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„TikToxic“: TikTokerin zeigt, dass Frauenhass auf Social Media weit über Andrew Tate hinausgeht

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Von: Jana Stäbener

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Tara-Louise Wittwer von @wastarasagt macht auf misogyne Inhalte auf TikTok und Instagram aufmerksam.
Tara-Louise Wittwer (rechts) erklärt auf ihren Social-Media-Kanälen, warum es internalisierter Frauenhass ist, wenn Männer Frauen als „nervig“ und „temperamentvoll“ bezeichnen. © Screenshots @wastarasagt

TikTokerin Tara-Louise Wittwer nervt die Debatte um Andrew Tate. Mit ihrem Format „TikToxic“ zeigt sie, dass Frauenhass viel tiefer sitzt, als wir denken.

Der TikToker Andrew Tate steht gerade im Zentrum der Aufmerksamkeit. Kein Wunder, denn Andrew Tate wurde in den vergangenen Tagen nicht nur von Facebook und Instagram gesperrt, sondern auch von Twitter verbannt, weil er regelmäßig frauenverachtende, homophobe und rassistische Inhalte auf seinen Kanälen veröffentlichte. In einem Interview mit dem Podcast BFFs spricht er beispielsweise darüber, dass er in einer Gefahrensituation lieber einen Piloten hätte, als eine Pilotin. Warum? Weil Frauen „emotionaler“ seien und ein Mann in der Situation ruhiger bleiben könnte.

Außerdem gehöre eine Frau ihrem Freund oder Mann und hätte sie Einnahmen über „OnlyFans“, wie beispielsweise das „Puppy Girl“ Jenna, die dort Welpe spielt, so stände dem Mann ein Teil dieser Einnahmen zu (siehe Video unten). Schaut man sich das Video von Andrew Tate an, so kann man fast nicht fassen, dass er in der Öffentlichkeit wirklich solche Dinge sagt. Genau das ist der Punkt, findet Tara-Louise Wittwer vom Instagram-Kanal @wastarasagt. Die Autorin erklärt BuzzFeed News DE, warum sich beim Thema Frauenhass nicht alles nur um Andrew Tate drehen sollte.

Triggerwarnung: In diesem TikTok Video spricht Andrew Tate, von dem auf Social Media nur noch Reposts anderer Accounts auffindbar sind, davon, warum junge Frauen attraktiver als ältere sind.

Andrew Tate: Auf Instagram zeigt @wastarasagt „das gesamte Spektrum an Frauenhass“

„Ich verstehe nicht, warum sich im Moment alles nur um Andrew Tate dreht. Man merkt doch genau, dass der das alles nur macht, um Klicks zu kriegen“, so Wittwer gegenüber BuzzFeed News DE. Andrew Tate sage eben, was viele andere Männer auch sagen und auf Social Media verbreiten: Frauen wollen nur Geld, Frauen sind Männern untergeordnet, Frauen kennen ihren Platz nicht mehr (denn der ist in der Familie und Küche). „Das ist kein Trend, sondern internalisierte Misogynie“, so die 32-Jährige.

Wittwer ist studierte Kulturwissenschaftlerin und beschäftigt sich schon seit Jahren mit toxischen Beziehungen und Geschlechterrollen, die Frauen und Männern von der Gesellschaft aufgezwungen werden. Auf ihrem Instagram und TikTok @wastarasagt macht sie darauf aufmerksam, dass nicht nur Andrew Tate ein Problem ist. Nein: Misogynie gibt es auch in Deutschland zur Genüge. Deswegen startete sie im Herbst 2021 auch das Format „TikToxic“ (siehe unten), mit dem sie „das gesamte Spektrum an Frauenhass zeigen“ will.

Hier schreiben wir über den toxischen Beziehungstrend „Negging“, bei dem Männer Frauen mit Beleidigungen rumkriegen wollen.

Frauenhass auf TikTok: „Irgendwas läuft da aber ganz schön schief“

„Auf TikTok bin ich irgendwann über ein deutsches Influencer:innen-Paar gestoßen, wo die Frau aufgrund eines Pranks mit einer Bürste geschlagen wurde. Das habe ich geteilt und darauf aufmerksam gemach, wie toxisch das ist. Als die dann drohten, mich zu verklagen, habe ich gemerkt: Oh. Irgendwas läuft da aber ganz schön schief. Und da ich ein Krawallmensch bin, dachte ich – jetzt erst recht!“, erzählt Wittwer gegenüber BuzzFeed News DE.

Aber was bringt das eigentlich – gibt sie den misogynen Männern nicht noch mehr Reichweite? Wittwer verneint. „Der letzte Account, von dem ich bei TikToxic ein Video geteilt habe, ist seitdem gesperrt – Frauenhass öffentlich zu machen bringt also auch wirklich etwas.“ Auch beim unfassbaren „Femizid-Trend“ auf TikTok, löschte die App die Videos. Ihr sei es außerdem wichtig, mit dem Format TikToxic gleichzeitig auf Misogynie (Frauenhass) aufmerksam zu machen und humorvoll zu sein – das gehe beides, findet die 32-jährige Anti-Frauenhass-Influencerin.

Patriarchalen Strukturen sorgen bei jeder:jedem für unterschwelligen Frauenhass

Der Grund für Frauenhass oder auch die vielen Hass-Nachrichten gegen Frauen auf Instagram, gegen die die Plattform so gut wie nie etwas unternimmt, sei übrigens weder ein einzelner Mann wie Andrew Tate, noch eine App wie TikTok. Es sei so viel komplexer, erklärt Wittwer. „Wir wurden alle in patriarchalen Strukturen erzogen. Schon im Kindergarten wurde uns gesagt: ‚Wenn ein Junge dich an deinen Haaren zieht, dann mag er dich.‘ Kein Wunder fallen wir auch später in toxische Denkmuster zurück.“

Wir wurden alle in patriarchalen Strukturen erzogen. Schon im Kindergarten wurde uns gesagt: ‚Wenn ein Junge dich an deinen Haaren zieht, dann mag er dich.‘ Kein Wunder fallen wir auch später in toxische Denkmuster zurück.

Tara-Louise Wittwer, Autorin und Influencerin

Natürlich sei Misogynie heute anders, als vor 100 Jahren. „Aber ich habe das Gefühl, gerade kippt es wieder“, sagt Wittwer. Der Grund dafür sei vielleicht die „female choice“, also dass Frauen heute eine so große Macht über ihr Leben haben. „Das könnte einige Männer wütend machen“, vermutet die selbst ernannte „Sinnfluencerin“. Auch die Krisen könnten ein Stück dazu beigetragen haben, dass es Influencer wie Andrew Tate es im Jahr 2022 so leicht haben, Follower zu gewinnen.

Manchmal sei es jedoch (nicht so wie bei Tates Inhalten) schwer, Frauenhass zu erkennen. Beispielsweise die Aussage: „Du bist nicht wie andere Frauen“, die Männer gerne als Kompliment benutzen, sei hochproblematisch. Sie reduziere Frauen auf negative Eigenschaften wie nervig, stressig, emotional oder „girly“ und werde selbst von Frauen reproduziert. Wittwer macht deshalb genau auf diesen unterschwelligen Frauenhass aufmerksam (siehe unten). Im Oktober erscheint ihr neues Buch „Dramaqueen“, das genau auf diese Be- und Verurteilung von Frauen aufmerksam machen soll.

Mehr zum Thema Frauenhass? Die Politikerin Ricarda Lang bekam schon Vergewaltigungsdrohungen, weil sie vorschlug, Klimaflüchtlinge nach Europa zu holen.

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