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Weibliche Genitalverstümmelung (FGM): 200 Millionen Frauen weltweit betroffen

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Von: Natascha Berger

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Kundegebung der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes in Berlin anlässlich des internationalen Tags gegen weibliche Genitalverstuemmelung am Mittwoch (06.02.2019) vor dem Brandenburger Tor.
Weibliche Genitalverstümmelung (FGM) wird auch heute noch in vielen Ländern praktiziert. © Christian Ditsch/IMAGO

Alle zehn Sekunden wird eine Frau zum Opfer von weiblicher Genitalverstümmelung (FGM). Ein Überblick über die Gründe des Eingriffs, in welchen Ländern FGM durchgeführt wird und mit welchen Folgen die Betroffenen leben müssen.

Bei weiblicher Genitalverstümmelung, kurz FGM (Female Genital Mutilation), werden die äußeren Geschlechtsteile von Mädchen und Frauen teilweise oder komplett entfernt und verletzt. Die Eingriffe passieren ohne medizinischen Grund und fügen Frauen körperliche und seelische Schmerzen zu. Die Mädchen, an denen FGM durchgeführt wird, sind in den meisten Fällen unter 15 Jahre alt. Laut der WHO sind weltweit rund 200 Millionen Frauen betroffen.

Durchführung von FGM: So läuft eine weibliche Genitalverstümmelung ab

Da die weibliche Genitalverstümmelung in vielen verschiedenen Ländern und Ethnien auf der ganzen Welt durchgeführt wird, gibt es keine standardisierten Praktiken. In den meisten Fällen werden die Genitalverstümmelungen von Geburtshelfer:innen, Ärzt:innen oder älteren Frauen in der Gemeinschaft ausgeübt. Die Beschneider:innen genießen in der Gesellschaft oft eine hohe Anerkennung und können sich durch die Verstümmelung an jungen Frauen ein hohes Einkommen sichern.

Die traditionellen FGM finden meist in Hinterzimmern, außerhalb von Spitälern, unter menschenunwürdigen und unhygienischen Bedingungen statt. Werkzeuge sind Messer, Rasierklingen, Glasscherben oder Scheren, die oft für mehrere Mädchen verwendet werden. Zugenäht werden die Frauen unter anderem mit Bindfaden oder Pferdehaar. Je nach Tradition wird der Eingriff bei Säuglingen kurz nach der Geburt, im Kindesalter, in der Pubertät oder vor der ersten Eheschließung vorgenommen. In den letzten Jahren werden die von FGM betroffenen Mädchen immer jünger. Dieses Phänomen lässt sich als Gegenreaktion auf die sich verbreitende Aufklärung zur Female Genital Mutilation verstehen: Umso jünger die Mädchen sind, umso weniger wissen sie über die schwerwiegenden Folgen und Hintergründe des Eingriffes.

Praktizierte Formen von FGM

Bei FGM unterscheidet die WHO nach vier praktizierten Formen:

Unterdrückung der Sexualität, Ästhetik und Tradition: Gründe für weibliche Genitalverstümmelung

Die Gründe für die Genitalverstümmelung oder auch Genitalbeschneidung an Frauen variieren, sind vielschichtig und komplex. Die häufigste Erklärung ist für viele Menschen jedoch die Tradition. In einigen Gesellschaften hat die Female Genital Mutilation (FGM) auch im 21. Jahrhundert noch einen hohen Stellenwert.

Es wäre so, als würde man einem Jungen den Penis abschneiden. (...) Es ist Gewalterfahrung – oft im frühkindlichen Alter –, die man nie wieder vergisst. Genau genommen wären circa 250 Millionen Jungs weltweit betroffen. Der Aufschrei wäre laut und deutlich. Aber wenn es darum geht, die weibliche Sexualität zu kontrollieren, verhallt der Protest.

Waris Dirie, Menschenrechtsaktivistin im Kampf gegen Genitalverstümmelung

Praktizierende Gemeinschaften legitimieren die Praxis meist mit sozialen, patriarchalischen und ökonomischen Gründen: Demnach kommt eine unbeschnittene Frau für einen Mann gar nicht erst infrage – auf dem Heiratsmarkt also schwer zu vermitteln. Eltern lassen ihre jungen Töchter beschneiden, um ihnen eine gesicherte Zukunft zu gewährleisten. Die Genitalverstümmelung soll die voreheliche Jungfräulichkeit und Treue in der Ehe sicherstellen. Die Unterdrückung und Kontrolle der weiblichen Sexualität und Selbstbestimmung sind also wesentliche Gründe für die Eingriffe an Mädchen.

