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„Wir müssen uns an den Weltschmerz gewöhnen, damit wir handeln“: Ein Psychologe zum Ukraine-Krieg

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Von: Sophie Marie Unger

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Feiernde Menschen und ein zerbombtes Haus in der Ukraine
Wir scheinen uns an den Ukraine-Krieg gewöhnt zu haben, warum ist das so? © Unsplash/APA Picturedesk

Seit Wochen herrscht Krieg in der Ukraine, doch es scheint als wäre der erste Schock abgeflaut. Sind wir moralisch abgestumpft? Psychologe Felix Neuritt gibt Antworten darauf.

Am 24. Februar, als russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, waren meine Mädels und ich zum Abendessen verabredet. Schon bevor wir uns trafen, explodierte unser WhatsApp-Gruppenchat mit Nachrichten wie „es ist einfach so schlimm“ und „ich bin total erstarrt vor Schock“. Im Lokal kamen uns beim Gespräch darüber teilweise die Tränen und zeitweise saßen wir sogar wortlos da, was bei uns echt selten passiert.

Auch allgemein war die Betroffenheit groß. Clubs fragten sich, ob Aufsperren und Feiern okay ist und zahlreiche Spendenaktionen wurden organisiert. Zwei Monate später scheint der Schock abgeflaut. Viele gehen sehr wohl in Clubs, wir vergnügen uns, planen Urlaube und das Thema Krieg wird seltener angesprochen. Wo ist sie hin, die Trauer, die Fassungslosigkeit, die Ohnmacht? Ist das alles schon zur Routine geworden? Stumpfen wir etwa sogar moralisch ab?

„Nein!“, meint Psychologe Felix Neuritt

Laut Psychologen Felix Neuritt muss man ganz klar zwischen dem ersten Schockzustand, der persönlichen Krise und der politischen Sicherheitskrise unterscheiden. Der erste Schockzustand ist dabei meist mit einem Erstarren verbunden, man könne die Lage noch nicht ganz einschätzen, ist überfordert und versucht dies, mit Informationsaufarbeitung auszugleichen. „Im Falle des Ukraine-Kriegs waren das dann beispielsweise die zahllosen Liveticker und Videos, die wir ununterbrochen verfolgten“, so Neuritt. Erst dann realisierten wir das kritische Ausmaß - es gab konkrete Zahlen von Verletzten und Toten, man sah erstmals Bombardements und Menschen, die flüchteten.

„Die persönliche Krise wird oft schnell überwunden“

Das ziehe natürlich Emotionen mit sich, die in die nächste Stufe - also die persönliche Krise - übergehen. Neuritt beschreibt diese so: „Krise ist, wenn man morgens aufwacht und feststellt: Der Tag beginnt mit einer Last, die auch der Schlaf nicht lindern konnte“. Klassisch sei, dass man immer wieder von seinen Gefühlen überwältigt wird, mit anderen Menschen das Gespräch sucht und sich über den Krisenzustand austauscht. „Dieser Prozess ist gut und extrem wichtig“. Auf persönlicher Eben wird dadurch dieser Krisenzustand oft schnell überwunden. Das zeige sich darin, dass wir emotional gefasster sind. „Von außen kann das schnell so aussehen, als wären wir nun moralisch abgestumpft, aber so ist es nicht“.

„Wir müssen uns an den Weltschmerz gewöhnen, damit wir handeln können“

Laut Neuritt kann man nämlich erst produktiv handeln, wenn man sich auf den neuen äußerlichen Zustand eingestellt hat, damit man mögliche Szenarien ausloten und abwiegen kann. „Wir müssen uns an den Weltschmerz gewöhnen, damit wir Lösungen finden können“, erklärt der Psychologe. Würden wir unseren Gefühlen die ganze Zeit freien Lauf lassen, wäre es nahezu unmöglich, dass Menschen in Krisengebieten arbeiten, etwa als Rettungssanitäter:innen. Was wir also tun, ist eigentlich genau das Gegenteil der Abstumpfung: Wir handeln - oder versuchen es zumindest.

Prozess ist individuell

Wie gut der Prozess der Verarbeitung gelingt, sei individuell. „Jeder Mensch ist anders, hat unterschiedliche Ressourcen zur Verfügung und bringt eine unterschiedliche Sensibilität und Vorgeschichte mit sich“. Nicht individuell ist natürlich der faktische - politische - Krisenzustand. Er dauert an, ist komplex und vielschichtig und damit der dritte Zustand, der als Maßstab auftritt.

Was sollte man also tun?

Der Psychologe empfiehlt, eine gute Balance zu finden. Man könne sich den derzeitigen Zustand etwa als Pendel vorstellen. „Wir pendeln zur politischen Sicherheitskrise hin und holen uns dort Infos, die wir für weitere Handlungen brauchen, danach pendeln wir gefasst zur Akzeptanz und versuchen, die Information in Handlungen umzusetzen“. Wem dies nicht gelingt, driftet in ein Extrem ab: Man bleibt entweder ohnmächtig und schottet sich ab oder verfällt ins Verharmlosen. Dafür wäre ein bewusster Medienkonsum wichtig. Wir sollten gezielt, die Informationen, die uns begegnen kontrollieren - etwa am Ende des Tages in einem abgesteckten Zeitraum die Nachrichten lesen und auf Fake News checken. BuzzFeed hat hierfür etwa einen Fake News-Ticker zum Ukraine-Krieg eingerichtet.

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