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22 Fragen an Gerald Grosz: „Es wird eine große Überraschung geben, da bin ich mir sicher“

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Von: Johannes Pressler

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Gerald Grosz lächelt in die Kamera.
Von der BZÖ und dem „OE24.TV“-Studio in die Hofburg? Gerald Grosz, Kandidat zur BP-Wahl 2022. © Johannes Pressler/BuzzFeed Austria

Gerald Grosz, Kandidat zur Bundespräsidentenwahl 2022, im großen Interview mit BuzzFeed Austria.

„Wählst Du Gerald Grosz, bist Du die Regierung los“, heißt einer der pointierten Slogans von Gerald Grosz, einem der sieben Kandidaten zur Bundespräsidentenwahl 2022. Die meisten Versprechen im Wahlprogramm des ehemaligen FPÖ- und BZÖ-Politikers sind großteils ein Best-of aus dem rechten Lager: EU-Austritt Österreichs, Ende der Sanktionen gegen Russland, die Unantastbarkeit der Neutralität. Im Interview mit BuzzFeed Austria spricht der Steirer über sein politisches Vorbild Jörg Haider, was ihn von FPÖ-Kandidat Walter Rosenkranz unterscheidet und ob er als Bundespräsident die Regenbogenparade besuchen würde.

22 Fragen an ...

... ist die Interview-Serie von BuzzFeed Austria zur Bundespräsidentenwahl 2022. Alle sieben Kandidaten haben die Möglichkeit, sich unseren Lesern und Leserinnen näher vorzustellen. Bundespräsident Alexander Van der Bellen und FPÖ-Kandidat Walter Rosenkranz haben die Einladung aus Termingründen abgesagt. Heinrich Staudinger hat auf unsere Anfrage (und Nachfrage) bis dato nicht geantwortet.

BP-Wahl 2022: 22 Fragen an Gerald Grosz

1. Können Sie sich noch an den genauen Moment erinnern, als Sie sich dazu entschieden haben, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren?

Sehr genau, es war zwischen Weihnachten und Neujahr. Ich hatte Freunde bei uns im Wochenendhaus in der Südsteiermark eingeladen. Irgendwann ist die Bundespräsidentenwahl zum Thema gekommen. Eine Freundin fragt mich, warum ich nicht kandidieren würde. Wenige Tage später treffe ich einen sehr langen Wegbegleiter, der mich plötzlich dasselbe fragt. „Was ist denn hier los?“, dachte ich mir. Ich bin irrsinnig schnell begeisterungsfähig. Um den 7. Jänner habe ich es dann über die Social-Media-Kanäle hinausgeblasen, dass ich es wollen würde. Ab diesem Zeitpunkt habe ich an meiner Kandidatur gearbeitet.

2. Jetzt ist es so weit, Sie befinden sich mitten im Wahlkampf. Eines Ihrer zentralen Versprechen: Als Bundespräsident würden Sie die Regierung sofort entlassen. Würden Neuwahlen nicht nur noch mehr Instabilität erzeugen, als es ohnehin derzeit schon gibt?

Wenn Neuwahlen immer Instabilität bringen würden, müsste man sie ja verbieten. Ob eine Neuwahl nach drei, vier oder fünf Jahren stattfindet, ist Geschmacksache. Ich habe es mit einer Regierung zu tun, die seit vier Jahren alles falsch macht, was man nur falsch machen kann. [Anmerkung: Die Grünen sind seit 2020 in der Regierung.] Also lieber ein Ende mit Schrecken anstatt ein Schrecken ohne Ende, was diese Bundesregierung betrifft.

3. Wer ist Ihr politisches Vorbild?

Herbert Haupt und Jörg Haider. Die beiden haben mein politisches Leben massiv geprägt. Herbert Haupt, damals Sozialminister und mein Chef, war ein großer Mentor für mich. Wir sprechen nach wie vor regelmäßig. Diese Freundschaft hat gehalten. Und natürlich war Jörg Haider eine der prägenden Personen in meinem Leben. Das ist so, wird auch immer so bleiben. Ich bin der Meinung, dass Loyalität und Freundschaft den Tod nicht kennen. Ich überlege mir nach wie vor regelmäßig: Wie hätte es Haider heute gemacht?

4. Sie haben Jörg Haider mal als „Gigant der Republik“ bezeichnet. Herbert Haupt und Heinz-Christian Strache haben Sie die Jörg-Haider-Medaille verliehen. Geraten mit solchen Würdigungen die politischen Fehlschritte von Haider nicht zu sehr in den Hintergrund?