Waris Dirie bei der Verleihung des Deutschen Nachhaltigkeitspreis am 22.11.2019 in Duesseldorf.
Waris Dirie ist Menschenrechtsaktivistin und macht immer wieder auf die schlimme Praxis der Genitalverstümmelung aufmerksam. © Anke Waelischmiller/SVEN SIMON via www.imago-images.de

Frauen gelten in vielen Regionen der Welt erst nach FGM als „normal“

Auch ästhetische bzw. hygienische Gründe spielen eine Rolle. In vielen Teilen Afrikas etwa werden die Genitalien von Frauen, die noch nicht beschnitten wurden, als „hässlich“ oder „schmutzig“ angesehen, die Vulva soll schmal und glatt erscheinen, hervorstehende Hautpartien wie Klitoris oder Schamlippen passen da nicht ins Bild. Das liegt vor allem daran, dass die verstümmelten Geschlechtsteile in diesen Gesellschaften seit Jahrhunderten als „normal“ gelten. In einigen praktizierenden muslimischen Ländern wird die weibliche Genitalverstümmelung mit der religiösen Pflicht verteidigt. FGM ist jedoch älter als der Islam oder das Christentum, im Koran und auch in der Bibel wird die Beschneidung von Frauen nicht erwähnt.

Physische und psychische Folgen: So geht es verstümmelten Frauen nach der FGM

Da bei einer FGM gesunde und normale Geschlechtsteile der Frau verletzt und/oder entfernt sowie die natürlichen Funktionen des weiblichen Körpers beschädigt werden, sind die Folgen schwerwiegend und bleiben ein Leben lang. Während des Eingriffs leiden die Mädchen unter extremen Schmerzen und die Gefahr einer Infektion ist immens groß. Es ist nicht unüblich, dass die Frauen wegen des hohen Blutverlusts und der Schmerzen während der FGM in Ohnmacht fallen oder unter Schock stehen. Nach der weiblichen Genitalverstümmelung müssen viele der Frauen unter anderem mit diesen physischen Folgen leben:

Doch nicht nur die körperlichen Schäden begleiten die von FGM betroffenen Frauen ein Leben lang. Auch psychische Folgen wie intensive Schamgefühle, Depressionen, Angstzustände und posttraumatische Belastungsstörungen bleiben. 

Laut WHO sterben 10 Prozent der Mädchen schon bei oder kurz nach FGM wegen starkem Blutverlust oder einer Blutvergiftung, 25 Prozent erliegen den langfristigen Folgen wie einer Infektion mit HIV, Hepatitis oder Komplikationen bei der Geburt des eigenen Kindes.

200 Millionen Frauen weltweit: In diesen Ländern und Regionen wird FGM durchgeführt

Weibliche Genitalverstümmelung wird in rund 30 afrikanischen Staaten praktiziert, besonders in Nordost-, Ost- und in Westafrika. Auch in Ländern Asiens, Lateinamerikas und des Nahen Ostens werden junge Mädchen Opfer der geschlechtsspezifischen Gewalt. Fast flächendeckend verbreitet ist FGM etwa in Ägypten, Dschibuti, Guinea, Somalia und im Norden des Sudan. Über 90 Prozent der Frauen in diesen Ländern sind beschnitten. Auch wenn es in einigen Ländern Gesetze gegen die Praktik gibt und auch internationale Abkommen FGM verbieten, wird die Genitalverstümmelung nach wie vor durchgeführt.

Weltweit wurde laut einer Schätzung der WHO bei mehr als 200 Millionen Frauen und Mädchen FGM durchgeführt, jährlich kommen etwa drei Millionen dazu. Alle zehn Sekunden werden die Genitalien eines unter 12 Jahre alten Mädchens absichtlich durch FGM verletzt. In Europa leben circa eine Million verstümmelte Frauen oder von der Praxis bedrohte Mädchen. Bei diesen Zahlen handelt es sich aber lediglich um Schätzungen, da es keine amtlichen Daten gibt, um die Zahl der Opfer und gefährdeten Mädchen tatsächlich zu beziffern. Die Dunkelziffer könnte also weitaus höher liegen.

Weibliche Genitalverstümmelung in Österreich: FGM verboten

Die Durchführung von FGM ist in Österreich explizit unter Strafe gestellt. Strafbar ist somit auch die Begehung einer weiblichen Genitalverstümmelung im Ausland, also wenn Eltern die Tochter zum Beispiel im Heimaturlaub beschneiden lassen – selbst wenn es in dem jeweiligen Land nicht strafbar ist. Strafbar sind in Österreich Täter:innen, die den Eingriff vornehmen, Eltern, die FGM an ihrer Tochter vornehmen lassen, Helfer:innen und Ärzt:innen, welche die Genitalverstümmelung vornehmen. In Österreich können Täter:innen bis zu 10 Jahren Haft drohen.

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