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Queere Prinzen, Trans-Bambis: Ein Märchenbuch treibt Ungarns Rechte zur Weißglut

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Von: Christian Kisler

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Montage: Das aufgeschlagene Buch „Meseország mindenkié“ („Märchenland für alle“), mehrere Exemplare
Die Märchensammlung „Meseország mindenkié“ („Märchenland für alle“) hat Ungarns Rechte erzürnt. © Attila Kisbenedek/AFP/APA-PictureDdesk

In der Geschichtensammlung „Meseország mindenkié“ („Märchenland für alle“) werden bekannte Märchen mit queeren Prinzen und Trans-Bambis neu erzählt. In Ungarn sorgt das für Kritik.

Ungarn hat am Sonntag ein neues Parlament gewählt. Der rechtsnationale Ministerpräsident Viktor Orban konnte sich dabei unerwartet deutlich gegen ein Bündnis aus sechs ungleichen Parteien durchsetzen. Damit kommt Orbans Partei FIDESZ nach Auszählung von 98 Prozent der Stimmen auf 53,1 Prozent, so das ungarische Wahlbüro am Montag. Das bedeutet auch, dass man 135 der 199 Parlamentsmandate erringen konnte, Orban kann zum vierten Mal in Folge mit einer Zweidrittelmehrheit regieren. Und mit der ist er nicht nur imstande, die Verfassung zu ändern, er tut es auch, wie er schon in der Vergangenheit bewiesen hat.

Klassische Märchen werden mit LGBTQIA+-Figuren neu erzählt

Das betrifft wie in allen autoritär geführten Regimen auch Minderheiten oder jene, die als solche wahrgenommen werden. Das trifft auch die LGBTQIA+-Gemeinde. Wobei man in Zeiten, in denen sich jede:r fünfte Gen Z als queer bezeichnet, nur noch schwer von „Minderheiten“ sprechen kann. Nichtsdestotrotz hat in Ungarn ein Märchenbuch in rechten Kreisen für große Aufregung und regelrechte Wutausbrüche gesorgt. „Meseország mindenkié“ (deutscher Titel: „Märchenland für alle“) heißt die Geschichtensammlung, in der klassische Märchen neu erzählt werden. Empfohlen wird es für Kinder ab sechs Jahren.

Das wirklich Besondere daran: Die Figuren gehören besagten Minderheiten an oder bevorzugen andere Lebensentwürfe als die traditionellen. In den 17 Geschichten verschiedener Autor:innen tauchen auf: ein Hase mit drei Ohren, ein transsexuelles Bambi, eine Prinzessin, die Abenteuer einer Ehe vorzieht, ein Aschenputtel, dessen Vater alkoholkrank ist. Und ein Prinz, der sowohl eine Opernsängerin aus Österreich, ein Model aus Bombay sowie ein Mädchen aus der ungarischen Puszta abblitzen lässt und sich in den Bruder einer Prinzessin verknallt. Schlussendlich wird natürlich geheiratet.

Orban nahm das Buch als Vorwand für eine Kampagne gegen die LGBTQIA+-Gemeinde

Mehr hätte es nicht gebraucht. Die Parlamentsabgeordnete und Vizepräsidentin der rechtsextremen Heimat-Partei, Dóra Dúró, sah in dem Buch „homosexuelle Propaganda“ und einen „Angriff auf Ungarn“ - und warf es vor laufenden Kameras und öffentlichkeitswirksam in einen Schredder. Wenigstens hat sie es nicht verbrannt, viel besser war die Aktion allerdings auch nicht. Viktor Orban selbst sah in dem Buch einen Vorwand für eine Kampagne gegen die LGBTQIA+-Community.

Im Herbst 2020 erblickte der von Boldizsár Nagy herausgegebene und von der Organisation Labrisz veröffentlichte Sammelband das Licht der Welt. Sinn und Zweck waren ganz klar: mehr Akzeptanz für Angehörige der LGBTQIA+-Gemeinde, Minderheiten im Allgemeinen und Benachteiligte im Besonderen zu schaffen. Im Juni 2021 verabschiedete das ungarische Parlament ein Gesetz, wonach sich Kinder und Jugendliche nicht mehr über queere Themen informieren dürfen. „Meseország mindenkié“ darf seitdem nicht mehr offen in Buchhandlungen ausgelegt werden, es muss in Plastikfolie verschweißt bleiben. Wer es erwerben will, muss aktiv danach fragen oder auf das Internet ausweichen. Und das in Zeiten, in denen bald die Hälfte aller Disney-Charaktere queer sein könnte.

„Märchenland für alle“ verkauft sich ausgezeichnet

Der Plan der ungarischen Regierung ging allerdings nicht wirklich auf: Das Buch verkauft sich hervorragend, es ist ein Bestseller. Vor Kurzem ist unter dem Titel „Märchenland für alle“ eine deutsche Fassung erschienen. Von jedem verkauften Exemplar geht ein Euro an die Stiftung stern und damit an Projekte, die sich für mehr Vielfalt in Ungarn einsetzen. Alles eitel Wonne also? Nicht wirklich. Zwar wurde die Koordinatorin des Buches, Dorottya Rédai, vom „Time“-Magazin in die Liste der 100 einflussreichsten Menschen 2021 gewählt. Herausgeber Boldizsár Nagy allerdings musste sich ins Ausland absetzen, weil er sich ständigen Drohungen und Anfeindungen ausgesetzt sah. Das „Kinderschutz“-Gesetz hat die Lage also nur verschlimmert. Und die Bestätigung von Orbans FIDESZ-Partei an der Regierung macht sie bestimmt nicht besser.

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