Es gibt Schatten und Licht, wie in jedem politischen Leben. Es ist auch bei Bruno Kreisky sehr viel Licht und Schatten gewesen. Das Vermächtnis von Haider - seiner gesamten politischen Karriere - ist zweifelsohne so groß gewesen, dass ich durchaus nach wie vor und weiterhin dieses große politische Vermächtnis im Positiven hüten möchte. Sehr viele politische Themen, die heute immer noch besprochen werden, hat Haider in Wahrheit schon vor zwanzig, dreißig Jahren geprägt. Die Art und Weise der Vorwürfe hätte ganz anders ausgesehen, wenn er sich selbst verteidigt hätte können.

Links Johannes Pressler und rechts Gerald Grosz.
Gerald Grosz im Interview mit Johannes Pressler von BuzzFeed Austria. © Johannes Pressler/BuzzFeed Austria

5. Haider war ja auch Parteichef der FPÖ. Passend dazu habe ich auf Twitter zuletzt folgenden Kommentar gelesen: „Du kannst Gerald Grosz aus der FPÖ bekommen, aber nicht die FPÖ aus Gerald Grosz.“ Die Wahlprogramme sind ja durchaus ähnlich. Also warum sollten dann die wahlberechtigten Menschen in Österreich Sie und nicht FPÖ-Kandidat Walter Rosenkranz wählen?

Es gibt auch sehr viele Unterschiede. Walter Rosenkranz ist 60 Jahre alt, ich bin 45. Er ist Jurist, ich bin Unternehmer. Ich suche nicht das Gegeneinander bei Walter Rosenkranz - so wie ich auch nicht das Gegeneinander bei Marco Pogo [Anmerkung: Dominik Wlazny], Michael Brunner oder Tassilo Wallentin suche. Ich suche die Herausforderung mit Alexander Van der Bellen. Die stelle ich in den Mittelpunkt meiner Überlegungen. 

6. Doch wie genau unterscheiden sich jetzt Ihre Wahlversprechen mit jenen von Rosenkranz?

Es gibt keinen Kandidaten außer mir, der sich dazu verpflichtet hat, am Tag seiner Angelobung die Regierung zu entlassen. Es gibt keinen weiteren Kandidaten außer mir, der auf die Hälfte seines Gehalts verzichten würde. Dieses Versprechen habe ich in einem Notariatsakt eidesstattlich erklärt. Ich glaube, dass ich in meinen Äußerungen, Botschaften und Punkten sehr prägnant und auch sehr hart bin, dadurch aber auch um einiges verlässlicher bin als andere, die vielleicht mehr herumeiern.

7. 1,4 Millionen Menschen, die in Österreich leben und eigentlich alt genug zum Wählen wären, dürfen am 9. Oktober nicht wählen. Sollte sich das nicht schleunigst ändern?

Ich darf auch nicht in Washington wählen. Eine sehr liebe Freundin, die seit 25 Jahren in Los Angeles lebt und mit einem Amerikaner verheiratet ist, hat auch nicht die US-amerikanische Staatsbürgerschaft, sondern die österreichische. Sie ist Auslandsösterreicherin und kann daher in Österreich wählen, aber nicht in Amerika. Das ist das Wesen der Staatsbürgerschaft. Das Wahlrecht ist ein Staatsbürgerschaftsrecht. Ich bin daher gegen das Verwässern der Staatsbürgerschaft, sondern sehr dafür, dass sie mit besonderen Privilegien verbunden ist.

8. Gleichzeitig gilt das österreichische Staatsbürgerschaftsrecht als eines der strengsten auf der ganzen Welt. Man hört immer wieder von Behördenversagen und dass es Menschen, die sogar schon länger in Österreich leben, sehr schwierig gemacht wird, die Staatsbürgerschaft zu erhalten. Hier passt also alles aus Ihrer Sicht?

Also ich kenne einen strengeren Umgang mit dem Staatsbürgerschaftsrecht. Ich brauche nur in die USA schauen, wo nur einem kleinen Teil der Weltbevölkerung überhaupt zugestanden wird, in Form einer Verlosung einen Antrag stellen zu dürfen, geschweige denn die Staatsbürgerschaft zu bekommen. Wenn wir auch einen Blick in andere europäische Länder werfen - so einfach ist das nicht.

