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Die Mehrheit der Jugendlichen in Österreich weiß extrem wenig über den Holocaust, wir haben nachgefragt warum

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Von: Sophie Marie Unger

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Schüler:innen betreten eine Gaskammer im ehemaligen österreichischen KZ Mauthausen
Schüler:innen besuchen das ehemalige österreichische Konzentrationslager Mauthausen. © Herwig Prammer/APA Picturedesk

Wie viele Juden und Jüdinnen wurden im Holocaust ermordet und was ist Antisemitismus eigentlich? Bei vielen jungen Menschen gibt es laut einer Studie große Wissenslücken. Doch warum ist das so? Wir haben Schüler:innen befragt.

77 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz finden heute wieder zahlreiche Holocaust-Gedenkveranstaltungen statt. Doch an wen sich diese genau richten und wo der Holocaust primär stattgefunden hat, scheint vielen jungen Menschen in Österreich überhaupt nicht klar zu sein. Das zeigt zumindest die Studie „Generation des Vergessens?“ des Zentrums für Politische Bildung, welche an der Pädagogischen Hochschule in Wien durchgeführt wurde. 1.185 Schüler:innen der 9. Schulstufe unterschiedlicher Bildungseinrichtungen (AHS, BHS, BMS, PTS) wurden über Bereiche der nationalsozialistischen Geschichte und des Holocaust befragt.

Das Ergebnis ist problematisch

Egal, ob nun Faktenwissen über die nationalsozialistische Vergangenheit abgeprüft wurde oder es um die Auswirkungen auf die Gegenwart ging - heimische Jugendliche sind unterdurchschnittlich aufgeklärt. So ist bspw. nur jede:r fünfte 15-Jährige fähig, Namen wie Hermann Göring, Heinrich Himmler oder Joseph Goebbels richtig einzuordnen. Auf die Frage nach Konzentrationslagern der Nazis in Österreich können 42 Prozent der Befragten das ehemalige KZ in Mauthausen nicht nennen. Ein Drittel der 15-Jährigen glaubt zudem, dass im Holocaust weniger als zwei Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Sogar bei reinen Begrifflichkeiten tut man sich schwer: 81 Prozent der befragten Jugendlichen können gar keine oder nur eine falsche Definition von Antisemitismus nennen.

Doch warum ist das so?

In der politischen Diskussion wird, insbesondere wenn es um den Kampf gegen Antisemitismus geht, oft gefordert, sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. „Gegen das Vergessen“ heißt es in zahlreichen Kampagnen und Aktionen. Doch bildungstechnisch scheint diese Forderung nicht unbedingt zielführend. Wir haben vier Schüler:innen dazu befragt.

Wie würdest du deinen Wissensstand zum Holocaust einschätzen?

Miriam: Ich glaube schon etwas darüber zu wissen, doch irgendwie habe ich oft das Gefühl, ich kann die Tatsachen und Vorfälle nicht genau benennen und einordnen. Im Geschichtsunterricht bekommen wir sehr viele Fakten aufgetischt, die ich mir nicht einfach so merken kann.

Leon: Ich habe meine vorwissenschaftliche Arbeit genau darüber geschrieben. Das heißt, ich kenne mich, glaub ich, sehr gut aus. Ich habe mich sehr stark mit der Frage beschäftigt, was die NS-Ideologie ausmachte und warum sie so stark wirkte. Dazu habe ich auch Interviews mit einem Zeitzeugen geführt. Hätte ich das nicht getan, wären mir aber wichtige Infos verwehrt geblieben.

Wie genau werden euch die Infos denn vermittelt?

Amela: Also wir haben uns einmal einen schwarzweiß Film angeschaut, bei dem man abgemagerte Juden und Jüdinnen gesehen hat. Die Hälfte der Klasse hat daraufhin abgebrochen und das Zimmer verlassen. Zudem haben wir Mauthausen besucht und dort die Gaskammer gesehen. Das war wahnsinnig schrecklich.

Lukas: Bei uns wurden vorwiegend Schulbücher als Lernmaterial verwendet, aber auch einige YouTube-Videos kamen zum Einsatz. In Mauthausen waren wir auch, dort hat man gemerkt, dass sich viele Mitschüler:innen erst dann richtig mit dem Thema auseinandergesetzt haben.

Was würdet ihr euch hinsichtlich der Holocaust-Aufarbeitung denn wünschen?

Miriam: Man liest sich halt da die 30 Seiten im Geschichtebuch durch und schaut sich die alten Fotos an, die natürlich schlimm sind, aber irgendwie verdrängt man das auch ein bisschen, weil man sich nicht in die Lage von damals versetzen kann. Auch wenn man weiß, dass man es nicht vergessen darf, findet das irgendwie automatisch statt, eben weil es so schlimm war. Ich würde mir wünschen, dass man mit dem Wissen auch wirklich Handlungen im Hier und Jetzt setzen kann.

Leon: Ich glaube, dass, wenn einem das Thema nicht von Haus aus extrem interessiert (wie das eben bei mir der Fall war), dann eben mehr Einbindung nötig ist. Also, dass ein Workshop gemacht wird und mit Medien gearbeitet wird, die nicht nur aus schwarzweiß Bildern bestehen, dass Fragen an Zeitzeug:innen ausgearbeitet und auch selbst gestellt werden können.

Hast du, Leon, denn einen Vorschlag für solch einen Workshop?

Leon: Ich war zum Beispiel beim Workshop des Mauthausen-Komitees. Da ging es um Zivilcourage, um den Vergleich der Held:innen von damals mit den Online-Held:innen von heute. Da gab‘s eine dazugehörige App, das war wirklich nice. Ich glaub, der Workshop ist sogar gratis.

Auf den aktuellen Corona-Demonstrationen sieht man immer wieder Abzeichen, die einem Judenstern ähnlich sehen und auch Hitler-Plakate kommen zum Einsatz, was hältst du davon?

Amela: Das ist wirklich schlimm. Es ist mehr als niveaulos und gehört meiner Meinung bestraft, weil Opfer des Holocaust so verhöhnt werden.

In vielen Ländern sind Menschenrechtsverletzungen noch immer an der Tagesordnung. Wie wird das im Unterricht behandelt?

Lukas: Bei uns werden die verschiedenen Menschenrechte und ihr Schutz überhaupt nicht behandelt, obwohl ich das echt schade finde, weil es ein extrem wichtiges Thema ist - auch wenn man aus Fehlern der Vergangenheit lernen will.

Der Bezug zur Gegenwart ist auch laut Wissenschaft essenziell

Thomas Hellmuth unterrichtet Didaktik der Geschichte an der Uni Wien. Im Unterricht sei es enorm wichtig, mit „Subjektorientierung, Handlungsorientierung, Gegenwartsbezug“ zu arbeiten. Die leitende Frage solle dabei lauten „Welche Rolle spielt denn die Vergangenheit aktuell in unserer Lebenswelt?“. Zahlreiche Studien belegen, dass sie eine verdammt große Rolle spielt, denn rechtsextreme und antisemitische Straftaten steigen seit Jahren quantitativ an. Dafür ist auch der internationale Aufstieg des Rechtspopulismus verantwortlich. Der Tendenz, dass der Nationalsozialismus „zunehmend historisiert“ wird, müssten Lehrende also entgegenhalten. Auch Lucia Heilman, eine Überlebende des NS-Regimes, warnte in unserem Interview davor, dass die Botschaft des Vergessens eine Illusion sei.

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