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Hat Österreich wirklich seit 1964 nicht mehr berechnet, wie viel Kinder kosten? Wir haben falsche Berichte richtiggestellt

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Von: Helena Dimmel

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Kind hat fünf Euro Schein in den Händen
Noch immer gibt es in Österreich Kinderarmut. © Imago/Ute Grabowsky/photothek.net

Die österreichische Kinderkostenstudie 2021 des Gesundheitsministeriums hat aufgedeckt, was schon lange klar war: Kinderkriegen ist teuer, viele Beihilfen und Sozialleistungen sind zu niedrig angesetzt.

Lieber Herr Minister Mückstein, erstmal Danke fürs Veranlassen der neuen Studie. Geliebtes Vaterland, ist das wirklich die erste Berechnung seit 1964?! Hat das wirklich so lange gedauert?

In Österreich haben wir des Öfteren eine offensichtliche Kluft zwischen Bewusstsein und Handeln. Also im Sinne von: Wir wissen, da gibt es ein Problem. Aber dann tun wir nix dagegen. Seit Beginn der Pandemie sieht man das beim einen oder anderen Fall ganz gut. Wenn zum Beispiel ein gewisser Ex-Bundesbasti nach Einführung der äußerst sinnvollen FFP2 Masken-Pflicht in den Sommermonaten 2021 besagte Maskenpflicht lockert und wieder alle in den Öffis mit ihrem Mund-Nasen-Diachl herumsitzen, das oben und unten Luftraum für eine ganze Vogelfamilie plus Nest bietet.

Ein allgemeines Raunen geht dann durch die Bevölkerung, ein Ausdruck des kollektiven Bewusstseins, dass wir gerade wieder mal einfach so tun, also würde es ein Problem nicht geben. Wir sind halt so. Also so, im Sinne von, träge. Lösungs-müde. Eine Nation, die sich ihrer Probleme bewusst ist, sie aber einfach gerne mal unter den Teppich kehrt.

Das österreichische Gesundheitsministerium hat erst kürzlich eine neue Kinderkostenstudie vorgelegt. Die erste seit 1964, schreiben die Medien. Wieder so ein typischer österreichischer Fall von Problem-unter-Teppich-kehren? Aus den aktuellen Tageszeitungen erfährt man, dass bis zuletzt die 1964er-Studie die Bemessungs-Grundlage für die Höhe von Transferleistungen (staatliche Geldleistungen, für die man keine Gegenleistung erbringen muss, wie etwa die Familienbeihilfe) gewesen sei. Die Werte wurden nur jährlich auf Basis des Verbraucherpreisindexes (dem Maßstab für die allgemeine Preisentwicklung bzw. für die Inflation in Österreich) angepasst, heißt es. Warum zur Hölle hat man da seit der letzten Erhebung 1964 so viel Zeit vergehen lassen?

Die Berichterstattung in den Medien war nicht akkurat

Dass die vom Gesundheitsministerium aufgegebene Kinderkostenstudie 2021 die erste seit 57 Jahren ist, stimmt so nicht. Mit der österreichischen Konsumerhebung (der Haushaltsausgaben-Statistik) wird in unregelmäßigen Abständen bemessen, wie hoch die Aufwendungen von Elternhaushalten für ihre Kinder sind. In den letzten 20 Jahren wurden außerdem mehrere Studien vorgelegt, die die tatsächlichen Kinderkosten in verschiedenen Familienkonstellationen berechnet haben, zum Beispiel vom Wirtschaftsforschunginstitut, dem Österreichisches Institut für Familienforschung, dem Sozialministerium, dem europäischen Zentrum oder der österreichische Volkshilfe. Die wissenschaftlichen Methoden, mit denen man Daten erhoben hat, waren dabei immer ähnlich. Fazit: Die jetzigen Kinderkosten und deren Bemessungsgrundlage basieren also nicht, wie man in den Medien in letzter Zeit lesen kann, auf einer 1964er Studie. Da sind wir dann in Österreich doch schon auf einem neueren Stand (thank god).

Soziale Probleme im Fokus: Darum ist der Medienrummel in jedem Fall super

Worauf uns die neue Kinderkostenstudie 2021 allerdings einmal mehr aufmerksam macht, ist, wie teuer das Kinderkriegen ist: Für ein Kind brauchen zwei Erwachsene rund elf Prozent mehr Einkommen, für zwei Kindern 23 Prozent. Ein:e Alleinerziehende:r bräuchte bei einem Kind sage und schreibe 43 Prozent mehr Einkommen, bei zwei Kindern 68 Prozent. Da stellt sich einerseits die Frage, ob man sich das leisten kann und will, andererseits wird klar, dass Armut im Kindes- und Jugendalter auch in Österreich noch immer ein schwerwiegendes Problem ist, dass gerade Frauen und Alleinerziehende finanziell belastet sind.

Die Medienberichterstattung zur Studie hat erneut den Diskurs entfacht, warum wir als wohlhabender Sozialstaat noch immer keine holistische Lösung für Kinderarmut haben. Von vielen Expert:innen wird eine Kindergrundsicherung gefordert, die die finanziellen Grundbedürfnisse von Kindern abdeckt. An so einer Grundsicherung und deren Umsetzung forscht derzeit unter anderem die Volkshilfe. Außerdem wird von vielen Seiten die Forderung nach einer Anpassung der Transferleistungen an heutige Lebensrealitäten und dem Ausbau der Kinderbetreuung laut. Kurz gesagt: Wir reden wieder darüber, dass sozial schwache Menschen in Österreich mehr Unterstützung brauchen. Und das ist gut so.

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