9. Es gibt allerdings eine Studie des Migrant Integration Policy Index aus dem Jahr 2020 über die Zugänge zur Staatsbürgerschaft in insgesamt 56 Ländern. Österreich ist hier mit Bulgarien europäisches Schlusslicht. Nur Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate haben ein noch strengeres Staatsbürgerschaftsgesetz.

Schauen Sie, genau in diesem Bereich haben wir folgendes: Anspruch und Wirklichkeit. Der Anspruch ist sehr streng, die Wirklichkeit eine lasche. Das Staatsbürgerschaftsrecht muss ein wohlerworbenes Recht bleiben. Sie eröffnet Privilegien und ist nur unter gewissen Pflichten zu erringen. Ich möchte daran nicht rütteln. Ganz im Gegenteil, sie muss ein hohes Gut bleiben und die Regierung und die Behörden dürfen die Staatsbürgerschaft nicht einfach nachwerfen. Dasselbe gilt auch für privilegierte Staatsbürgerschaften. Ich habe nie verstanden, warum man einem Künstler die Staatsbürgerschaft so einfach gibt. Sie ist ja kein Ehrenzeichen.

Gerald Grosz spricht vor den Medien und trägt eine rote Kappe.
„Das Staatsbürgerschaftsrecht muss ein wohlerworbenes Recht bleiben“, sagt Grosz. © Eva Manhart/APA-PictureDesk

10. Wohin ging Ihre letzte Auslandreise?

Vor vier Wochen war ich in der Toskana.

11. Apropos Italien: Sie versprechen den Austritt Österreichs aus der Europäischen Union. Warum?

Seit 1994 haben sich die Umstände der Mitgliedschaft vollkommen geändert. Die Menschen sind damals nicht befragt worden, ob sie eine eigene Währung haben wollen. Sie wurden auch nicht gefragt, ob sie gerne eine EU-Führung haben wollen, die sich mit ihrer Budget-Hoheit langsam, aber sicher an einem Projekt orientiert, das ich nicht will: die Vereinigten Staaten von Europa. Ich will nicht mehr Europäische Union, ich will mehr Europa. Nicht erst seit dem Wirtschaftskrieg im März 2022 ist die EU ein Teil des Problems - und nicht ein Teil der Lösung.

12. Das letzte Land, dass aus der EU ausgetreten ist, war Großbritannien. Ein Bericht aus dem April 2022 zeigt jedoch, dass der Brexit „zu signifikanten höheren Kosten für Verwaltung, Logistik, Zölle, Finanzierung und IT-Anpassungen bei gleichzeitig gesunkenen Umsatzerlösen geführt“ hat. Könnte sich das Österreich wirklich leisten?

Wir zahlen derzeit den höchsten Preis für die Mitgliedschaft in der Europäischen Union, weil wir uns an einem Wirtschaftskrieg gegen Russland beteiligen, der in Wahrheit unsere eigene Volkswirtschaft vernichtet. Wir schlittern nicht nur in eine Wirtschaftskrise, sondern in eine Finanzkrise. Die Probleme in Großbritannien haben in erster Linie nichts mit dem Brexit zu tun, sondern mit der Entscheidung von Boris Johnson, in diesem Wirtschaftskrieg federführend zu sein. Ich glaube nicht mehr an den Mythos, dass in Großbritannien Pest und Cholera herrscht, wir in der EU sind aber gleichzeitig so glücklich.

13. Würden Sie als Bundespräsident Wladimir Putin in Österreich empfangen?

Ja freilich.

14. Auf welcher Social-Media-App sind Sie am liebsten? Und welches Emoji würden Sie dort verwenden, um so kurz vor der Wahl Ihre derzeitige Gefühlslage zu beschreiben?

Ich sehe mir gerne Videos auf TikTok an. Ich empfinde es als total lässig und amüsiere mich teilweise köstlich. Als Emoji würde ich das Lachende mit der Träne am Kopf nehmen. [lacht]

15. Mit welchem Filmcharakter können Sie sich am meisten identifizieren? 

Louis du Funès in „Der Gendarm aus Saint Tropez“. Du Funès war einer der größten Komiker aller Zeiten. Ich bin an und für sich ein humorvolles Kerlchen, dieses Genre hat mich daher immer interessiert. Großartig daran ist, dass es nicht reiner Klamauk ist, sondern hohe schauspielerische Kunst. Identifizieren kann mich mit der Rolle des bösartigen Gendarmen von Louis du Funès vielleicht weniger, aber ich kann mich sehr wohl mit allen Filmrollen identifizieren, die komisch sind. Ich glaube nämlich, dass das Leben auch sehr komisch ist. 

