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Wiener Trans*aktivistin über Transgender im Frauensport: „Wir sollten das respektieren“

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Von: Helena Dimmel

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Dominique Mras / Lia Thomas
Dominique Mras, Trans*sprecherin der SoHo Wien, spricht mit uns über trans Spitzensportler:innen © Christopher Glanzl/ IMAGO/Icon SMI/BuzzFeed Austria

Zwischen Inklusion und Fairness: Dürfen trans Personen gegen Frauen im Spitzensport antreten? Wir haben mit einer Trans*aktivistin aus Wien darüber gesprochen.

Im März 2022 gewinnt die amerikanische Schwimmerin Lia Thomas als erste trans Frau den besten College-Schwimmwettbewerb (NCAA) in den USA. Ihr Triumph löst national und international eine Debatte darüber aus, wie mit trans Personen im Spitzensport umgegangen werden soll. „Die sehr einfache Antwort ist: Ich bin kein Mann. Ich bin eine Frau, also gehöre ich ins Frauenteam. Trans Personen verdienen den gleichen Respekt, den jede andere Athletin bekommt”, sagt Thomas in einem Interview gegenüber der Zeitschrift „Sports Illustrated”.

„Unfair” findet das Australiens Olympionikin Emma McKeon: „Biologisch männliche“ Schwimmer könne man nicht gegen weibliche Athletinnen antreten lassen. „Ich persönlich würde nicht gegen jemanden antreten wollen, der biologisch gesehen ein Mann ist“, sagt die fünffache olympische Goldmedaillengewinnerin im Rahmen einer Veranstaltung für Frauen im Sport an der australischen Griffith University. Der Spitzensport müsse Regeln aufstellen, die Inklusion und Fairness in Einklang bringen.

„Sportverbände haben Regeln, mit denen wir alle leben sollten”

Dominique Mras ist Bezirksrätin im 9. Wiener Gemeindebezirk und Trans*sprecherin der LGBTIQ-Organisation SoHo der SPÖ. Auch auf Twitter und ihrer Instagram-Page setzt sich die Trans*aktivistin für mehr Awareness und Gleichberechtigung für trans Personen ein. Wir haben mit Dominique über die Vorfälle gesprochen.

Hallo Dominique. Denkst du, es ist fair, dass Lia Thomas gewonnen hat? 

Erstmal Vorweg: Sportverbände stellen Regen auf, damit ein fairer Wettbewerb stattfinden kann. Das kann uns gefallen, oder eben auch nicht. Genauso wie mir im Fußball eine Abseitsregel gefallen kann oder auch nicht. Aber die Regel ist da, und sie hat ihre Berechtigung. Es ist ja außerdem nicht so, als hätte der Sportverband nichts von der trans Identität von Thomas gewusst. Es gibt klar geregelte Bedingungen, unter denen trans Personen teilnehmen dürfen - und offensichtlich hat Lia Thomas diese Bedingungen erfüllt. 

Wie beurteilst du die mediale Aufregung?

Man muss die Frage stellen, warum das Thema medial so große Wellen geschlagen hat: nämlich weil gewisse Gruppierungen versuchen, Stimmung auf Kosten einer Minderheit zu machen. Hinzu kommt, dass Spitzensportler:innen einer enormen Belastung ausgesetzt sind, auch medialem Druck, und wenn man trans ist, potenziert sich das. Für Thomas war das sicher eine massive Herausforderung. Sie hat ja schon zuvor an verschiedenen Wettbewerben teilgenommen, und da hat das eigentlich niemanden interessiert - Jetzt redet auf einmal die ganze Welt über sie. Die Regelungen der Sportvereine gibt es seit Jahren, und trotzdem werden sie jetzt auf einmal medial zerrissen. Dahinter versteckt sich eine Agenda, die in den USA von Rechten Trumpisten verfolgt wird, die jetzt zum Kampf gegen trans Personen aufgerufen haben.

Kritiker:innen sehen den „fairen Wettbewerb” im Sport gefährdet - Was würdest du ihnen antworten?

