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„Niemand klärt die Frauen auf“: Eine Wiener Ärztin spricht über Weibliche Genitalverstümmelung

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Von: Emily Erhold

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Umyma El-Jelede
Umyma El-Jelede hilft Frauen, die von FGM betroffen sind. © Umyma El-Jelede

Schätzungen gehen davon aus, dass in Österreich etwa 6.000 bis 8.000 Frauen von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen sind. In Wien werden sie von der aus dem Sudan stammenden Ärztin Umyma El-Jelede und ihrem Team im Gesundheitszentrum FEM Süd betreut.

Am 6. Februar wird der Internationale Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung (auch FGM für Female Genital Mutilation) begangen. Er soll darauf aufmerksam machen, dass laut WHO weltweit über 200 Millionen Mädchen und Frauen beschnitten sind. Bei FGM werden die äußeren Geschlechtsteile von Mädchen und Frauen teilweise oder komplett entfernt und verletzt. Die Eingriffe passieren ohne medizinischen Grund. Schmerzen beim Urinieren und während der Menstruation, starke Blutungen, schwere Entzündungen und der Verlust von sexueller Empfindung können die Folge sein. Die Mädchen, an denen FGM durchgeführt wird, sind in den meisten Fällen unter 15 Jahre alt.

FGM kommt in verschiedenen afrikanischen, arabischen und auch asiatischen Ländern vor. Auch in Österreich gibt es Betroffene, die medizinisch behandelt werden müssen. Vielen von ihnen erfahren erst von österreichischen Ärzt:innen, dass ihnen Gewalt angetan wurde. Umyma El-Jelede hilft genau diesen Frauen. Im Interview mit BuzzFeed Austria spricht sie über ihre Arbeit und was sich in Österreich noch tun muss, um Betroffenen von weiblicher Genitalverstümmelung besser zu helfen.

Frau El-Jelede. In Ihrer Arbeit helfen Sie Betroffenen von weiblicher Genitalverstümmelung (FGM). Wieso wird diese Praktik heutzutage noch immer durchgeführt?

FGM wird seit mehr als 2000 Jahren praktiziert. In den Ländern, in denen sie praktiziert wird, ist die weibliche Genitalverstümmelung für Frauen ein Teil des Lebens. Für sie bedeutet diese Praktik Reinheit. FGM hat in den Communities sehr viel Bedeutung. Und deswegen wird diese Form der Beschneidung bis heute noch immer praktiziert. Außerdem gibt es keine Aufklärung. Niemand spricht mit den Frauen in den praktizierenden Communities darüber, wieso FGM überhaupt durchgeführt wird. Weibliche Genitalverstümmelung ist eine Verletzung der Menschenrechte, aber das wissen die betroffenen Frauen oft nicht.

Sie sagen, dass die Frauen in den praktizierenden Communities nicht ausreichend aufgeklärt sind. Es ist ja auch wichtig, den weiblichen Körper zu kennen und sexuell aufgeklärt zu werden.

Ja, es geht nicht nur darum, die Anatomie des Körpers zu kennen. Ich habe Medizin studiert. Natürlich kenne ich die Anatomie des Körpers. Aber über Sexualität wurde auch in meinem Medizin-Studium nicht genug geredet. In meinem Praktikum wurde mir zum Beispiel nie erklärt, wieso die Frauen zugenäht waren. Ich habe die schweren Geburten nie mit FGM verbunden. Deswegen ist es auch wichtig, den Betroffenen zu erklären: Was passiert da? Welche Teile fehlen? Wie FGM durchgeführt wird, wissen viele Frauen aus unserer Community nicht.

Wieso wird weibliche Genitalverstümmelung überhaupt praktiziert? Aus Tradition?

Man kann das gar nicht auf eine bestimmte Tradition zurückführen. Man kann nicht sagen, ob es eine afrikanische, arabische, muslimische oder christliche Tradition ist. Es wird so gemacht, weil es eben schon die Vorfahren gemacht haben, aber man kann es keiner bestimmten Kultur zuschreiben.

Wieso haben Sie sich dazu entschieden, als Ärztin mit Betroffenen von FGM zusammenzuarbeiten?

Ich habe mich erst mit weiblicher Genitalverstümmelung auseinandergesetzt, als ich nach Österreich gekommen bin. Ich habe davor Medizin studiert, habe im Medizinbereich gearbeitet und war auch im gynäkologischen Bereich in Libyen und im Sudan tätig. Im Sudan habe ich zwar betroffene Frauen gesehen, die aufgrund von weiblicher Genitalverstümmelung Schmerzen bei der Geburt hatten, aber mir war der Zusammenhang nicht bewusst. Ich wusste nicht, dass man etwas gegen diese Praktik tun muss, um den Frauen zu helfen. Aber dann bin ich nach Österreich gekommen und habe mich 2007 auf diese Arbeitsstelle im Frauenzentrum FEM Süd beworben. Da wusste ich schon, dass weibliche Genitalverstümmelung Gewalt gegen Frauen ist. Deswegen habe ich angefangen, diesen Bereich in Österreich weiter auszubauen.

Wie sieht ihre Arbeit mit den Betroffenen aus?