16. Zu ihrem eigenen Charakter haben Sie kürzlich in der Tageszeitung „Der Standard“ gesagt: „Ich weiß, dass ich bunt bin.“ Zu bunt für das Amt des Bundespräsidenten?

Nein. Dieses Amt bietet genügend Platz, auch von einem Gerald Grosz verändert zu werden. Es ist ein aktives und verantwortungsvolles Amt. Einerseits ein Staatsoberhaupt nach außen hin, man muss eine gewisse Würde und Stabilität ausstrahlen - andererseits nach innen hin ein Mensch, der nicht stumm und still ist, wenn sich politische Entwicklungen zum Nachteil der Gesellschaft verändern. Ich bin authentisch und glaubwürdig - in allem, das ich tue. Ich stehe zu mir, zu meinem Scheitern und meinen Erfolgen. Ich verstecke mich aber auch nicht.

17. Seit 2013 leben Sie mit Ihrem Lebensgefährten in einer eingetragenen Partnerschaft. Obwohl Österreich beim Regenbogenindex 2022 nur im EU-Mittelfeld steht, sucht man in ihrem Wahlprogramm vergeblich nach Forderungen für mehr LGBTQ+-Rechte. Warum?

In meinen Standpunkten, die ich umsetzen will, habe ich mich auf die Rechte und Pflichten des Bundespräsidenten beschränkt. Ja, ich bin der erste homosexuelle Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten in der Geschichte der Republik Österreich. Ich war der erste homosexuelle Nationalratsabgeordnete, der eine eingetragene Partnerschaft eingegangen ist. Ich glaube, ich bin durchaus divers genug, als bunt empfunden zu werden. Ich mache damit aber keine Politik. Für mich ist meine Sexualität etwas Normales und nichts Außergewöhnliches. Es ist weder ein Privileg noch eine Bürde. Es ist das, was es ist.

18. Würden Sie als Bundespräsident die Regenbogenparade besuchen?

Sicher, warum denn nicht? Als es den Life Ball noch gegeben hat, bin ich liebend gerne dort hingegangen. Das war eine wirklich großartige Veranstaltung. Ich bin nur kein Aktivist. Ich würde die Regenbogenparade aus Spaß besuchen, aber nicht aus aktivistischen Gründen - gerade als Bundespräsident nicht. Ich habe sie aber noch nie besucht. Wahrscheinlich, weil es sich noch nie ausgegangen ist oder ich mittlerweile in einem Alter bin, wo ich das nicht mehr so pfiffig finde. 45-Jährige gehen um 23 Uhr nämlich lieber schon ins Bett.

19. Wenn wir schon bei Paraden bzw. Partys sind: Was ist Ihr Lieblingsdrink?

Negroni.

20. Wenn Sie mit einem der sechs anderen Kandidaten auf einen Negroni gehen könnten, um sich über Politik auszutauschen - welchen würden Sie wählen?

Ich finde alle Kandidaten sehr spannend. Besonders interessant und jemand, den ich als sehr freundlich empfunden habe, ist der Marco Pogo. Er ist eine durchaus sehr wertschätzende Persönlichkeit, mit der ich bereits ein Bier getrunken habe.

21. Die Prognosen der letzten Wochen schwanken bei Ihnen zwischen sechs und neun Prozent. Was ist Ihr Wahlziel für den 9. Oktober?

Den Amtsinhaber in die Stichwahl zu zwingen. Die Bundespräsidentenwahl ist traditionell die einzige Wahl in Österreich, wo alle Umfrageinstitute immer daneben gelegen sind. Gehen Sie also davon aus, dass der 9. Oktober für uns alle eine große Überraschung bieten könnte. Ich würde mir wünschen, dass ich Bestandteil dieser Überraschung bin. Es wird jedenfalls eine geben, da bin ich mir sicher.

22. Sollte es für Sie nicht klappen, wird das die letzte Wahl mit Ihrem Namen auf einem Stimmzettel sein?

Der Gebursttermin dieser Idee, mit der ich jetzt schwanger geworden bin, ist der 9. Oktober. Ich habe derzeit keine besondere Motivation, mit einer neuen Idee schwanger zu gehen. 

22 Fragen an ...

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Anmerkung: Dieser Artikel wurde ursprünglich am 20. September 2022 veröffentlicht.

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