Die bestehenden Regeln des jeweiligen Sportverbandes stellen sicher, dass es sich um einen fairen Wettkampf handelt. Lia Thomas ist ja auch nicht der erste Fall, bei dem darüber diskutiert wird. In Österreich gab es beispielsweise bereits in den siebziger Jahren mit Erika Schinegger eine Skifahrerin und Goldmedaillen-Gewinnerin, bei der im Nachhinein ein Y-Chromosom festgestellt wurde. Der Weltmeistertitel wurde Erik Schinegger zwar nicht aberkannt, aber rückwirkend bekam die Zweitplatzierte, eine cis Frau, ebenfalls eine Goldmedaille. Hat Schinegger wirklich einen Vorteil gehabt, nur weil er ein Y-Chromosom hatte? Von einem biologischen Vorteil per se kann man jedenfalls nicht sprechen. Wenn es wirklich um die Sorge nach einem fairen Wettbewerb geht, dann sollte man sich zuallererst einmal auf das Doping fokussieren. Bei jeder Olympiade treten Doping-Fälle auf, aber da gibt es keine internationale Diskussion darüber, wie man das fairer gestalten kann. 

Haben trans Frauen denn keinen biologischen Vorteil im Wettbewerb gegenüber cis Frauen?

Wenn es denn wirklich so wäre, warum haben trans Frauen dann nicht schon längst Unmengen an Goldmedaillen gewonnen? Dazu kommt, dass gerade im Spitzensport nur eine Handvoll von Trans-Athletinnen international aktiv ist. Und über trans Männer im Spitzensport redet man sowieso gar nicht- auch das ist auch sehr schade. Natürlich ist es erwiesen, dass das Testosteronlevel einen Einfluss auf die sportliche Leistung hat, deswegen gibt es da genauso Richtwerte wie bei anderen Dopingsubstanzen.

Das IOC (das Internationale Olympische Komitee) hat sich dazu Gedanken gemacht, es gibt auch zahlreiche wissenschaftliche Studien dazu. Wir haben dazu also Zahlen, Fakten und konkrete Werte. Und wenn wir schon bei biologischen Geschlechter-Unterschieden sind: Wir hatten in den neunziger Jahren Olympische Mixed- Wettbewerbe, zum Beispiel im Schießen, wo Frauen gegen Männer angetreten sind. Warum gibt es das nicht mehr? Da haben Frauen Goldmedaillen gewonnen. Oder warum machen wir Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Disziplinen, wo es nicht um körperliche Vorteile per se geht, sondern um Geschicklichkeit, wie zum Beispiel im Schach? Da werden auch noch immer Geschlechter getrennte Wettbewerbe abgehalten. Oder warum bekommen Frauen im Spitzensport so massiv weniger bezahlt als Männer? Ich würde mir wünschen, dass wir bei Diskussionen über Sport und Geschlechterunterschiede solchen Fragen auf den Grund gehen, anstatt trans Personen per se einen biologischen Vorteil zu zu schreiben. 

Eine neue Regelung des IOC ab März 2022 schreibt keine maximalen Testosteronwerte für trans Personen mehr vor. Stattdessen soll jeder Fall einzeln geprüft werden. Wie siehst du das? 

Auch Testosteronwerte muss man hinterfragen. Es gab zum Beispiel einen Fall von einer international aktiven Leichtathletin, die einen zu hohen Testosteronwert hatte. Deswegen wurde sie von Olympia und anderen internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. Es hat sich dann herausgestellt, dass diese Person intergeschlechtlich ist. Es gibt außerdem auch cis Frauen, die erhöhte Testosteronwerte haben. Im Einzelfall kann es also enorm schwierig für Athlet:innen sein, Testosteronwerte nicht zu überschreiten, das betrifft nicht nur trans Personen. Das Regelwerk der IOC ist ohnehin schon streng, und ich glaube, das sollten wir respektieren. Deswegen ist man ja auch dazu übergegangen, diese Grenzwerte nur mehr als Empfehlung auszusprechen. Jetzt muss eben jeder Fall geprüft werden, und das ist meines Erachtens gut so.

Trans Personen sind in unserer Gesellschaft noch immer mit vielen Herausforderungen konfrontiert, die zu wenig mediale Aufmerksamkeit bekommen. BuzzFeed Austria hat vor kurzem mit einem Logopäden gesprochen, der sich auf die stimmangleichende Therapie für trans Personen spezialisiert.

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