Deutschen verwende ich deswegen jetzt entweder gar keine oder männliche Pronomen.“ In diesem Text verwenden wir zur besseren Verständlichkeit daher die Bezeichnung er* und ihm*, wenn es um Charlie geht.

Vor allem jüngere Menschen haben die Geschlechtsidentität und Pronomen von Charlie akzeptiert. „Für Leute, die damit überhaupt nichts am Hut haben, ist es aber natürlich schwer“, zeigt er* sich verständlich. Immer wieder hat der* Steirer* mit Anfeindungen zu kämpfen. „Ich höre sehr oft, dass ich einfach verwirrt sei, dass ich einfach einem Trend folgen und mir das einbilden würde“, berichtet Charlie. „Das sind schmerzhafte Kommentare, die einen Nachdruck hinterlassen und mich oft zum Hinterfragen gebracht haben. Aber mittlerweile kann ich trotzdem offen sagen, dass ich nicht-binär bin.“

Deadnaming und Misgendern

Auch Bread ist non-binär, verwendet auf Englisch die Pronomen they/them und auf Deutsch er/ihm. Er* kommt aus dem Bezirk Leoben und geht noch ins Gymnasium. Während Breads Freund:innen gut mit seiner* Geschlechtsidentität umgehen, wird Bread von Lehrer:innen und anderen Mitschüler:innen oft noch gedeadnamed. Deadnaming bedeutet, eine Person, die einen anderen Vornamen angenommen hat, weiterhin mit dem alten Namen anzusprechen. Für non-binäre, aber auch für trans Personen, ist das belastend und kann negative Gefühle auslösen. Deadnaming passiert natürlich nicht immer aus böser Absicht. „Ich habe mich erst vor Kurzem bei meiner Mutter geoutet. Sie hat es auch relativ gut aufgenommen, trotzdem hat sie oft noch Probleme, mich zu deadnamen“, erklärt Bread.

Bread wird in der Schule nicht nur häufig mit dem falschen Namen angesprochen, sondern auch noch immer dem falschen Geschlecht zugeordnet und mit dem falschen Pronomen angesprochen. Meistens ignoriert er* es: „Ich finde es mühsam, sie ständig korrigieren zu müssen, weil sie es sich nicht merken oder es leider einfach ignorieren. Die Leute, die mich misgendern sind meist alle straight und cisgeschlechtlich und nicht wirklich über LGBTQ+-Themen informiert.“ Cisgeschlechtlich sind all jene Personen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugeschriebenen biologischen Geschlecht übereinstimmt.

Schubladen-Denken

Das ist aber eben nicht immer der Fall. „Ich finde es ziemlich whack, dass ständig davon ausgegangen wird, dass jemand cis ist“, erklärt Bread. Auch für Charlie bedeutet dieses Schubalden-Denken der Menschen, dass er* sich stets erklären muss: „Anfangs war es sehr mühsam und sehr bedrückend immer explizit nennen zu müssen, wie ich mich identifiziere und was das für mich bedeutet.“ Doch es gibt nicht nur sprachliche Hürden für non-binäre Menschen.

Schon der Gang auf die Toilette oder ein Shopping-Ausflug macht den Menschen bewusst, dass es für sie in Österreich oft noch keinen Platz gibt. „Toiletten sind für mich ganz schlimm, weil ich mich eher als androgyn/maskulin präsentiere, aber meist Frauen-Toiletten benutze. Da werde ich oft komisch angeschaut oder muss mir dumme Kommentare anhören“, erzählt Bread.

Dass es sich in Österreich zumindest dahingehend etwas tut, beobachtet Charlie im Studium: „Auf der Uni Graz gibt es mittlerweile eine genderneutrale Toilette. Das mag cis-Personen nicht wichtig erscheinen, aber für mich persönlich war das ein großer Fortschritt, weil ich dadurch nicht gezwungen bin, mich über irgendeine Geschlechterrolle zu identifizieren oder zu definieren.“ Für Charlie ist aber auch der Kleiderkauf ein Problem: „In dem Moment, wo man einen Laden betritt, wird man mit der männlichen oder der weiblichen Abteilung bombardiert. Obwohl Kleidung doch gar kein Geschlecht hat.“

Nachfragen ist erwünscht

Sowohl Bread als auch Charlie wünschen sich, dass die Menschen ihnen offener gegenüber treten. „Ich habe oft das Gefühl, dass Österreicher:innen nicht so gut mit Dingen umgehen können, die sie nicht kennen. Deshalb finde ich es sehr wichtig, dass meine heterosexuellen und Cisgender-Freund:innen oder Familienmitglieder mich immer fragen, wenn sie etwas nicht wissen“, erklärt Bread.

Charlie sieht das ähnlich: „Ich hab nicht unbedingt das Bedürfnis, mein Geschlecht zu diskutieren, weil ich persönlich der Meinung bin, das Geschlecht eines jeden Menschen sollte etwas ganz Normales sein. Das einzige, was von Bedeutung sein sollte, ist, dass der Mensch sich damit wohlfühlt. Deswegen würde ich mir von den Menschen allgemeine Offenheit und Bereitschaft wünschen, eventuell dazuzulernen. Wenn es wirklich das Interesse gibt, sollten sie nachfragen und ansonsten nicht unbedingt das Bedürfnis haben, mich sofort in irgendwelche Schubladen einzuteilen. Wir Menschen sind so viel mehr als Schubladen und Binäritäten“

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