Ich arbeite mit betroffenen Frauen und Mädchen, aus den praktizierenden Communities. Da geht es um Beratung, Aufklärung, Vernetzung, aber auch um Workshops für die Frauen und Mädchen, damit man mehr Betroffene unterstützen kann. Aber in meiner Arbeit ist es auch wichtig, Multiplikatoren (Anm.: Einrichtungen und Personen, die Fachwissen weitergeben) zu schulen. Wir geben in verschiedene Gesundheitseinrichtungen, Spitälern, aber auch Asyleinrichtungen Schulungen. Wir haben auch mehrere Projekte, zum Beispiel das Projekt INTACT-peers, im Zuge dessen wir Frauen aufklären. Hier schulen wir die Frauen, damit sie selbst gegen FGM in ihrer Community arbeiten können. Im Zuge des Projekts INTACT MEN arbeiten wir aber auch mit Männern, damit auch sie etwas gegen aktiv gegen FGM in ihren Communities tun. Die Frauen werden hier bei uns im FEM Süd über FGM und die gesundheitlichen Folgen aufgeklärt, dann gibt es auch noch die FGM Ambulanzen, bei denen die Frauen auch von Expert:innen begleitet werden.

Warum ist es wichtig, dass diese Arbeit in Österreich gemacht wird?

Es gibt mehrere Gründe dafür. Zum einen werden in einem Land wie Österreich Frauenrechte geschützt. Das betrifft auch die Rechte von Frauen, die nicht ursprünglich aus Österreich kommen, sondern beispielsweise hierher geflüchtet sind und Asyl beantragt haben. Auch diese Frauen dürfen frei von Schmerzen leben. Jeder Mensch hat das Recht, frei von Schmerzen zu leben. Außerdem kostet es viel, Frauen, die beschnitten worden sind, medizinisch zu behandeln. Wenn eine beschnittene Frau in einem österreichischen Krankenhaus ein Kind bekommt, kann es passieren, dass das Personal keine Ahnung hat, was FGM ist und wieso die Geburt so schwierig ist. Dann wird ein Kaiserschnitt durchgeführt und das kostet dem Krankenhaus wiederum viel Geld. Wenn die Frau aber operiert wird, noch bevor eine Schwangerschaft besteht, kann das verhindert werden. Das kostet weniger und ist natürlich auch weniger Stress für die Frauen. Es geht aber auch um Prävention, damit Frauen und Mädchen in den Communities gar nicht erst beschnitten werden.

Was ist besonders wichtig im Umgang mit Betroffenen von FGM?

Sie brauchen Verständnis. Es muss Wert darauf gelegt werden, wie die Probleme der Betroffenen gelöst werden können. Ich habe beispielsweise von vielen Frauen gehört, dass es sie belastet, wie die österreichischen Ärzt:innen reagiert haben. Die Frauen, die von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen sind, wissen oft nicht, dass ihnen Gewalt angetan wurde. Sie hören es oftmals zuerst hier in Österreich. Darum machen wir die Aufklärung im FEM Süd, damit die praktizierende Community aber auch die österreichische Community besser versteht, was da passiert.

Gibt es genug Ressourcen, damit sie all diese Stellen und Menschen ausreichend aufklären können?

In Österreich wird im Vergleich zu anderen Ländern schon viel gemacht und wir erhalten auch viel Unterstützung vonseiten der Ministerien und des Magistrats. Und ich merke auch, dass sich in den 15 Jahren, in denen ich jetzt schon in diesem Bereich arbeite, viel getan hat. Es braucht aber noch mehr Ressourcen. Ich wünsche mir, dass es mehrere Beratungsstellen gibt, die gegen FGM arbeiten, und zwar in mehreren Bundesländern. In Wien sind wir jetzt schon sehr gut aufgestellt. Auch in Linz und in Salzburg gibt es Expert:innen in den Frauengesundheitszentren, aber auch der Rest des Landes muss abgedeckt werden. Es ist zudem auch wichtig, nicht nur Mitarbeitende von Gesundheitseinrichtungen aufzuklären, sondern beispielsweise auch in Schulen zu gehen. Denn hier gibt es viele betroffene Mädchen. Da ist es wichtig, Lehrer:innen zu sensibilisieren. Wie erkennt man Betroffene von FGM und wie spricht man das am besten an?

Mit wie vielen Patient:innen haben sie jährlich zu tun?

Es ist schwer zu sagen, wie viele Betroffene es tatsächlich gibt. Es sind viele. Bei uns im FEM Süd kommen jährlich über 200 Frauen und Mädchen in die Beratung. Wir kriegen auch oft Anrufe von Frauen, die in anderen Bundesländern leben.

Leben die Frauen, die von FGM betroffen sind, in Österreich anders als in praktizierenden Ländern?

Das kommt darauf an, wo die betroffenen Frauen leben. Frauen, die in den praktizierenden Ländern leben, wissen nicht, dass ihre körperlichen Probleme von weiblicher Genitalverstümmelung stammen. In meiner Heimat und in praktizierenden Ländern redet man nicht über Sexualität und redet man nicht über psychische Gesundheit. Hier in Österreich ist das etwas anderes. Hier wird man ins Krankenhaus geschickt, wenn man Schmerzen hat. Dort erfahren sie dann, dass da etwas nicht stimmt. Das ist auch eine große psychische Belastung.

Glauben Sie, dass es in Österreich schon genug Bewusstsein für FGM gibt?

Es gibt definitiv noch Bedarf. Wir erreichen noch nicht ganz Österreich und gleichzeitig kommen jedes Jahr neue Geflüchtete und neue Migrantinnen von praktizierenden Ländern und wir fangen wieder von Null an.

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